Schweiz

Widerborstiger Sonntag

St. Gallen, 6.7.18 (kath.ch) Vor zwanzig Jahren verfasste Papst Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben «Dies domini». Darin sprach er sich für mehr Respekt vor dem Sonntag aus. Für den Theologen Peter Oberholzer, Mitglied der Sonntagsallianz, ist die Sonntagsruhe ein Weltkulturgut, das es mehr denn je zu schützen gilt, wie er in seinem Gastkommentar sagt.

20 Jahre nach dem Rundschreiben «Dies domini» von Johannes Paul II. hat der Sonntag nichts von seinem Wert eingebüsst. Der arbeitsfreie Tag für alle ist eine geniale Erfindung. Er lässt regelmässig Menschen zusammenkommen, ohne dass sie vorher mühsam ein Zeitfenster doodeln müssen. Biblisch gesehen ist die Sonntagsheiligung mit der Arbeitsruhe identisch. Zeitweilig haben die Kirchen mit der Betonung der Sonntagspflicht (Dies domini, Tag des Herrn) die ursprüngliche Bedeutung des Sonntags (Dies homini, Tag des Menschen) zugedeckt. Es braucht viele Kräfte, um dieses Weltkulturgut zu schützen. Der Kapitalismus wird keine Ruhe geben, bis er nicht die letzte Sekunde produktiv nutzen und in den Geldkreislauf einfügen kann.

«Sonntagsarbeit erhöht die Scheidungsrate.»

Nachtarbeit macht krank. Sonntagsarbeit schadet den Beziehungen. Die Arbeitsmediziner haben herausgefunden, dass die Kombination von Nacht- und Sonntagsarbeit die Scheidungshäufigkeit markant erhöht. Paare brauchen zweckfreie Zeiten, in denen sie sich wieder finden und erleben können. Die Arbeit ist für die meisten keine Selbstverwirklichung. Sonntagsarbeit muss vor allem von jenen geleistet werden, die im Tieflohnsegment beschäftigt sind. Sie hat eine versklavende Komponente, die durch den Wettbewerb verschärft wird.

«Viele Menschen halten den Dauerstress nicht aus.»

Viele Menschen halten den Dauerstress von Innovation, Leistungsdruck und Erfolg nicht aus. Niemand hätte vor 20 Jahren darauf gewettet, dass einmal so viele Menschen in ein Burnout fallen würden. Die Betroffenen haben in den letzten Jahren ihres Berufslebens und in der Rente schwer daran zu tragen. Das Wissen um diese Zusammenhänge ist in etlichen Fresken des Feiertag-Christus bewahrt: Der Auferstandene ist mit den Arbeitsgeräten des Alltags umgeben. Ihre Fron ist überwunden. Heute müsste der PC zu diesen Werkzeugen hinzugefügt werden.

«Ein Ruhetag wäre eine Wohltat für die Erde.»

Der Ruhetag gilt ausdrücklich auch für die Tiere. Er hat einen Bezug zur Schöpfung. Ein «Dies creationis» (Tag der Kreation), ein Ruhetag mit vermindertem Energieverbrauch und weniger Ressourcenverschleiss wäre eine Wohltat für die Erde. Der CO2-Ausstoss ist trotz aller Anstrengungen in den letzten 30 Jahren stetig gestiegen. Klimaforscher warnen vor der Grenze, wo die Prozesse der Erderwärmung nicht mehr gestoppt werden können. Eine Milliarde Menschen würde dadurch zur Flucht gezwungen. Es ist dringlich, dass der Sonntag seine Dimension als Besinnungstag zurückgewinnt. Noch stehen das Konsumieren und die Mobilität mit dem Flugzeug an der Spitze der Freiheiten.

«Der Sonntag steht im Dienst der Gemeinschaft.»

Mehr als jeder andere Tag steht der Sonntag im Dienst der Gemeinschaft und des Gemeinwohls. Er unterbricht die Produktion. Die Religionen sind die letzten grösseren Kräfte in der Gesellschaft, die sich dem Statuskonsum in den Weg stellen. Konsum um des Konsums willen ist nicht nötig. Gott hat alle Menschen gleich an Rang und Würde geschaffen. Ich wünsche mir, dass der Sonntag seine Widerborstigkeit bewahrt. Er braucht Sympathisanten, die zum Widerstand bereit sind und am Samstagabend lange und gerne den Break zur kleinen Auferstehung einläuten. Tschau Werktag, willkommen Sonntag!

Peter Oberholzer ist Pfarreibeauftragter in der Pfarrei Heiligkreuz in St. Gallen.

Gebet im Gottesdienst | © zVg Fachstelle Jugend bl.bs
6. Juli 2018 | 16:04
Teilen Sie diesen Artikel!