In Brusio ist die Kirche noch im Dorf

Engagement der Inländischen Mission IM

Im bündnerischen Brusio ist das Glaubensleben noch intakt. Die Kinder gehen fleissig zur Schülermesse, die Gläubigen häufig zur Kommunion, und Don Giuseppe hat alle Hände voll zu tun. Nur die sanierungsbedürftige Pfarrkirche bereitet der Puschlaver Pfarrei Sorgen. Jetzt kommt Hilfe von der Inländischen Mission.

«Der Heilige Geist hilft mir bei schweren Prüfungen», «Unsere Chiesa ist zu dunkel und die Bänke sind viel zu hart», «Gott ist ein Freund, dem ich alles sagen kann» – frisch von der Leber weg erzählen die Zwölfjährigen der Pfarrei San Carlo Borromeo in Brusio, was ihnen zu Religion und Kirche einfällt. Don Giuseppe Paganini, seit 20 Jahren Pfarrer in seinem Heimatdorf, hakt nach, diskutiert mit den Fünftklässlern und erzählt ihnen von der anstehenden Kirchenrenovation. Die Fragen der Kinder lassen erahnen, wie stark die jungen Leute in der lebendigen religiösen Tradition ihres Ortes verwurzelt sind. «Alle sind sie Ministrantinnen und Ministranten und besuchen jeweils am Freitag ausnahmslos die Schülermesse», freut sich Don Giuseppe.

Aber auch die Erwachsenen sorgen in der Puschlaver Gemeinde für ein reges Pfarreileben. Die im «Terz› Ordine Francescano» zusammengeschlossenen Frauen kümmern sich um die Organisation von Bazaren und Gebetswochen, aber auch um die Reinigung der Kirche. Selbstverständlich geschieht das ohne Entgelt. Freiwilligenarbeit leisten auch die Männer, die in der «Confraternità del Santissimo Sacramento» organisiert sind. Der Bruderschaft gehören 36 Mitglieder an, darunter auch Kirchenpflegepräsident Adriano Zanoni. Sie widmen sich der Sozialhilfe, spalten etwa Holz oder räumen nach einem Unwetter auf, halten den Friedhof instand, besuchen Familien und sind für das Patronatsfest besorgt. Bei öffentlichen Auftritten sorgen sie für Aufsehen mit ihren roten Umhängen. «Die Gewänder wirken festlich und unterstreichen unsere Verbundenheit untereinander», erklärt Zanoni den Sinn der auffälligen Kleidung.

Die Reformierten gehören dazu

Nicht über mangelnde Arbeit beklagen kann sich Don Giuseppe Paganini. Am Wochenende feiert er fünf Gottesdienste, teils in Brusio, teils in den kleinen Aussenwachten, die zum Dorf gehören. Dazu kommen neben Taufen, Beerdigungen und Hochzeiten am Dienstag und Freitag Schülergottesdienste für Kinder und Jugendliche sowie der Religionsunterricht, bei dem der Pfarrer von der Katechetin Maria Angela Drissen unterstützt wird. Während der Sommerferien fährt Don Giuseppe mit einem Team von zehn Freiwilligen und 40 jungen Leuten – ein Drittel aller Kinder der Pfarrei – nach Albengha ans Meer in ein Ferienlager. Mit dabei sind natürlich auch die drei reformierten Kinder von Brusio. Die Ökumene funktioniert im kleinen Dorf. Dass zwei Kirchtürme das Dorfbild schmücken, ist heute für die Dorfbevölkerung eine Selbstverständlichkeit.

Auch regelmässige Besuche kranker und alter Menschen gehören zum Pflichtenheft des Pfarrers. Jeweils am Herz-Jesu-Freitag – dem ersten Freitag im Monat – bringt Don Giuseppe rund achtzig Gläubigen die Kommunion nach Hause. Die Menschen von Brusio sind eifrige Kirchgänger und gehen häufig zur Kommunion. Rund fünfhundert Menschen empfingen über die letzten Ostertage das Brot des Herrn. Don Giuseppe kennt die Anzahl so genau, weil von den tausend Hostien, die er eingekauft hatte, «plötzlich nur noch die Hälfte da war».

