Papst Franziskus reist am 21. September in ein Land mit grossen Problemen
Tirana, 16.9.14 (Kipa) Die Arbeitslosenrate liegt bei rund 15 Prozent, der Netto-Durchschnittslohn bei etwa 300 Franken. Die Preise für Benzin, Wohnen und Lebensmittel orientieren sich immer mehr am westlichen Niveau. Eklatantes Beispiel für dieses Ungleichgewicht sind die Treibstoffpreise: ein Liter Diesel kostet in Albaniens Hauptstadt Tirana rund 1.80 Franken. Papst Franziskus besucht am 21. September das Land.
Albanien gilt nach wie vor als ein Land mit «äusserst niedrigem Lohnniveau». Ähnlich niedrig ist das Lohnniveau im europäischen Raum nur noch im Kosovo. Kurz- bis mittelfristig werde daran laut Lukas Steinwendtner, Programmreferent bei Caritas-Österreich für Albanien, auch der letzte Fortschrittsbericht der Europäischen Union von Oktober 2013 wenig ändern, der das Land im Zusammenhang mit der darin enthaltenen Empfehlung, Albanien den Kandidatenstatus zuzuerkennen, ein Stück näher an die EU gerückt hat.
Ein schneller Beitritt des drei Millionen-Einwohnerlandes sei aber unwahrscheinlich, so die Einschätzung des Caritas-Mitarbeiters gegenüber den Korrespondenten der Presseangentur Kipa inn Wien am Dienstag, 16. September. Steinwendtner teilt die Meinung anderer Experten, dass die Aufnahme Albaniens in die Staatengemeinschaft noch «mindestens ein Jahrzehnt» auf sich warten lassen werde.
Gegen einen baldigen EU-Beitritt spreche das Korruptionsproblem in dem bis 1991 unter kommunistischer Herrschaft stehenden Land. Nach wie vor sei Bestechung ein «grosses – allerdings in der Zwischenzeit auch öffentliches Thema». Wie die Korruption den Alltag beeinflusst, lasse sich etwa am Krankenhausbesuch festmachen: «Muss man zum Arzt ins Spital, dann kommt man nur zur Untersuchung oder zur Behandlung, wenn man auch illegale Beiträge zahlt», so der Caritas-Mitarbeiter. «Markante Aktionen» der derzeitigen Regierung liessen aber darauf hoffen, dass der Kampf gegen die illegalen Geschäfte voranschreitet.
12,5 Prozent der albanischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Der Grossteil der rund 375.000 Betroffenen wohnt in baufälligen Gebäuden in ländlichen Gebieten von kleinen Subsistenzlandwirtschaften. Dem Einzelnen stünde dort nur ein Fünftel der Geldmittel im Vergleich zu Stadtbewohnern zur Verfügung, rechnet Steinwendtner vor. Arbeit gebe es auf dem Land kaum, das «Einkommen» der ländlichen Bevölkerung finde deshalb auch keinen Niederschlag in den öffentlichen Lohnstatistiken.
Als letzter Ausweg bleibe für viele Familien nur die Abwanderung in die nächstgelegene Stadt, deren Strukturen für die Armutsflüchtlinge «nicht geschaffen sind». Viele der Probleme würden sich durch die gut funktionierenden Familienstrukturen wieder ausgleichen. Die Sorge älterer Menschen etwa obliege der Familie. Mehrere-Generationen-Haushalte seien in Albanien mehr Regel als Ausnahme. «Kritisch wird es dann, wenn etwas Unvorhergesehenes die allgemeine Not der Familie noch verschlimmert. Dann ist das soziale Netz zu durchlässig», betont Steinwendtner. Ein trauriges Beispiel seien Familien mit behinderten Kindern. Trotz staatlicher Unterstützung haben 80 Prozent dieser Kinder keine Schule besucht.
Staatliche Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen gebe es kaum. Ein grosses Problem sei auch die Auszahlung der Beiträge, die auf Gemeindeebene organisiert ist und «in Zeiten von Wahlkämpfen besser funktioniert als in Zeiten danach». Mittlerweile gebe es aber erste positive Anzeichen vonseiten der Regierung, das Sozialsystem grundlegend verändern zu wollen.
Der Franziskaner-Provinzial in Albanien, Gazmend Tinaj, kennt die Probleme. Die ökonomische Situation sei in den letzten Jahren zwar etwas besser geworden, aber noch immer haben viele Familien nicht genügend zu essen und vor allem im Bereich Bildung «fehle es an allen Ecken und Enden». Mit dem Projekt «Antonios-Brot» versuchen die Franziskaner gemeinsam mit den Kapuzinern in der 77.000-Einwohner-Stadt Shkodra im Norden des Landes zumindest den gröbsten Hunger zu beseitigen. Das Projekt stelle sicher, dass jede Familie genügend Brot zur Verfügung hat. Zurzeit unterstütze man rund 60 Familien.
Auf dem Bildungssektor unterstütz der Orden eine Höhere Technische Lehranstalt, die neben einem ihrer beiden Klöster in Shkodra aufgebaut wurde. Den Baugrund stellten die Mönche zur Verfügung, die Kosten für den Bau und den Erhalt der Schule übernahmen zum Grossteil die österreichische und die albanische Regierung. Unterrichtssprache ist Albanisch, geleitet wird die Schule aber von einer Österreicherin. Im Kloster selber bieten die Patres 20 Schülern, die sich den Schulbesuch sonst nicht leisten könnten, Kost und Logie gegen einen kleinen Unkostenbeitrag. (kipa/kap/gs)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/armut-in-albanien-hat-viele-gesichter/