Bei den «Älteren Brüdern»

Vor 25 Jahren besuchte Johannes Paul II. die Synagoge in Rom

Rom, 21.3.11 (Kipa) Unter den vielen Überraschungen im Pontifikat von Johannes Paul II. ragt der Besuch in der Synagoge Roms ganz besonders heraus. Am 13. April 1986 betrat zum ersten Mal seit 2000 Jahren ein katholisches Kirchenoberhaupt ein jüdisches Gebetshaus.

Nach Jahrhunderten von Gegnerschaft, Missverständnissen und Verfolgung vollzog der Papst aus Polen den Brückenschlag, den das Zweite Vatikanische Konzil bereits 1965 eingeleitet hatte. In einer bewegenden Zeremonie beschwor er das gemeinsame Erbe von Juden und Christen, beklagte und verurteilte er alle Diskriminierungen, Hass und Verfolgungen gegen Juden und rief beide Religionen zu Dialog und Zusammenarbeit auf.

Es war ein «historisches Ereignis», ein «Meilenstein», wie Vatikan, jüdische Gastgeber und Medien unisono hervorhoben. Hatte das Konzil eine Kehrtwende in den jüdisch-christlichen Beziehungen eingeleitet, so füllte der Synagogenbesuch diese Aussöhnung mit Leben. Johannes Paul II. wies den pauschalen Vorwurf gegen die Juden als «Gottesmörder» zurück. «Ihr seid unsere bevorzugten Brüder, unsere älteren Brüder», sagte er, bevor er den römischen Oberrabbiner Elio Toaff unter dem Beifall der Anwesenden umarmte. Dieses Wort habe «definitiv 2000 Jahre Unverständnis beendet», sagte Toaff später.

Mit dem polnischen Papst verband ihn von da an eine herzliche Freundschaft.

Kein dauerhafter Durchbruch

Der Papstbesuch in der Synagoge war eine Sensation, brachte jedoch noch nicht den dauerhaften Durchbruch für die katholisch-jüdischen Beziehungen. Als dorniges Problem erwies sich, dass der Vatikan volle diplomatische Beziehungen mit Israel ablehnte – aus politischen Gründen. Zudem sorgte im Frühjahr 1987 eine Papstaudienz für den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim in jüdischen Kreisen für Unmut – wegen dessen Wehrmachtsvergangenheit.

Der religiöse Dialog stockte. Jüdische Organisationen boykottierten daraufhin Begegnungen bei Papstreisen. Der Vatikan hatte alle Mühe, die Schwierigkeiten auszuräumen.

Johannes Paul II. besuchte Israel

Die politischen Verstimmungen legten sich, als der Nahost-Friedensprozess 1994 den Weg für normale diplomatische Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl frei machte. Im Jahr 2000 kam Johannes Paul II. zu einem unvergessenen Besuch nach Israel. Mit einer bewegenden Feier am Holocaust-Mahnmal Jad Vaschem konnte er die Herzen vieler Juden erobern – und erst recht mit seinem einsamen Gang zur Klagemauer, in deren Ritzen er ein Blatt mit einer Vergebungsbitte einlegte.

Weitere Rückschläge

Aber auch danach kam es immer wieder zu Rückschlägen: Um die verschlossenen Vatikanarchive, in denen jüdischen Organisationen belastendes Material gegen Pius XII. vermuteten, dann um das Seligsprechungsverfahren für den Pacelli-Papst, aber auch im Zuge der Intifada. Jedoch waren insbesondere die religiösen Kontakte zu den jüdischen Dialogpartnern inzwischen so freundschaftlich und stabil, dass weder die Differenzen um die Piusbrüder noch um die Karfreitagsfürbitte, noch der «heroische Tugendgrad» für Pius XII. den offiziellen Dialog ernsthaft gefährdeten.

Insbesondere dem deutschen Kurienkardinal Walter Kasper war es gelungen, die Kontakte mit jüdischen Gruppen gerade in den USA aber auch in Israel auf eine belastbare Grundlage zu stellen. Zudem machte Benedikt XVI. von Anfang an klar, dass die Aussöhnung mit dem Judentum zu den Prioritäten seines Pontifikats gehört. Bei seiner ersten Auslandsreise besuchte er in Köln die Synagoge, ein Jahr später unternahm er einen Bussgang zum ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Im Frühsommer 2009 machte er eine Reise ins Heilige Land – die ebenfalls das Attribut «historisch» verdient.

Benedikt XVI. sprach von «Väter im Glauben»

Und auch Benedikt XVI. machte einen Besuch in der römischen Synagoge, im Januar 2010. Mit Nachdruck stellte er klar, dass der vom Konzil eingeschlagene Weg der Aussöhnung mit dem Judentum für die Kirche unwiderruflich sei. Das ethische Grundgesetz der «Zehn Gebote» schaffe Gemeinsamkeiten, wie es sie zu anderen Religionen nicht gebe. Zugleich bezeichnete er die Schoah als ein «einzigartiges Drama», als «Gipfelpunkt des Hasses». «Mögen die Wunden des Antisemitismus und des Antisemitismus für immer heilen», rief er unter dem Applaus des Plenums. In einem Punkt war der Professor auf dem Papstthron freilich präziser als sein Vorgänger.

Die Bezeichnung der Juden als «ältere Brüder» wollte er nicht aufgreifen, da er nach jüdischem Verständnis auch abwertend sei. Stattdessen nannte er sie «Väter im Glauben».

(kipa/r/am)

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