Unterwegs für die Fastenkampagne: Jovelyn Tolentino-Cloefe, Direktorin einer philippinischen NGO, und Fastenopfer-Praktikantin Laura Ingwer |  © Hans Merrouche
Schweiz
Unterwegs für die Fastenkampagne: Jovelyn Tolentino-Cloefe, Direktorin einer philippinischen NGO, und Fastenopfer-Praktikantin Laura Ingwer | © Hans Merrouche

«Wir Insel-Länder sind am meisten betroffen vom Klimawandel»

Zürich, 13.3.15 (kath.ch) Die Philippinen sind durch die Klimaerwärmung in ihrer Existenz bedroht. Jovelyn Tolentino-Cloefe, Direktorin der Nichtregierungsorganisation Center for Empowerment and Resource development (Cerd) engagiert sich für Fischer, ihre Gemeinschaften und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen – und wird dabei von Fastenopfer unterstützt. Im Gespräch mit kath.ch ruft sie auch die Schweizer Bevölkerung auf, ihren Beitrag zu einem kühleren Weltklima zu leisten.

Regula Pfeifer

Weshalb engagiert sich Cerd für Fischer und ihre Gemeinschaften? Was sind die Probleme?

Jovelyn Tolentino-Cloefe: Wir arbeiten seit unserer Gründung 1978 mit Fischern in Küstengemeinschaften. Fastenopfer unterstützt uns dabei seit 19 Jahren, vor allem finanziell und strategisch. Die übrigen 3000 NGOs auf den Philippinen kümmern sich vor allem um Bauern, Arbeiter oder Ureinwohner. Wir hingegen arbeiten mit Fischern, weil sie arm und bisher vernachlässigt sind. Fischer haben unregelmässige, saisonale Einkünfte, die von den Winden abhängen. In den letzten Jahren hat sich ihre Lage zugespitzt wegen illegaler und zerstörerischer Fangmethoden.

Was für illegale Fischfangmethoden?

Tolentino: Illegal ist das Einsetzen von Sprengstoff (»blast fishing») oder Gift «poisen fishing». Auf beide Arten werden nicht nur die gesuchten grossen Fische getötet, sondern auch kleinste Fische, Muscheln und Korallen.

Eine grosse Konkurrenz für kleine Fischer sind grosse kommerzielle Fischfangkutter, die nach skandinavischen Methoden arbeiten. Sie verwenden Grundschleppnetze, die bis zum Meeresboden reichen und Seegras und Korallen zerstören. Eine Nachtaktion eines Riesenkutters bedeutet für ein Fischerdorf ein bis zwei Monate keine Einkünfte.

Wie hilft Ihre Organisation?

Tolentino: Wir unterstützen die Fischer darin, ihre Ressourcen zu schützen und zu regenerieren. Wir bilden sie aus als sogenannte «Fish-Warner», die im Fanggebiet patrouilleren. Sie sind von der Regierung beauftragt und haben das Recht, Gesetzesübertreter zu verfolgen.

Zudem verbessern wir die Wahrnehmung der Fischer. Im Gespräch ergründen wir ihre Bedürfnisse und die Situation ihrer Ressourcen. Darauf aufbauend beginnen sie zu planen, was zu tun ist.

Das tun sie selber?

Tolentino: Ja, die Fischer organisieren sich. Als Organisation können sie ihren Sektor repräsentieren und mit der Regierung in Kontakt treten, das ist gesetzlich festgelegt. Wir unterstützen sie dabei mit Führungstrainings und Kursen in Organisationsmanagement. Und wir erklären ihnen, wie die Regierung funktioniert, damit sie ihre Bedürfnisse einbringen können.

Das konnten sie vorher nicht?

Tolentino: Fischer waren arm, ungebildet und wussten nicht, wie ihre Rechte einfordern.

Und jetzt, wie sind sie organisiert?

Wir haben Fischer-Organisationen auf dörflicher, städtischer und nationaler Ebene aufgebaut. So können sie ihre Anliegen einbringen. Täten sie das nicht, würde die Regierung vielleicht beschliessen, eines ihrer Gebiete für eine touristische Überbauung frei zu geben. Und die ansässigen Fischer würden einfach vertrieben.

Wie wichtig ist die Fischerei auf den Philippinen?

Tolentino: Sehr wichtig, nicht nur als Einnahmequelle. Fisch ist neben Reis die Hauptnahrung bei uns, vor allem in den Dörfern.

Sie haben ein nachhaltiges Küstenmanagement aufgestellt. Was läuft das?

Tolentino: Die Idee ist: Gemeinschaften sollen die Lebensgrundlagen an den Küsten selbst nachhaltig managen. Wir diskutieren mit ihnen Möglichkeiten. Für Korallen können sie Schutzgebiete mit Fischfangverbot bestimmen. Mangrovenwälder können mit Patrouillen vor illegalen Nutzern schützen und aufforsten. Auch gegen zerstörerische Fangpraktiken können sie mit Patrouillen vorgehen.

Wir haben zudem die Frauen motiviert, ihre Fanggründe nachhaltig zu nutzen, aus denen sie Muscheln und andere Meerestiere holen. Nun ernten sie abwechselnd auf zwei bis fünf Hektaren und halten den Rest geschlossen. So verhindern sie eine Übernutzung und erhöhen ihre Fangquoten. Inzwischen hat sich die Situation der Korallen, Mangroven und der Fischereigründe bedeutend verbessert. Davon profitieren nicht nur die Fischer.

