Die hohe Kunst des Verzeihens

Wort zum Sonntag: 11.September 2011 – 24. Sonntag im Jahreskreis

5.8.11 (Kipa) Petrus will wissen, wie oft er seinem Bruder verzeihen müsse, der sich gegen ihn verfehlt habe. Siebenmal? (Mt 18, 21-35) Siebzig mal sieben, antwortet ihm Jesus und fügt dieser Antwort unmittelbar ein entsprechendes Gleichnis hinzu.

Ein König hält Abrechnung mit seinen Sklaven, die er als Finanzverwalter eingesetzt hat. Man weiss, dass dies in der Antike durchaus so gehandhabt wurde, und dass dabei in der Welt der Sklaven eine Rangordnung existierte.

Der erste Sklave im Gleichnis schuldet seinem Herrn 10.000 Talente, einen riesigen Geldbetrag, den er nicht zurückzahlen kann. Er fleht um Gnade, und der König erlässt die Schuld. Dieser Sklave jedoch packt kurz darauf seinen Mitsklaven, der ihm nur 100 Dinare schuldet, und lässt ihn unbarmherzig ins Gefängnis werfen bis er die Schuld bezahlt habe.

Petrus hatte in seiner Frage an eine Schuld ganz anderer Art gedacht. Jesus hingegen greift ein Beispiel auf aus der Welt der Finanzen. Petrus soll nicht nur siebenmal verzeihen, sondern siebzig mal sieben. Letztlich geht es hier nicht um die Zahl an sich. Jesus will deutlich machen wie enorm wichtig das Verzeihen ist im menschlichen Miteinander, damit sich in den Familien und Gesellschaften ein Reich des Friedens und der Liebe etablieren kann.

Dazu in krassem Gegensatz steht das, was zur Zeit Jesu vor allem die ärmeren Menschen erlebten, wenn sie in Schuldenzwänge gerieten. Das von Jesus erzählte Beispiel zeigt anschaulich: Wer für sich Verzeihung erfährt, der soll auch seinem Mitmenschen Verzeihung gewähren.

Bis zu diesem Punkt in der Geschichte ist uns der König sympathisch. Wir können ihn und sein Handeln leicht als ein Bild für den barmherzigen Gott empfinden. Nun aber erfährt der König, wie der von ihm begnadigte Sklave es mit seinem Mitsklaven getrieben hat. Das erzürnt ihn aufs höchste. Er übergibt ihn den Folterknechten, bis er alles bezahlt habe. Auf einmal regieren nicht mehr Liebe und Verzeihen, sondern kalte Abrechnung und Strafe nach herrschendem System. Es ist auch heute nicht anders, wenn`s ums Geld geht! Das sind nun mal die unerbittlichen Regeln der Finanzmärkte. Wer Schulden nicht bezahlen kann, leiht sich Geld, um zahlungsfähig zu sein und um weiterhin im Markt zu bleiben. Am Ende schuftet der Mensch, wie auch der Staat, nur noch für Zinsen und Zinseszinsen. Die beständige Angst vor dem endgültigen Aus, dem Bankrott, kann zur wahren Folter werden. Kann dieses verhängnisvolle System, dieser Teufelskreis, wirklich nicht durchbrochen werden? Das ist die «naive» Frage derer – und ihrer sind viele – die den Durchblick verloren haben. Und jene, die ihn zu haben glauben, wissen auch nicht weiter…

Zurück zum Gleichnis: Der König, der sich anfänglich grosszügig erwies, handelt nun ebenso gnadenlos wie das System. Wird Gott auch so mit jenen verfahren, die es nicht schaffen, ihren Mitmenschen zu verzeihen? Wird er sie letztendlich der ewigen Pein übergeben? Es fällt einem schwer, das zu glauben, auch wenn dies am Schluss der Erzählung so angedeutet wird. Das Hauptanliegen des Textes ist, die Wichtigkeit der Vergebung herauszustellen. Wer die Verzeihung jenen verweigert, die darum bitten, katapultiert sich selbst in einen Zustand von Bitterkeit und innerer Pein. Wer weiss es nicht? Der Schritt ins ehrliche Verzeihen ist wahrhaft eine hohe und befreiende Kunst.

*Ingrid Grave ist Dominikanerin und lebt in Zürich, wo sie in der Ökumene und in der Arbeit mit Frauen engagiert ist.

(kipa/ig/ak)

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