Jesus fällt unter dem Kreuz | © 2015 kath.ch
Schweiz
Jesus fällt unter dem Kreuz | © 2015 kath.ch

Zuerst bleiben die Glocken stumm und dann wird gefeiert

Freiburg, 12.4.17 (kath.ch) Handy, Dessert, TV: Auf solche Dinge soll man während der Fastenzeit verzichten. Die wenigsten Leute wissen aber, dass in der Zeit vor Ostern auch die Liturgie zurückgefahren wird. Das gilt besonders für die Tage in der Karwoche, also vom Gründonnerstag bis Ostermorgen.

Georges Scherrer

So werden etwa nach dem Abendgottesdienst am Hohen Donnerstag die Glocken nicht mehr geläutet. Der Volksmund sagt dann, dass diese in Rom weilen und an Ostern zurückkommen. Aber auch die Orgel schweigt in der Regel in dieser Zeit. Die Gottesdienstfeier wird als Zeichen des Verzichts reduziert, sagt der Liturgiker Peter Spichtig. «Umso feierlicher folgt dann der Auferstehungsgottesdienst.» Damit meint der Ordensmann den Gottesdienst, der in Osternacht gefeiert wird und zum Teil mehrere Stunden dauern kann.

Ein diskretes Ereignis in der Nacht

Diese Feier ist mit Absicht in die Nacht gelegt, denn die Auferstehung Jesu erfolgte, wie die Evangelisten schreiben, in der Nacht: Am Morgen entdeckten Frauen das leere Grab. «Mitten in der Nacht ist auch der Anfang des Tages», erklärt der Liturgiespezialist weiter. Die Nacht ist zudem eine Metapher für die Schöpfung. Und daran erinnert der Auferstehungsgottesdienst ausführlich. Nicht weniger als sieben Lesungen aus dem Alten Testament werden zu Beginn der Feier gelesen, die an die Schöpfung erinnern. Wenn zwischen den Lesungen zudem noch Gesang eingefügt werden, dann dauert dies schon ganz schön lang.

Sieben Lesungen aus dem Alten Testament werden gelesen, die an die Schöpfung erinnern.

Die Lesungen deuten den neuen Aufbruch an. In diesem Rahmen hat auch die Feuersymbolik einen bedeutenden Platz. Das Licht symbolisiert die Präsenz Gottes in der Nacht der Welt. Jesus sagt von sich: «Ich bin das Licht der Welt.» Abendfeiern wurden traditionsgemäss mit dem Anzünden eines Lichts begonnen. Als die eigentliche Lichtfeier besteht heute weiterhin der Auferstehungsgottesdienst in der Nacht auf den Ostermorgen.

Licht und Gemeinschaft

«In dieser Nacht ist Lichtsymbolik am angebrachtesten», sagt denn auch Spichtig, der gemeinsam mit Gunda Brüske das Liturgische Institut in Freiburg leitet. Unterstrichen wird die Bedeutung des Lichts, indem es als Holzfeuer bereits vor der Kirche in Szene gesetzt wird. An ihm wird die grosse Osterkerze als ein zentrales Element des kirchlichen Lebens entzündet: Symbol für Christus, dem Licht der Welt. Die Gottesdienstgemeinde zieht hinter der brennenden Osterkerze in Prozession in die dunkle Kirche hinein, wo das eine Licht auf alle Mitfeiernden verteilt wird und der Wortgottesdienst beginnt. Das Feuer bringt auch die Urerfahrung der Gemeinschaft zum Ausdruck, ergänzt Spichtig.

Die Nacht-Wache

Spichtig erinnert daran, dass die Feier in der Osternacht aus den Teilen Lichtfeier, Wortgottesdienst, Tauffeier und Eucharistiefeier besteht. Die Lichtfeier führt hin zum Wortgottesdienst, der ein Wach-Gottesdienst ist (»Vigil»), wie er seit alters her Nacht für Nacht in den Klöstern gepflegt wird. Für einmal halten die Gläubigen selber Wache, bis dann nach der Osternacht am Morgen das Licht wieder aufgeht. Weitere Lesungen, diesmal zur Heilsgeschichte, wie etwa dem wunderbaren Durchzug durch das Rote Meer, helfen den Gläubigen, diese Zeit des Wachens «in freudiger Erwartung», quasi als geistiges Fastenbrechen, zu überbrücken.

Die Lichtfeier führt hin zum Wortgottesdienst, der ein Wach-Gottesdienst ist.