Wer profitiert sonst?

Tolentino: Eine Küste aus Mangroven, Seegras und Korallen wirkt als abschwächender Puffer gegen hohe Wellen. Davon profitiert die ganze Gemeinschaft.

Sie führen auch ein soziales Unternehmen. Was für eines?

Tolentino: Wir strebten ein Geschäft an, das vielen Fischern zu einem Einkommen verhilft und so ihre Armut vermindert. Es durfte zudem die Umwelt nicht schädigen. Nach einigen Versuchen entschieden uns gemeinsam mit den Fischern für den Anbau von Meerestang. Meerestang wächst rasch, in 60 Tagen kann er geerntet werden. Und er wird im lokalen und internationalen Markt nachgefragt. Er wird als Zutat zu Nahrungsmitteln gebraucht sowie in Medikamenten, Kosmetika und anderen Produkten.

Unsere Organisation kauft den Fischern den getrockneten Meerestang zu einem fairen Preis ab und verkauft ihn den Produzenten. So reduzieren wir die Mittelmänner, und die Fischer erhalten ein bedeutend höheres Einkommen. Einer von ihnen konnte nach drei Jahren ein Haus kaufen und die Kinder ins College schicken. Andere Fischer sehen das und wollen auch mitmachen. Sogar die Fischer-Organisationen profitieren von diesem Geschäft, sie investieren darin.

Was bezweckt Ihr Gender Programm?

Tolentino: Traditionell ist Fischerei eine Männerdomäne. Wobei Fischerei nicht mit Fischfang korrespondiert. Das bedeutet auch Netze vorbereiten, Fische putzen, trockenen, räuchern, Muscheln ernten, Meerestiere vermarkten und verkaufen. So betrachtet üben Frauen über 50 Prozent der Tätigkeiten in der Fischereibranche aus. Doch früher waren sie nicht als Fischer akzeptiert. Wir haben uns für eine Magna Charta stark gemacht, nun sind die Frauen und ihre Tätigkeiten offiziell anerkannt.

Wir organisieren Frauen und Männer in separaten Organisationen. Frauen äussern sich nicht, wenn ihre Ehemänner dabei sind. Wir sensibilisieren Frauen und Männer für Frauenrechte und Genderfragen. Auch die Haushalte versuchen wir zu erreichen, dort entstehen die Rollenklischees.

Was haben Sie erreicht?

Tolentino: Früher wirkten Frauen nur als Sekretärinnen in den Organisationen mit, heute sind sie auch in der Leitung vertreten. Sie waren privat ans Haus gebunden. Ihr Ehemann und die Gemeinschaft versuchten sie am Ausgehen zu hindern. Jetzt besuchen Frauen Versammlungen, die Männer besorgen unterdessen das Haus. So erhalten beide gleiche Chancen mitzuwirken. Im Übrigen setzen sich unsere Gender-Anwälte, Frauen und Männer, gegen Gewalt an Frauen ein.

Die Fastenopfer-Kampagne engagiert sich fürs Klima. Wie sind Sie von betroffen?

Tolentino: Taifune sind normal bei uns. Aber in den letzten Jahren kamen sie öfters und mit stärkerer Gewalt. Einer dieser Taifune zerstörte alle unseren Bemühungen in einem Tag. Wir mussten alles neu beginnen.

Was tun Sie fürs Klima?

Tolentino: Unsere Organisation half den Fischer-Organisationen, einen Katastrophen-Plan aufzustellen. Wir motivierten sie, Daten zu sammeln über das Meereswasser, seine Höhe und Wärme. So konnten wir mit anderen Organisationen an die Regierung gelangen, um Pläne auszuarbeiten. Die Regierung beteiligt sich nun finanziell am Wiederaufbau von Mangroven-Wäldern und an den Versicherungen für Meerestang. Letztes Jahr hatten wir rund 115’000 Versicherungsabschlüsse dafür. Die Dörfer können auf dieses Geld zurückgreifen, um Sturmschäden zu begleichen.

Auf nationaler Ebene beteiligen uns an «climate action network», einem Netzwerk, das die Regierung auffordert, den Klimawechsel mit Gesetzen anzugehen. Und wir stärken die Position der Regierung auf internationaler Ebene. Wir sind der Meinung: Die reichen Länder sollten zahlen für die Schäden des Klimawandels. Denn sie sind jene, die uns die Katastrophe brachten.

Haben Sie Wünsche an die Schweiz und die Schweizer?

Tolentino: Wir, und insbesondere die Fischer, versuchen auf unsere Art, die Erwärmung der Erde zu reduzieren. Auch das Schweizer Publikum sollte seinen Teil dazu beitragen. Und die reiche Schweiz sollte international ihren Einfluss geltend machen. Wir Insel-Länder sind am meisten betroffen vom Klimawandel. Erhöht sich der Meeresspiegel, werden erst unsere Küsten, schliesslich das ganze Land überschwemmt.


Für Fastenopfer unterwegs

Jovelyn Tolentino Cloefe unterstützt die Fastenkampagne von Fastenopfer und Brot für alle. Sie ist bis am 26. März in der Schweiz und erzählt in Pfarreien und Organisationen von ihrer Nichtregierungsorganisation «Center for Empowerment and Resource development (Cerd), die sich auf den Philippinen für verbesserte Lebensbedingungen für Fischer und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen einsetzt. (rp)

 

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