Josef Estermann | © Sylvia Stam
Schweiz
Josef Estermann | © Sylvia Stam

«‹Wohlfühlkirche› hat an Wichtigkeit gewonnen gegenüber Basisbewegungen»

Luzern, 14.12.18 (kath.ch) Was hat der weltweit bekannte brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff heute für eine Bedeutung in Lateinamerika, Europa und der Schweiz? Die Frage geht an Josef Estermann, den Leiter Grundlagen und Forschung der Entwicklungsorganisation Comundo im Romerohaus Luzern.

Sylvia Stam

Welche Stellung hat Leonardo Boff innerhalb der Befreiungstheologie?

Josef Estermann: In den 1970er- und 1980er-Jahren war Leonardo Boff absolut zentral für die Entwicklung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Er galt neben Gustavo Gutierrez, Hugo Assmann, Jon Sobrino und Ignacio Ellacuria als deren Wegbereiter. Besonders seine Ausführungen zur Ekklesiologie – also der Kirchenlehre –, waren bahnbrechend, führten aber auch bald zum Konflikt mit Rom.

«In Brasilien wurde er über die Kirche hinaus bekannt.»

Wie bekannt ist er heute in Brasilien noch?

Estermann: Nach seinem Austritt aus dem Franziskanerorden wurde es eine Zeitlang still um Boff, aber seit der Neuausrichtung seiner Tätigkeit im Rahmen einer Öko-Theologie hat seine Bekanntheit auch über die Kirche hinaus in der Zivilgesellschaft Brasiliens ständig zugenommen.

Wo steht die Befreiungstheologie heute in Lateinamerika?

Estermann: Sie hat sich stark gewandelt und ausdifferenziert. Die gesellschaftlichen Probleme, die zur Befreiungstheologie geführt haben, bestehen nach wie vor, sodass auch diese nach wie vor ihre Daseinsberechtigung hat. Heute ist sie weniger in akademischen Kreisen als bei sozialen Bewegungen und in den Basisgruppen präsent.

«Seit dem Amtsantritt von Franziskus gibt es in Europa ein Revival.»

In Europa und der Schweiz?

Estermann: Erstaunlicherweise gibt es seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus in Europa ein Revival. Man wagt es wieder, überhaupt den Begriff Befreiungstheologie in den Mund zu nehmen. Hierzulande wird er vor allem mit einer theologischen Kapitalismuskritik in Verbindung gebracht.

Gibt es in Lateinamerika auch junge Befreiungstheologinnen oder -theologen?

Estermann: Es gibt eine wichtige indigene theologische Bewegung – die Teologia India, feministische und afroamerikanische Ansätze sowie eine wachsende Öko-Theologie. Letzteres auch wegen dem Einfluss von Boff. Die meisten heutigen Befreiungstheologinnen und -theologen bewegen sich am Rande der Kirchen, sind ökumenisch offen und politisch engagiert.

«Viele meinen, dass die Befreiungstheologie uns nicht mehr betreffe.»

In meiner Wahrnehmung ist die Befreiungstheologie unter jungen Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz kaum ein Thema. Teilen Sie diese Ansicht?

Estermann: Ja, zum grössten Teil. Viele bringen die Befreiungstheologie mit Lateinamerika und mit einer gewissen geschichtlichen Epoche – den 1970er und 1980er Jahren – in Verbindung und haben den Eindruck, dass das uns nicht oder nicht mehr betreffe.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Estermann: Die akademische Theologie in der Schweiz hat sich wieder in den Elfenbeinturm und die kirchliche Praxis in die Sakristei zurückgezogen. Generell hat eine «Wohlfühlkirche» gegenüber einer politisch engagierten Basisbewegung an Wichtigkeit gewonnen.

Der Befreiungstheologe

Der Befreiungstheologe Leonardo Boff ist am 14. Dezember 80 geworden. Laut einem Kurzporträt der deutschen Basisorganisation «Wir sind Kirche» wurde er am 14. Dezember 1938 in Concordia (Südbrasilien) geboren, trat 1959 in den Franziskanerorden ein und wurde 1964 zum Priester geweiht. In München studierte er bei Karl Rahner und promovierte 1970 bei Leo Scheffczyk mit der Arbeit «Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung». Boff war lange Professor für systematische Theologie am Instituto Teologico Franciscano in Petropolis, ab 1993 Professor für Ethik und Theologie in Rio de Janeiro und mehrfach Gastdozent in Europa sowie in den USA. 1985 erhielt Boff den Preis der «Herbert Haag – Stiftung für Freiheit in der Kirche». Als ihm 1992 erneut ein Bussschweigen verordnet und die Lehrerlaubnis entzogen werden sollte, legte er das Priesteramt nieder, trat aus dem Franziskanerorden aus und heiratete 1993 die Theologin und Menschenrechtlerin Marcia Monteiro da Silva Miranda. 2001 erhielt er mit anderen den Alternativen Nobelpreis. (rp)

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