Kräutler: «Wahnsinnsprojekt» Belo Monte muss gestoppt werden

Eisenstadt, 29.10.10 (Kipa) Das Megastaudamm-Projekt Belo Monte am Xingu-Fluss muss gestoppt werden. Das hat der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler bei einem Besuch in Eisenstadt betont. Kräutler – vor wenigen Wochen mit dem «Alternativen Nobelpreis 2010» ausgezeichnet – sprach von einem «Wahnsinnsprojekt», das den Amazonaszufluss Xingu aufstauen und zerstören würde. 30.000 Menschen müssten umgesiedelt werden, ein Drittel der Provinzhauptstadt Altamira stünde unter Wasser.

Noch dazu komme der gewonnene elektrische Strom nicht der Bevölkerung zugute, sondern werde hauptsächlich für die Aluminiumproduktion benötigt, kritisierte Kräutler: «Als Bischof bin ich nicht nur für die Menschen, sondern auch für deren Mitwelt verantwortlich. So darf es nicht weitergehen mit der Zerstörung der Natur.»

Schon jetzt zeigten sich die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung im Amazonas. Die Trockenperioden würden jedes Jahr zu einem grösseren Problem, schlug Kräutler Alarm. Noch habe er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Verantwortlichen doch noch ein Einsehen haben werden.

Als er 1965 nach Altamira gekommen war, habe er noch eine intakte Natur und einen blühenden Regenwald vorgefunden. Davon sei nun so gut wie nichts mehr übrig. Sogar am Oberlauf des Xingu seien nur mehr zehn Prozent der ursprünglichen Vegetation vorhanden. Kahle Hügel und Weideflächen dominierten die Landschaft. Eine Ausnahme bildeten nur noch vereinzelte Indianerreservate, wo derzeit nicht geschlagen werden darf.

Der Bischof von Xingu war anlässlich der Veranstaltungsreihe «Himmel und Haydn» in der Bergkirche Eisenstadt zu Gast und las dabei auch aus seinem neuen Buch «Rot wie Blut die Blumen».

«Alternativer Nobelpreis 2010»

Kräutler wurde durch seine Arbeit zum Vorkämpfer gegen Belo Monte. Zahlreiche Rechtsverfahren sind deswegen zur Zeit in Brasilien im Laufen, berichtete der Bischof, der zuletzt durch die Verleihung des «Alternativen Nobelpreises 2010» Rückenwind für sein Engagement erhielt. Der Preis wird seit 1980 verliehen. ein Teil des Preisgeldes werde in den Kampf gegen Belo Monte fliessen, kündigte Kräutler an. Ein weiterer Teil werde seiner Arbeit mit den indigenen Völkern zugute kommen.

Seit Jahren ständig unter Polizeischutz

Von 1983 bis 1991 (und wieder seit 2006) wirkte Kräutler auch als Präsident des Indianer-Missionsrates (Cimi) der Brasilianischen Bischofskonferenz. Sein Einsatz galt und gilt der «Option für die Armen». 1983 wurde Kräutler wegen Teilnahme an einer Solidaritätsaktion von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt. 1987 wurde der Bischof durch einen inszenierten Unfall schwer verletzt: Ein Kleinlastwagen hatte frontal sein Auto gerammt. Seit vier Jahren steht er permanent unter Polizeischutz.

Für restlose Aufklärung im Mordfall Stang

Kräutler nahm in Eisenstadt auch zu den immer noch nicht restlos aufgeklärten Hintergründen der Ermordung von Dorothy Stang Stellung. Die damals 73-jährige US-amerikanische Ordensfrau war am 12. Februar 2005 nach mehreren Morddrohungen mit sechs Schüssen getötet worden. Stang hatte sich jahrzehntelang für die Landrechte armer Bauern in der Amazonasregion engagiert. Dadurch zog sie sich den Hass der Landbesitzer in der Region von Anapu zu. Ihre Ermordung hatte internationales Aufsehen erregt.

Der Mörder, der Verbindungsmann sowie zwei Hintermänner seien zwar in Haft, viele andere Personen, die ebenfalls in das Verbrechen involviert waren, seien aber weiterhin auf freiem Fuss, kritisierte der Bischof. Er habe diese Personen angezeigt und setze sich nach wie vor für die vollständige Aufklärung ein, betonte Kräutler. Nicht zuletzt deshalb stehe er aber auch unter Polizeischutz.

Kräutler erinnerte in Eisenstadt auch an seinen aus Götzis in Vorarlberg stammende Missionsbruder und engen Mitarbeiter Hubert Mattle, der 1995 in Altamira ermordet worden war. Bewaffnete Männer waren in das Haus der «Missionare vom Kostbaren Blut» in Altamira eingedrungen und hatten ohne jede Vorwarnung Mattle erschossen, der an diesem Tag die Pforte des Hauses betreute. Der 64-jährige Ordensbruder war auf der Stelle tot.

Sehr nahe gegangen sei ihm auch der Tod des Gewerkschafters und Leiters einer Basisgemeinde, Ademir Alfeu Federicci. Dieser habe sich wie Stang für die Rechtlosen eingesetzt und sei 2001 vor den Augen seiner Frau ermordet worden.

«Ein Bischof gehört unters Volk»

1981 wurde Kräutler Bischof der Prälatur Xingu im Bundesstaat Para. Die Prälatur ist mit rund 365.000 Quadratkilometern und 500.000 Einwohnern die flächenmässig grösste Diözese Brasiliens. Sie zählt 15 Pfarreien, wobei jede aus 30 bis 100 kleinen Gemeinden besteht. Nur drei bis vier Monate pro Jahr hält sich Kräutler in seinem Bischofssitz in Altamira auf. Den Rest des Jahres ist er unterwegs in den Gemeinden, um Gottesdienste zu feiern, die Sakramente zu spenden und den Leuten in ihrem harten Alltag beizustehen.

Auf der Sache der Schwachen – «alles andere wäre Verrat»

Er könne sich auch gar nichts anderes vorstellen, als im engsten Kontakt mit den Menschen zu stehen. Kräutler: «Ein Bischof gehört unters Volk, er soll für das Volk da sein, mit diesen Menschen leiden, glauben, hoffen und lieben.» Für die Menschen sei er einer der ihren. Immer wieder würden ihm die Menschen bei Begegnungen bekunden: «Dein Leid ist auch unser Leid, Bischof Erwin, wir lieben Dich.» Deshalb könne er auch nicht anders, als auch weiterhin auf der Seite der Schwachen und ausgegrenzten zu stehen. «Alles andere wäre Verrat», so Kräutler.

(kipa/w/pem)

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