Lassalle-Kontemplationsschule «via integralis» des Katharinawerkes in Basel
Teufen AR, 21.10.11 (Kipa) Mindestens sieben Jahre auf einem spirituellen Weg, regelmässig gegenstandslose Meditation praktizieren, eine authentische spirituelle Erfahrung und Kenntnisse in mystischer Theologie: Dies und noch etwas mehr sind die Anforderungen an die Menschen, die in der Kontemplationsschule «via integralis» die dreijährige Ausbildung zum Kontemplationslehrer beginnen möchten. Mit einem Wort: anspruchsvoll.
Hildegard Schmittfull, Kontemplationslehrerin und Ausbildungsleiterin, die zusammen mit Bernhard Stappel für den zweiten Ausbildungslehrgang verantwortlich war, sprach mit der Presseagentur Kipa über diesen nicht ganz einfachen, aber «erfüllenden Weg der Gotteserfahrung».
Was ist Zen? Was ist Koan? Und wie lässt sich eine buddhistische Tradition mit der christlichen Mystik verbinden? Fragen, die einem vielleicht gar nicht einfallen, wenn man sich nicht mit Meditation oder der Kontemplationsschule «via integralis» beschäftigt.
Am 23. Oktober werden 29 Personen die dreijährige Ausbildung zur Kontemplationslehrerin oder zum Kontemplationslehrer beenden. Der Abschluss bedeutet jedoch nicht das Ende des Weges, sondern er führt sie hinaus in ihre Kirchen oder Pfarreien, wo sie ihr Wissen weitergeben. Die Frauen und Männer zwischen vierzig und siebzig Jahren haben nicht erst vor wenigen Jahren mit der Meditation begonnen, sondern praktizieren diese seit mindestens zehn Jahren.
Mit Worten von Johannes Tauler erklärt Hildegard Schmittfull, warum die zukünftigen Lehrer eher älter sind: «In der ersten Lebenshälfte musst du gar nicht meinen, dass du besondere Erfahrungen gemacht hast. In der ersten Lebenshälfte sind andere Dinge wichtig. In der zweiten Lebenshälfte gibt es eine Sehnsucht in diese Ganzheit hineinzukommen.» Kurzum: Es braucht eine gewisse Lebenserfahrung, um als Kontemplationslehrer wirken zu können.
Kontemplation ist eine von vielen Meditationsformen, erklärt Hildegard Schmittfull, die Ende der 70iger Jahre zu diesem Weg der Meditation gefunden hat. «Ohne Worte, ohne Bilder versuchen wir innerlich leer zu werden, um die Gegenwart Gottes zu erfahren. Unser Alltagsbewusstsein ist immer voll mit irgendwelchen Gedanken. Hier geht es aber darum, im hier und jetzt, im Augenblick zu leben, um zu erfahren, dass Gott derjenige ist, der `Ich bin da`.»
Zen ist – kurz gesagt – ein Weg, der nicht irgendwohin führt, sondern zu «unserem wahren Wesen». Wir verdanken es der buddhistischen Tradition, Meditation bedeutet: Sitzen und ins Schweigen hineinkommen. Schmittfull, Mitglied der ökumenischen Gemeinschaft Katharinawerk (ktw) in Basel, nennt das Sitzen fast liebevoll «ein Geschenk», welches «verschiedenste Christen in den 70iger und 80iger Jahren aus Japan mitgebracht» haben.
Der Jesuit Niklaus Brantschen und Pia Gyger, die ebenfalls dem ökumenischen Gemeinschaft Katharinawerk angehört, sind zwei der Christen, die das Zen aus Japan mitgenommen haben. Die beiden Zen-Meister haben 2004 die ökumenisch ausgerichtete Kontemplationsschule gegründet und versuchen, wie die Bedeutung des Namens «via integralis» sagt, eine Integration der zen-buddhistischen Tradition mit der christlichen Mystik. Es integriere aber auch Körper, Seele und Geist, sagt Schmittfull und weist darauf hin, dass es sich bei dieser Form der Meditation um einen ganzheitlichen Ansatz handelt.
Die christliche Mystik findet Eingang in den Meditationskursen unter anderem durch Vorträge über Mystiker wie Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz oder Meister Ekkehard.
Das Emblem an der Kordel, welches die Kontemplationslehrer um den Hals tragen, veranschaulicht die Verbindung der beiden Traditionen und ihre Überschneidung: Das Quadrat mit den vier Seiten symbolisiert die vier Himmelsrichtungen der Welt, in der wir leben. Die grosse Öffnung in der Mitte des Quadrats steht für die «Leere» oder das «Nichts», welche sowohl in der Tradition des Zen als auch in der christlichen Mystik bekannt sind. Und die Kreisscheibe mit dem Kreuz, die an einer Seite des Quadrats darüber gelegt ist, symbolisiert die vielfältigen Erfahrungen im Leben, die zu einer Einheit zusammengefügt werden – einer Einheit, die nach christlicher Tradition geheiligt und transformiert ist im Kreuz, das alles verbindet.