Das war in der kirchlichen Tradition nicht immer so, sagt Spichtig. Im Mittelalter verschob sich der Auferstehungsgottesdienst zusehends von der Osternacht zum Samstagmorgen. Ministranten verteilten nach der Feier in der Bevölkerung das «Osterfeuer». Die «Liturgische Bewegung», welche in den 1920er- und 30er-Jahren aufkam, ging dieser Liturgie auf den Grund und gab ihr als gemeinsames Erleben neuen Schwung in der Osternacht. Auslöser waren vor allem Jugendbewegungen wie «Quickborn» in Deutschland. Die Reform der Karwoche nach den ursprünglichen Zeitvorgaben erfolgte 1951 bis 1956 durch Papst Pius XII.

Drei Tage des Wachens

Der Auferstehungsgottesdienst vom Ostersamstag darf nicht isoliert gesehen werden. Im Grunde beginnt er bereits am Hohen oder Gründonnerstag, der zu den drei wichtigen Kartagen gehört und an dem der Abendmahlsgottesdienst gefeiert wird. Dieser erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit den Jüngern und endet nicht mit einem Schlusssegen. Vielmehr werden die Gläubigen eingeladen, in an die sogenannte «Ölbergnacht» in Solidarität zu Jesus zu wachen. Das «Allerheiligste», also das noch verbliebene eucharistische Brot in Form einer Hostie, wird ausgestellt. Die Kirchen bleiben zum Teil die ganze Nacht über offen, damit die Gläubigen diese dort zur Anbetung verbringen können.

Der Karfreitagsgottesdienst am Freitagnachmittag, der Todesstunde Jesu, beginnt nicht mit einer Begrüssung durch den Priester oder einem Glockengeläut. Auch dieser Passionsgottesdienst hört nicht mit einem Schlusssegen auf. Damit wird unterstrichen, dass diese Feier mit jener von Donnerstag und jener von Samstagnacht eine Einheit bildet. Der Ostergottesdienst am Sonntagmorgen kam historisch sehr spät und reicht in seiner liturgischen Bedeutung nicht an den nächtlichen Auferstehungsgottesdienst heran, betont Spichtig.

Der Tagesanbruch

«Dramaturgisch wäre es ideal, wenn der Auferstehungsgottesdienst mit dem Feuer in der Nacht beginnt und das eucharistische Hochgebet in den Sonnenaufgang fällt», sagt Spichtig. Eine solche Feier würde um die acht Stunden dauern. So weltabgewandt ist dieser Vorschlag nicht. Das Lassalle-Haus der Jesuiten in Bad Schönbrunn bei Zug bietet die gemeinsame Feier der drei Tage als Glaubenserlebnis an. Die Feier des Auferstehungsgottesdienstes beginnt am Samstagabend früh und endet gegen acht Uhr am Sonntagmorgen. Tauferneuerung und Osterliturgie fallen in die Zeit des Sonnenaufgangs.

Bruno Brantschen, der die Organisation des Auferstehungsgottesdienstes im Lassalle-Haus mitverantwortet, betonte gegenüber kath.ch die Bedeutung der durchwachten Nacht, des «Wachbleibens» in Erwartung des Fests der Auferstehung. Die Osternacht sei geprägt durch Symbole. Am Abend stehe mit dem Osterfeuer oder der Begrüssung der Osterkerze das Feuer im Zentrum, am Morgen mit der Erneuerung der Taufe das Wasser.

Das Lassalle-Haus bietet die Feier der drei Tage als Glaubenserlebnis an.

Nach der Lichtfeier am Abend folgen bis elf Uhr nachts vier der vorgegebenen Lesungen aus dem Alten Testament, die begleitet sind von Stille und Meditation. Um fünf Uhr folgen vor Sonnenaufgang die drei weiteren Lesungen aus dem Alten Testament. Um 6.40 Uhr ertönt das Gloria. Die Lesungen aus dem Neuen Testament und die anschliessende Tauffeier fallen in die Zeit des Sonnenaufgangs «und gewinnen durch das aufkommende Licht so einen ganz besonderen Erfahrungswert».

Die Zeit zwischen elf Uhr nachts und fünf Uhr in der Früh können die Teilnehmer an diesem speziellen Auferstehungsgottesdienst betend und meditierend in der Kirche des Hauses verbringen und so die Bedeutung der Osternacht als eine «Heilige Nacht» selber miterleben, erklärt der Jesuit Bruno Brantschen.

Osterfeuer © Barbara Fleischmann
Osterfeuer © Barbara Fleischmann
Osterkerze | © Waldsassen / pixelio.de
Osterkerze | © Waldsassen / pixelio.de
Wallfahrtskirche Ronchamp (F), Glockenturm | ©  Sylvia Stam
Wallfahrtskirche Ronchamp (F), Glockenturm | © Sylvia Stam
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