Kostspielige Renovationen

Die Pfarrei San Carlo Borromeo wird aber auch von einer ernsten Sorge geplagt: Ihr 1618 erbautes Gotteshaus bedarf dringend einer Renovation. Schon vor drei Jahren musste die Aussenhülle der Kirche nach bedrohlichen Rissen und Wassereinbrüchen saniert werden. Das kostete 1,31 Millionen Franken. Davon bleibt der Pfarrei trotz beträchtlicher Eigenleistungen und Zuschüssen von Kanton und Kantonalkirche immer noch eine Restschuld von 600 000 Franken. Und bereits steht die Pfarrei vor neuen finanziellen Hürden. Die spätbarocke Kirche muss auch im Innern restauriert werden. Dabei geht es um viel mehr als bloss um die Rettung der bedeutenden Kunstschätze im typisch italienischen Stil. Die Instandstellung des Gotteshauses sorgt auch dafür, dass der Gemeinschaft von Brusio der Raum erhalten bleibt, wo sie ihr geistliches Leben in Liturgie und Besinnung pflegen kann. Das ist auch für die Inländische Mission (IM) der Grund, weswegen sie der Pfarrei bei den Erneuerungsarbeiten finanziell unter die Arme greifen will. Im Spätsommer startet die IM eine Sammelaktion, mit deren Ertrag die Kosten der Innenrenovation zum grössten Teil gedeckt werden sollen.

Viviane Schwizer


Bahn, Wein und acht Pfarrer

Brusio liegt im unteren Zipfel des Puschlavs und grenzt an das italienische Veltlin. Die Bündner Gemeinde zählt 1320 Einwohner und umfasst ein Gemeindegebiet von 4641 Hektaren, zu dem neben Brusio auch die Dörfer, Siedlungen und Weiler Miralago, Campascio, Zalende, Campocologno, Viano und Cavaione gehören. Der Bergsturz von Motto di Miralago trennt Brusio von der Gemeinde Poschiavo.

Insgesamt zählt das Puschlav 3800 Katholiken, die von acht Pfarrern betreut werden. Das hat sich im Tal in den letzten dreihundert Jahren nicht verändert. Gewechselt haben im Italienisch sprechenden Bündnertal hingegen häufig die Machthaber: Unter anderen herrschten die Fürstbischöfe von Chur, die Herzöge von Mailand und die einflussreiche Familie Visconti.

Im 16. Jahrhundert hielt in Brusio die Reformation Einzug. Zunächst verstanden sich die beiden Konfessionen gut, was sich darin zeigte, dass sie die gleiche Kirche benutzten. Das änderte sich mit den Bündner Wirren und dem Veltliner Mord. 1618 wurde in Brusio die heutige katholische Kirche San Carlo Borromeo gebaut, benannt nach dem Mailänder Erzbischof und Gegenreformator Karl Borromäus (1538–1584).

Die älteste urkundliche Erwähnung eines der Weiler der Gemeinde stammt aus dem Jahr 843. Daraus geht hervor, dass ein Saumweg von Viano über San Romerio zum Berninapass führte. Dort befand sich ein klösterliches Hospiz. Der Saumweg wurde bereits von den Römern benutzt. Brusio nannte sich damals Brixio.

Heute leben die Einwohner des Puschlavs vom Handel mit Früchten, Gemüsen und Wein. Bedeutende Arbeitgeber sind die Elektrizitätswerke und die Rhätische Bahn. Daneben existieren kleinbäuerliche Landwirtschaftsbetriebe. vs


Inländische Mission: altbewährt mit neuem Schwung

Finanziell unterstützt wird das Renovationsprojekt der Pfarrei Brusio von der Inländischen Mission (IM). Das Seelsorge-Hilfswerk der Schweizer Katholiken mit Sitz in Zug wurde 1863 ins Leben gerufen, um bedürftigen katholischen Diaspora-Pfarreien – «Missionsstationen» – in reformierten Gebieten beizustehen. Später rückten Kirchenrenovationen und Beiträge an Priester in Notlagen in den Vordergrund. Die IM leistet auch Kirchenbauhilfe, sofern diese auf liturgische Bedürfnisse ausgerichtet ist. Rein denkmalpflegerische Sanierungen überlässt sie andern Institutionen. Mit der Veränderung der Diasporasituation haben sich auch die Zielsetzungen der Inländischen Mission verändert. Neben ihren angestammten Aufgaben will die IM der katholischen Seelsorge heute neue Impulse vermitteln und Dienstleistungen für die Glaubensverbreitung unter Kindern, Eltern und Familien anbieten.

