«Papst hat uns Beine gemacht»

Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel, zur Ehe-Umfrage:

Bern, 4.2.14 (Kipa) Die Schweizer Bischöfe wollen die Ergebnisse ihrer Umfrage zu Ehe und Familie ernst nehmen und auf Schweizer Ebene prüfen, wie diese in der Seelsorge umgesetzt werden können. Das sagte der Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), Erwin Tanner, am Dienstag, 4. Januar, in Bern vor den Medien. SBK-Präsident Markus Büchel wies bei dem Anlass die Sichtweise des Ordinariats Chur auf die Bedeutung der Sakramente als «verkürzt» zurück.

Überaus beeindruckt vom grossen Erfolg der katholischen Umfrage zur Partnerschafts-, Ehe- und Familienpastoral zeigten sich die Schweizer Bischöfe an einer Pressekonferenz am Dienstag, 4. Februar, in Bern. Das Präsidium der Bischofskonferenz war in corpore unter der Leitung von SBK-Präsident Markus Büchel angetreten, um den Journalisten Red und Antwort zu stehen.

Vor den Journalisten war auch die für kirchlich-katholische Verhältnisse grosse Eile ein Thema, mit welcher die Umfrage durchgeführt wurde. Dazu SBK-Präsident Markus Büchel: «Der Papst hat uns mit seinem Fragebogen Beine gemacht. Er erwartete die Antworten bis Ende Januar.» Dass Papst Franziskus eine «ausserordentliche» Bischofssynode für den kommenden Herbst anberaumt habe, zeige die Dringlichkeit auf, mit welcher er sich mit den aufgeworfenen Fragen befassen wolle.

Ohne das technische Knowhow des von Arnd Bünker geleiteten Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen, das von der katholischen Kirche getragen wird, wäre es der Kirche Schweiz gar nicht möglich gewesen, in der geforderten kurzen Zeit die notwendigen Fragebögen im Internet und für den Postversand bereit zu stellen. Der ursprüngliche Fragebogen, den der Vatikan an die Bischöfe schickte, sei kompliziert geschrieben. Darum haben die Bischöfe die wichtigsten Fragen herausgefiltert und so formuliert, dass sie jedermann versteht und beantworten kann, sagte SBK-Vizepräsident Charles Morerod vor den Medien.

Dennoch kamen mit neun Prozent relativ wenig Rückmeldungen aus der Westschweiz. Morerod führte dies auf Startschwierigkeiten bei der Umfrage in der Romandie zurück. Zudem wären vermutlich noch mehr Rückmeldungen eingetroffen, wenn alle Pfarrblätter den Fragebogen in ihre Ausgaben aufgenommen hätten, fügte Weihbischof Denis Theurillaz hinzu, der Mitglied des SBK-Präsidiums ist.

Zweispurig weiterfahren

Nun wird es darum gehen, die Ergebnisse auszuwerten, sowohl für den Schweiz-internen Gebrauch wie für die kommende Bischofssynode im Herbst im Vatikan, wie SBK-Generalsekretär Erwin Tanner in Bern erläuterte. Die Bischöfe werden einen Synthesenbericht nach Rom schicken. Die SBK werden mit Hilfe des Forschungsinstituts SPI gleichzeitig prüfen, in welcher Form sie die Umfrageergebnisse in die spezifische Seelsorgearbeit einfliessen lassen könne.

Die Umfrage hat gemäss SPI-Leiter Arnd Bünker eine «überdurchschnittliche Kirchenähe der Teilnehmenden» offenbart. Das Durchschnittsalter der Antwortenden lag bei 54 Jahren. Die grosse Mehrheit sprach sich für ein «probeweises Zusammenleben» vor der Ehe aus. 90 Prozent wollen eine Segnung von wiederverheirateten Geschiedenen. Sie zu den Sakramenten nicht zuzulassen, sei falsch.

Doktrinärer als Gott?

Kein Konsens herrsche hingegen bei der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, so Bünker. Rund 60 Prozent sprechen sich für eine solche Segnung aus. Die SBK wird sich bei der anstehenden Auswertung der Ergebnisse mit einer zum Teil harten Kritik der Seelsorge befassen müssen. In den Antwortbögen ist die Rede von mangelndem Vertrauen in die Pfarrer, inkompetenten Seelsorgern, wenig hilfreichen Antworten und auch davon, dass die Kirche bei Schicksalsschlägen nicht zur Stelle ist.

Auch zahlreiche Wünsche wie mehr Gesprächsbereitschaft, mehr Partnerschaftskurse und mehr Toleranz und Flexibilität in der Kirche erreichten die Bischöfe. SPI-Leiter Arnd Bünker brachte die Vielzahl der Anliegen vor den Medien auf die Formel: «Darf die Kirche doktrinärer sein als der Gott, an den man glaubt?»

Chur Spannungen

Das Bistum Chur hat eine eigene Umfrage durchgeführt und Anfang Januar Resultate veröffentlicht. Wie relevant diese sind, ist nicht auszumachen, weil das Ordinariat in Chur die Anzahl der eingegangenen Fragebögen nicht bekannt gibt. Die Katholiken im Bistum haben dennoch reagiert. Aus den Kantonen des Bistums Chur gingen über 6.000 Antworten auf die SBK-Umfrage ein.

Auf Anfrage wollte SBK-Präsident Markus Büchel den Alleingang des Bischofs von Chur nicht kommentieren, sondern sagte lediglich, jedem Bistum stehe es frei, eigene Umfragen durchzuführen. Büchel stellte jedoch eine Aussage richtig, welche das Ordinariat Chur im Umfeld der Umfrage gemacht hatte. Der Sprecher von Bischof Vitus Huonder hatte kürzlich erklärt, bei Personen, die in kirchlich «irregulärer Situation» lebten, wirke das Sakrament der Kommunion nicht. Der SBK-Präsident wies diese Auffassung als «verkürzte Aussage» zurück.

Das Ordinariat Chur hat die Resultate der SBK-Umfrage zur Kenntnis genommen und stellt fest, dass der «Wunsch», die lehramtlichen Vorgaben der Kirche im Bereich Ehe und Familie zu ändern «in Widerspruch mit dem geltenden Lehramt der Kirche» stehe. Dies führe zu Spannungen, die «alle Bischöfe in Einheit» aushalten müssen.

Annen: Wichtiges Signal

Ganz anders tönt es aus Zürich. Generalvikar Josef Annen bezeichnet auf seinem Blogg die Umfrage als ein «wichtiges Signal für die Pastoral». Die Umfrage mache deutlich, dass Weisungen der Kirche nicht mehr einfach fraglos übernommen würden. Enge Disziplin und Normen schreckten ab. Es gelte nun, zuerst einmal hinzuhören und die Erfahrungen der Betroffenen ernst zu nehmen, so der Generalvikar, denn das «Interesse am Glauben ist wach». Zukunftsweisend sei, dass die Kirche und ihre Vertreter weniger als Wissende, sondern mehr als Lernende auftreten, so Annen.

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(kipa/gs/bal)

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