Filmtipp

Wenn das TV-Publikum über das Überleben entscheidet

Eine junge Iranerin muss in der längsten Nacht des Jahres um ihr Leben kämpfen – in einer TV-Live-Sendung mit dem bitterbösen Namen «Freude der Vergebung»

Sarah Stutte

Zur Wintersonnenwende wird im Iran traditionell die Yalda-Nacht gefeiert. Ein Fest, dass für Mitgefühl und Barmherzigkeit steht. In dieser längsten Nacht des Jahres wird die wegen Mordes an ihrem über 40 Jahre älteren Ehemann verurteilte Maryam in Handschellen in ein Fernsehstudio in Teheran gebracht. Falls ihr hier in einer Live-Sendung die Tochter des Getöteten vergibt, kann nach islamischem Recht das Todesurteil aufgehoben werden. Begnadigt Maryam gleichzeitig auch die Mehrheit der Zuschauer per SMS, übernimmt der Sender das fällige «Blutgeld», das an die Familie des Opfers gezahlt werden muss.

In der TV-Show wird tatsächlich über Leben und Tod entschieden

Abstrus?! Nein. Regisseur und Drehbuchautor Massoud Bakhshi hat sich für seine Geschichte an einem real existierenden Fernsehformat orientiert. In dieser TV-Scheinwelt rechtfertigen hohe Einschaltquoten und Werbeeinnahmen jede Art von Zuschauer-Manipulation und den Entscheid über Leben und Tod.

Bakshsi erzählt aber nicht nur eine bittere Mediensatire, die er kammerspielartig inszeniert. Er prangert auch die iranische Gesetzgebung an, die als Nährboden für dieses menschenverachtende Verhalten dient.

Zeitehen – eine entwürdigende Praxis vor allem für Frauen

Maryam wird als Frau gleich mehrfach diskriminiert. Zuerst durch das Prinzip der Zeitehe. Diese bindet blutjunge Frauen meist aus finanzieller Not heraus für eine vertraglich fest definierte Dauer an wesentlich ältere Männer. Dann durch die Unterwerfung unter ein System, dass sie überhaupt erst in diese Lage brachte. «Yalda» wurde am diesjährigen Sundance Festival mit dem grossen Preis der Jury ausgezeichnet.

Sarah Stutte, Filmjournalistin

«Yalda», Frankreich/Deutschland/Schweiz/Luxemburg 2019, Regie: Massoud Bakhshi, Besetzung: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Fereshteh Hosseini, Verleih: Sister Distribution, www.sister-distribution.ch

Trailer deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=ZnV1MPd3Eu8

Kinostart: 10. Dezember 2020, ab 8. Januar 2021 auf www.filmingo.ch zum Streamen

Vergibt Mona (Behnaz Jafari) der Mörderin ihres Vaters, der jungen Maryam (Sadaf Asgari, im Vordergrund) vor laufender Kamera? © 2020 Sister Distribution
10. Dezember 2020 | 06:15
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