Auch die Kleidung der Meditierenden ist nicht zufällig, erzählt Hildegard Schmittfull. «Wir versuchen uns dunkel zu kleiden, keine vitalisierenden Farben, wie zum Beispiel die Farbe rot eine ist, zu tragen.» Nichts solle ablenken von der Kontemplation; so richtet sich auch die Kontemplationshaltung nicht nach dem persönlichen Befinden. Sondern auf einem Kissen am Boden sitzend, den Rücken zum anderen und mit dem Gesicht zur Wand, versuchen sie «im Hier und Jetzt» zu sein. Dieser «äussere Rahmen» solle helfen, sich auch innerlich zu ordnen, erklärt die 66-Jährige in ruhigem Ton. «Das Sitzen soll nicht nur etwas sein, wo es um mein Inneres geht, sondern soll auch Friedensarbeit für die Welt sein. Das, was in mir geschieht, soll auch Auswirkungen auf das grössere Ganze haben.»
Teilnehmer an einem Kurs oder während der Ausbildung zum Kontemplationslehrer schweigen bis zu sechs Stunden am Tag. Dies sei eine «hohe Form der Selbstbegegnung», so die ehemalige Sozialarbeiterin, die anfangs das Gefühl hatte, es muss noch «mehr in meinem Leben geben als bisher». Gerade zu Beginn kämen viele Gedanken und je länger man sitze, desto mehr. «Doch wir dürfen diesen Gedanken keine Energie geben, wir lassen sie weiter ziehen». An diesem Punkt angekommen, spreche sie von Reinigung. «Wir haben das Leitwort `nada – nichts`.» Es gebe auch andere Worte, doch dieses stammt von Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz, und man solle auch nicht über das «nada» nachdenken, sondern es während einer Kontemplationseinheit von rund 25 Minuten mit dem eigenen Atem, dem ein- und ausatmen verbinden.
Es gibt auch Schlüsselsätze, vergleichbar den Koan, beispielhafte Handlungen oder Aussagen eines Zen-Meisters, die Schülern und Schülerinnen zur Übung gegeben werden. Diese könne man nicht mit dem Kopf lösen, man müsse «drüber sitzen, sie kauen, sie erfahren». Die Schlüsselsätze werden aus der Bibel genommen, wie zum Beispiel «Ehe Abraham ward, bin ich». Auch dies trage dazu bei, in die Tiefe zu kommen, in die Stille und «Gott als den Nähesten unserer selbst zu erfahren», sagt Schmittfull, die seit letztem Jahr auch Zen-Lehrerin ist.
Hildegard Schmittfull ist davon überzeugt, dass diese Form der Kontemplation auch «ein grosser Dienst ist, den wir für unsere Kirchen tun». Bis dato gibt es noch keine kirchliche Anerkennung für den Abschluss zum Kontemplationslehrer. «Doch wir werden uns darum bemühen», betont Schmittfull am Ende des Gesprächs.
Separat:
Die Lassalle-Kontemplationsschule «via integralis» wurde 2004 vom Jesuiten Niklaus Brantschen und der Psychologin Pia Gyger, Mitglied der ökumenischen Gemeinschaft des Katharinawerkes (ktw) in Basel, gegründet. Beide sind sowohl Zen-Meister als auch ausgebildete Kontemplationslehrer. Pia Gyger hat diese Form der Meditation auch in die Gemeinschaft des Katharinawerkes eingebracht, die die Trägerschaft für die Kontemplationsschule inne hat. Das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn SZ ist Kooperationspartner und einer der Ausbildungsorte der Schule. Der zweite Ausbildungsort ist das Haus der Versöhnung «Fernblick» in Teufen AR. Sowohl das Lassalle-Haus als auch das Katharinawerk bieten neben der Ausbildung mehrtägige Kontemplationskurse an.
Am 23. Oktober schliessen 29 Männer und Frauen, katholischer und evangelischer Konfession, den zweiten Ausbildungslehrgang zur Kontemplationslehrerin oder zum Kontemplationslehrer ab. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Der erste Ausbildungslehrgang war von 2004 bis 2006; damals liessen sich 24 Personen zu Lehrern ausbilden.
Die Kurse und der Ausbildungslehrgang sind interkonfessionell, aber auch interreligiös offen. Immer unter der Voraussetzung, dass sich jemand darauf einlassen kann, dass über christliche Mystiker gesprochen werde, betont Hildegard Schmittfull. Sie war eine Teilnehmerin des ersten Ausbildungslehrganges und ist nun Geschäftsführerin der Schule.
In der Schweiz gibt es noch zwei weitere Wege: Die «via contemplativa», im Lassalle-Haus angesiedelt, vermittelt eine christliche Kontemplation, deren Ziel die Einübung in das Herzensgebet ist. Dasselbe Anliegen verfolgt die «via cordis» im gleichnamigen Haus St. Dorothea im Flüeli-Ranft OW, die auch mehrjährige Schulungen anbietet.
Hinweis: Informationen unter www.viaintegralis.ch
(kipa/am/gs)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/kontemplation-ist-eine-hohe-form-von-selbstbegegnung/