Christian Levrat | © parlament.ch
Schweiz
Christian Levrat | © parlament.ch

Spiel mit dem Feuer – Gerhard Pfister versus Christian Levrat

Freiburg i.Ü. / Zug, 17.10.16 (kath.ch) Die Parteipräsidenten von SP und CVP steigen in den Ring und kämpfen mit harten Bandagen in der Werte-Debatte. In der NZZ vom 15.10. wirft Christian Levrat (SP) seinem Kontrahenten Gerhard Pfister (CVP) vor, dass er einen Religionskonflikt herbeirede. Pfister hat gegenüber der NZZ gesagt: «Muslime gehören zur Schweiz – der Islam nicht». Beide Präsidenten spielen mit dem Feuer, wenn sie den Religionsfrieden in der Schweiz derart in Frage stellen, meint Charles Martig in seinem Kommentar.

Wenn zwei Katholiken sich in der Öffentlichkeit über den Stellenwert von Religion streiten, ist das kaum der Rede wert. Wenn diese beiden jedoch die Präsidenten von zwei nationalen Parteien sind, bekommt die Sache eine viel weitreichendere Bedeutung. Die CVP hat unter ihrem neuen Präsidenten Gerhard Pfister den Anspruch, das Thema «Religion, Werte und Öffentlichkeit» zu besetzen. So ist es nicht erstaunlich, dass Pfister sich in einem grossen Interview in der NZZ vom 8.10. zum Stellenwert des Islam äussert. Er irritiert dabei mit der Aussage, dass in der Schweiz lebende Muslime durchaus zu uns gehören, der Islam hingegen nicht.

Vehemente Werte-Debatte

Christian Levrat wirft dem CVP-Präsidenten in der NZZ vom 15.10. christlichen Totalitarismus vor: «Er setzt die Religion vor die säkularen Regeln unserer Gesellschaft, unserer Verfassung. Das ist gefährlich. Wenn Gerhard Pfister Muslime oder Juden als Schweizer zweiter Klasse klassifiziert, redet er einen Religionskonflikt herbei.» Levrat möchte deshalb den Weg des «gesunden Säkularismus» weiterführen. Der Staat solle die Regeln für die Religion vorgeben und nicht umgekehrt.

Was bei dieser Debatte erstaunt, ist die Vehemenz mit der Pfister und Levrat gegeneinander antreten. Pfister grenzt sich mit einer christlich geprägten Argumentation gegen den Islam in der Schweiz ab, was ihn unter den Verdacht des Populismus stellt. Levrat geht von einer einseitigen Säkularismus-Idee aus, die die Definitionsmacht über die geltenden Werte in der Gesellschaft dem Staat zuordnen will. Dass beide in ihrer jeweiligen Position defizitär sind, erkennen sie jedoch nicht.

Nicht auf Kosten der Muslime, Herr Pfister!

Es geht nicht an, dass die Werte-Debatte in der Schweiz auf dem Rücken der Muslime ausgetragen wird! Diese wertkonservative Position geht von einer Überlegenheit des christlichen Gedankenguts aus, die von vornherein gar nicht gegeben ist. Historisch lässt sich daran erinnern, dass die griechische Philosophie – und insbesondere die Werke von Aristoteles – nur über islamische Philosophen wie Averroës über Andalusien nach Europa vermittelt wurden. Wichtige Teile unserer Auffassung vom Denken und von der Logik verdanken wir also dem Islam. Die Aufklärung könnte also als ein Kind des Christentums und des Islams verstanden werden. Die Werte-Debatte darf deshalb nicht auf Kosten des Islam in der Schweiz ausgetragen werden.

Gegen den «gesunden Säkularismus»

Was am Säkularismus nun gesund sein soll, scheint mir aus heutiger Perspektive wenig einsichtig. Es handelt sich bei Levrat mehr um einen Appell an den gesunden Menschenverstand, als ein gutes Argument. Es ist heute offensichtlich, dass der klassische Säkularismus nicht mehr durchgehalten werden kann. Ausgerechnet derjenige Staat in Europa, der am konsequentesten den Laizismus und die Trennung von Kirche und Staat vorangetrieben hat, kämpft mit den grössten Problemen: In Frankreich haben sich Parallelgesellschaften gebildet, die nach eigenen Regeln funktionieren und sich teilweise dem Staat entziehen. Vertreter von Politik und Religion müssen sich deshalb neu darauf einigen, was in unserer Gesellschaft gilt. So greift auch die Argumentation des SP-Präsidenten zu kurz. Es beruht auf einer Säkularismus-Idee der 1990er-Jahre. Insbesondere die Einschätzung einer öffentlich-rechtlichen Anerkennung von Muslimen in der Schweiz zeigt dies auf: Levrat hofft weiterhin darauf, Pfister hat diese bereits abgeschrieben. Der Idealist steht gegen den Realisten. Auch der «gesunde Säkularismus» steckt in einer idealistischen Sackgasse.

Spiel mit dem Feuer

Gerhard Pifster scheint sich auf eine Debatte unter neuen Vorzeichen einzustimmen, wenn er von den christlichen Werten spricht, die wesentlich zum Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften beigetragen haben. Dass Levrat diese Diskussion nun mit einem Totalitarismus-Verdacht aushebelt, ist ein reines Totschlag-Argument. Der Verweis auf den «gesunden Säkularismus» dient nur dazu, Pfister eine ungesunde Religionspolitik zu unterstellen.

Der Verdacht, dass Pfister und Levrat vor allem das Territorium abstecken für eine anstehende Werte-Debatte auf politischem Parkett, scheint nicht ganz abwegig. Damit spielen sie mit dem Feuer. Anstatt die gemeinsamen Grundlagen im Zusammenleben der Religionen zu betonen, verschärfen sie den Ton und tragen zur Polarisierung bei. Das ist ein heisses Spiel mit dem Feuer.

NZZ Interview mit Gerhard Pfister (8.10.2016): «Muslime gehören zur Schweiz – der Islam nicht»

NZZ Interview mit Christian Levrat (15.10.2016): «Pfister redet einen Religionskonflikt herbei»

Gerhard Pfister | © Printscreen Rundschau SRF 24.2.2016
Gerhard Pfister | © Printscreen Rundschau SRF 24.2.2016
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