Schweiz

«Wir werden nicht islamisiert, eher rechristianisiert»

Zürich, 27.9.16 (kath.ch) Seit 1. September ist Samuel Behloul Fachleiter Christentum beim Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog (ZIID). Auch dort wolle er die Migrationsfrage einbringen, sagt der ehemalige Nationaldirektor von «Migratio» der Schweizer Bischofskonferenz. Zudem will Behloul die gesellschaftliche Debatte über Religion mitgestalten. Ein Gespräch aus Anlass der Eröffnung des ZIID im Kulturpark Zürich am 27. September.

Regula Pfeifer

Sie haben vor kurzem Ihre Arbeit am ZIID aufgenommen. Worauf haben Sie sich am meisten gefreut?

Samuel Behloul: Auf das Wiedersehen mit den Menschen, die ich fast alle bereits kannte. Ich war schon als Dozent und als Mitarbeiter der Zeitschrift «Lamed» am ZIID tätig, beziehungsweise am Vorgängerinstitut, dem Zürcher Lehrhaus. Weiter freute ich mich, mich hier mit meiner beruflichen Erfahrung und meinem akademischen Werdegang einbringen zu können. Ich bin übrigens schon seit Juni im Gespräch mit dem ZIID, um Anlässe zu planen.

Was ist Ihr Auftrag an diesem Institut?

Behloul: Ich habe den Fachbereich Christentum von Hanspeter Ernst übernommen. Nun geht es darum, Kontinuität zu bewahren, etwa bei den Kursen zum Basiswissen oder zur gelebten Religiosität. Weiter bin ich aufgefordert, neue Themen einzubringen. Für mich besteht die aktuelle Herausforderung in der Migration und der dadurch immer komplexer werdenden religiösen und kulturellen Landschaft der Schweiz.

Wie setzen Sie das um?

Behloul: Wir bieten schon jetzt und planen auch weitere Tagungen, Podiumsveranstaltungen, Exkursionen und Mittagstische zum Themenbereich an, aber auch praxisorientierte Kurse, etwa zu gelebter Religiosität. Auch bei Letzteren spielt die Migrationsfrage hinein. Migration ist zudem ein transgenerationales Thema für unsere Gesellschaft. Denn viele Menschen mit Migrationshintergrund sind inzwischen pensioniert und werden hier bleiben. Hier stellt sich beispielsweise für Pflegeinstitutionen zunehmend die Frage nach dem Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt.

Für Pflegeinstitutionen stellt sich die Frage nach dem Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt.

Sie leiten im Oktober und November zwei Tagungen: zur Migration in der katholischen Kirche sowie zu christlichen Werten und interreligiösem Zusammenleben. Was wollen Sie erreichen?

Behloul: Migration ist innerkirchlich eine ambivalente Sache. Man freut sich, an Anlässen mit exotischen Klängen und Speisen teilzunehmen. Aber die etwas andere Art der Frömmigkeit oder auch des Verständnisses der Geschlechterrollen sorgt leicht für Irritationen. Auch bei Menschen, die in der Kirche arbeiten. Die Tagung zur Migration hat den Anspruch, deren Kompetenzen im Umgang mit Menschen zu erweitern, die zwar katholisch sind, sich bezüglich Moral, Frömmigkeit und des Kirchenverständnisses aber anders verhalten. Ich bin überzeugt: Der kircheninterne und innerchristliche Dialog ist das Gebot der Stunde. Er ist nicht weniger wichtig als der Dialog mit dem Islam. Wir bewerben den Anlass deshalb primär im christlichen Spektrum.

Migration ist innerkirchlich eine ambivalente Sache.

Bei der Tagung zu christlichen Werten und interreligiösem Zusammenleben geht es unter anderem darum, aufzuzeigen, dass unsere Gesellschaft nicht heimlich islamisiert wird – wie immer wieder behauptet wird. Ein Grossteil der Migranten stammt aus christlichen Ländern – etwa aus Lateinamerika, Osteuropa, Sri Lanka und Südostasien. Man könnte also rein statistisch sagen, dass wir rechristianisiert werden. Auf jeden Fall wird infolge der Migration die religiöse und kulturelle Landschaft der Schweiz komplexer und ausdifferenzierter.

Die Migration betrifft auch andere Konfessionen und Religionen.

Behloul: Selbstverständlich. Bei der reformierten Kirche in Zürich etwa verstärkt die Migration die evangelikalen beziehungsweise freikirchlichen Bewegungen. Auch die Muslime sind von Migration betroffen. Wir nehmen sie zwar oft als homogenen Block wahr. Sie kommen aber aus den unterschiedlichsten Ländern und bringen von dort ihre Bräuche mit. Religion ist immer auch kulturell bedingt. Und die religiöse Identität ist immer nur ein Teil der Identität einer Person.

Sie schalten sich in gesellschaftliche Debatten ein.

Behloul: Ja, wir wollen uns einbringen. Religion wird ja oft als überflüssig, teilweise gar als gewaltfördernd kritisiert. Sie hat generell ein negatives Image in unserer Gesellschaft. Das sieht man an den aktuellen Zeitungskommentaren zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung von religiösen Gemeinschaften. Da heisst es schon mal: Keine religiöse Gemeinschaft sollte anerkannt werden, denn ohne Religion lebt es sich friedlicher. Solche Debatten möchten wir mitgestalten. Wir möchten über die Stellung und Aufgabe der Religionen in der pluralistischen und demokratischen Gesellschaft diskutieren.