Zurzeit liegen bei der IM 34 Anträge auf Unterstützung von Kirchenrenovationen mit einem Kostenvolumen von 40 Millionen Franken. Eingereicht werden die Gesuche über die bischöflichen Ordinariate. Damit ein Renovationsprojekt finanziell unterstützt werden kann, muss es vom jeweiligen Diözesanbischof empfohlen und auf liturgische Bedürfnisse ausgerichtet sein. Die begünstigten Pfarreien liegen in allen Regionen der Schweiz, vor allem in finanzschwachen Berggebieten. Letztes Jahr erhielten unter anderen die Pfarreien von Oberrüti AG, Blauen BL, Sattel SZ und Coglio TI eine Finanzspritze von der Inländischen Mission.

Die Mittel für ihre Hilfsaktionen beschafft sich die IM über das Opfer in Gottesdiensten jeweils im Januar und im September. Mit Einzahlungsscheinen können auch gezielt Projekte unterstützt werden. Gegenwärtig lanciert die IM, die vom Urner alt Ständerat Hans Danioth präsidiert wird, neue Formen von Geldbeschaffungskampagnen.

Dass es dem Seelsorge-Hilfswerk nicht nur um materiellen Beistand geht, betont der Direktor der Inländischen Mission, Adrian Aellig, im folgenden Gespräch. Aellig ist überzeugt, dass gesellschaftliche Veränderungen auch geistige Neuaufbrüche nötig machen. Diese will das dreiköpfige IM-Team zusammen mit den Kirchenverantwortlichen an den jeweiligen Orten nach Kräften fördern.

Adrian Aellig, die Inländische Mission will die Glaubensverkündigung unterstützen, indem sie Gelder für Kirchenbauprojekte und Seelsorgeanliegen spricht. Ist die Vorstellung nicht etwas veraltet, Glaube und Spiritualität könnten mit «Mammon» gefördert werden?
Nein. Ich habe noch nie Menschen kennen gelernt, die wirklich glücklich waren, indem sie ihr Geld nur fürs Auto, für Schokolade, Urlaub und Wohnraum ausgaben. In vielen Menschen steckt ein tiefes Bedürfnis, kleine oder grössere Geldbeträge Sinn stiftend einzusetzen. Geld ist in sich nicht schlecht – nur die Absicht, mit der Menschen es einsetzen, kann gut oder schlecht sein.

Es geht der Inländischen Mission also nicht nur darum, alte Gemäuer zu erhalten?
Keineswegs. Wir unterstützen auch Spezialseelsorgestellen und rund 60 alte Priester, die früher für einen bescheidenen Lohn arbeiten mussten und heute nur eine Minimalrente haben. Zum ersten Mal schreiben wir für Pfarreien auch einen Preis aus zum Thema «Glaubensverkündigung und Seelsorge». Drei Schweizer Pfarreien können dabei für innovative Projekte je 25 000 Franken gewinnen. Das Projekt wird von Sponsoren aus der Wirtschaft getragen.

Warum wird die IM gerade Brusio einen Kredit zusprechen?
Welche Pfarrei Geld von uns erhält, wird in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Diözesanbischof bestimmt. Für Brusio erhielten wir grünes Licht von bischöflichen Mitarbeitern in Chur. Unsere Gönner spenden ihr Geld jeweils zweckbestimmt. Wir versenden periodisch etwa 50 000 Briefe mit der Unterschrift des Diözesanbischofs, der für die begünstigte Pfarrei zuständig ist.

Wo werden Sie in Zukunft die Schwerpunkte der Inländischen Mission setzen?
Wir werden unser Augenmerk vermehrt auf Kinder und junge Eltern richten und versuchen, diese Zielgruppe mit innovativen, klaren Konzepten und Helfern in der ganzen Schweiz zu erreichen. Diese Gruppe verschwindet immer mehr aus unseren Kirchen. Die Schweizer Bischöfe sind mit unserer Ausrichtung einverstanden.

Was bereitet Ihnen als Direktor der IM Sorgen?
Meine Sorge gilt der geistigen Armut und weniger der materiellen, für die die Caritas zuständig ist. Wir möchten wirksame Hilfe bieten für die Glaubensverkündigung, für eine gelebte Ethik, für Frieden bei uns in der Schweiz. Frieden beginnt in unseren Herzen. vs

Weitere Informationen:
Inländische Mission
Schwertstrasse 26
6300 Zug
http://www.inlmiss.ch
Telefon 041 710 15 01
Fax 041 710 15 08
PC 60-295-3 (allgemein IM)

Erhaltung von Schweizer Kirchen
«Pfarrei Brusio»
PC 60-20522-3

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