Wir möchten über die Stellung und Aufgabe der Religionen in der Gesellschaft diskutieren.

Solche Themen würden sich auch bei der Paulus-Akademie gut machen. Wie unterscheiden sich Ihre Bildungsinstitutionen?

Behloul: Der Hauptbezugspunkt bei uns ist die Religion. Die Paulus-Akademie hat ein inhaltlich anders aufgestelltes Programm, dort ist Religion ein Thema unter vielen. Wir vom ZIID wollen zeigen: Die Religion ist insbesondere im Zeitalter der Selbstermächtigung ein relevantes Thema. Sie kann eine kritische Funktion einnehmen, indem sie etwa darauf hinweist, dass der Mensch nicht alles machen soll, was er kann oder könnte.

Wie schätzen Sie Religionen ein?

Behloul: Nach meiner Ansicht sind Religionen die ältesten globalen Bewegungen. Das Christentum und der Islam etwa haben sich weltweit verbreitet. In diesem Sinn sind sie Vorreiter der heutigen Globalisierung. Ausserdem haben sie – im Gegensatz zu den meisten anderen Ideologien – Jahrhunderte überdauert, gerade weil sie lern- und anpassungsfähig waren. Deshalb kann man aus ihrer Geschichte lernen.

…aber da gibt es doch viele Dogmen…

Behloul: Die Dogmen sind Eckpunkte einer Religion, die auch immer wieder diskutiert und neu erklärt werden müssen. Mit «lernfähig» oder auch «reformfähig» meine ich: Die Religionen haben sich bei ihrer globalen Ausweitung an die jeweiligen Kulturen angepasst. Dass heute Indonesien das Land mit den meisten Muslimen ist und Brasilen jenes mit den meisten Christen, will heissen: Da hat sich etwas getan.

Bei der Kommission «Migratio» der Schweizer Bischofskonferenz strebten Sie einen Wissensort und ein Kompetenzzentrum für Migration an – erfolglos. Ist dies beim ZIID möglich?

Behloul: Das ZIID ist ein Ort des Lernens, ein Ort, an dem sich Entscheidungsträger wie Privatpersonen über gesellschaftsrelevante Fragen zum Thema Religion informieren und weiterbilden können. Insofern ist es ein Wissensort und Kompetenzzentrum. Die Fachleitung für  Judentum, Christentum und Islam besteht nicht nur aus Angehörigen dieser drei Religionen, sondern zugleich aus Personen, die von ihrem beruflichem und akademischen Werdegang Kompetenz- und Wissensträger in diesem Bereich sind.

Wie arbeiten Sie mit den Fachleitern Islam und Judentum zusammen?

Behloul: Michel Bollag, Rifa’at Lenzin und ich tauschen uns ständig aus, egal, ob wir im Büro sind oder unterwegs. Wir besprechen das Programm und mögliche neue Formate. Wir wollen zu unserem Stammpublikum ein neues Publikum hinzugewinnen. Dafür sind wir aktuell in Kontakt mit Kulturschaffenden in Zürich, etwa aus den Bereichen Film und Theater.

Sie planen kulturelle Events?

Behloul: Möglicherweise. Ich habe auch schon während meiner Lehr- und Forschungstätigkeit als Religionswissenschaftler an der Universität Luzern zweimal mit dem Stadttheater Luzern zusammengearbeitet. Das kam gut an.

Sie sind auch Islamwissenschafter…

Behloul: Ich bin katholischer Theologe und Islamwissenschafter. So bringe ich auch die Erfahrung mit, aus christlicher Sicht auf den Islam zu schauen. Diesbezüglich arbeite ich gut mit Rifa’at Lenzin zusammen, der Fachleiterin Islam. Meinen Vorgänger verband mehr mit Michel Bollag, dem Fachleiter Judentum.

Haben Sie weitere Aufgaben am ZIID?

Behloul: Ich bin auch für den Bereich der Medienmitteilungen und Stellungnahmen zuständig. Ein wichtiges Ziel des ZIID ist es, sich in die gesellschaftlichen Debatten mit eigener Stimme einzubringen. In wenigen Tagen wird beispielsweise unsere Stellungnahme zur Burkadebatte veröffentlicht. Im Übrigen organisiere ich auch Exkursionen. Eine davon betrifft Orte in Zürich, an denen sich verschiedene Spielarten des Christentums etabliert haben.

In wenigen Tagen wird unsere Stellungnahme zur Burkadebatte veröffentlicht.

Werden Sie auch wissenschaftlich tätig sein?

Behloul: Meine Hauptaktivität ist hier am ZIID. Ich werde aber auch oft angefragt, als Referent an Tagungen im In- und Ausland aufzutreten. Aktuell leite ich zudem an der Universität Luzern ein Seminar zu den aktuellen westeuropäischen Debatten über den Islam. Ich bin ja im August zum Titularprofessor für Religionswissenschaft ernannt worden, in dieser Funktion aber nicht jedes Semester eingebunden ins Lehrangebot.

Haben Sie weitere Pläne?

Behloul: Zuerst muss das Fuss fassen, was ich vorhabe mit der Migrationsthematik. Dafür möchte ich mich noch breiter vernetzen, auch ausserhalb der katholischen Kirche.

Samuel Behloul im Zentrum für Interreligiösen Dialog | © Regula Pfeifer
27. September 2016 | 16:05
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