Ausland

«Was ist so schlimm, wenn Priester Sex haben?»

Die Investigativ-Journalistin Suzanne Smith hat jahrelang über die Missbrauchsfälle in Australien berichtet. Im Interview mit kath.ch erzählt sie von den Schwierigkeiten ihrer Recherchen und warum sie aus der Kirche ausgetreten ist. Und sie fordert kurz vor Beginn der Amazonas-Synode die Abschaffung des Pflichtzölibats und das Frauenpriestertum.  

Raphael Rauch

Sie sind katholisch erzogen – und haben sich als Journalistin jahrelang mit den Abgründen der Kirche auseinandergesetzt. Hat Ihr Glaube darunter gelitten?

Suzanne Smith: Ja! Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Mich widert an, was Priester und Ordensleute Kindern und Jugendlichen angetan haben. Und wie die Kirche sich vor die Täter stellte, anstatt den Opfern zu helfen.

Wollten Sie sich mit Ihrem Kirchenaustritt von der Institution distanzieren – oder hatten Sie auch Glaubenszweifel?

Smith: Ich bin agnostischer geworden. Ich bin katholisch aufgewachsen und liebe die Rituale. Weihnachten, Ostern, die Liturgie – das hat meinem Leben einen Sinn gegeben. Aber ich habe so viele schmerzvolle Geschichten gehört, dass ich mich frage: Wo war Gott, als geweihte Priester, Bischöfe und Kardinäle sich an Kindern und Jugendlichen vergingen? Warum hat er das Leiden der Opfer nicht gehört? Warum hat er nicht verhindert, dass sich Opfer von sexuellem Missbrauch das Leben nahmen – aus lauter Scham?

«Wo war Gott, als Priester sich an Kindern vergingen?»

Suzanne Smith

Ich kann nicht mehr an einen allmächtigen Gott glauben und auch nicht an die Männer, die sich angeblich in seinen Dienst stellen. Deswegen besuche ich keinen Gottesdienst mehr und gehe nur noch zu Beerdigungen.

Sie haben zum Teil eklige, intime Details erfahren. Konnten Sie da professionell bleiben?

Smith: Als Journalistin sollte man neutral bleiben, aber wenn es um Missbrauch geht, bin ich natürlich auf der Seite der Opfer. Anders komme ich auch nicht an sie heran. Sie brauchen jemanden, dem sie vertrauen können und der für ihre Sache eintritt. Psychisch war das zum Teil belastend. Ich hatte eine Supervision, die mir geholfen hat, das Ganze zu verarbeiten. Und an einem gewissen Punkt bin ich zu meinem Chef gegangen und habe gesagt: Ich kann nicht mehr, ich möchte jetzt eine Zeit lang Nachrichten machen, die nichts mit Missbrauch zu tun haben.

Sie mussten Vertrauen zu den Opfern aufbauen. Wie haben Sie trotzdem eine professionelle Distanz gewahrt?

Smith: Das war manchmal sehr schwierig. Ich habe aber mit einer Gruppe zusammengearbeitet. Sie nennt sich nicht Selbsthilfegruppe, sondern Überlebensgruppe, was viel aussagt: Die Mitglieder haben das Gefühl, etwas überlebt zu haben, was sie hätte umbringen können. Manchmal habe ich Menschen aus der Überlebensgruppe zu den Interviews mitgenommen, damit sie sich um die Menschen kümmerten. Manchen hat geholfen, zu wissen: Ich bin nicht allein.

In ein paar Tagen beginnt in Rom die Amazonas-Synode. Was fordern Sie?

Smith: Eine Zeitenwende! Der Pflichtzölibat gehört abgeschafft. Was ist so schlimm, wenn Priester Sex haben – konsensuell mit Erwachsenen? Der Zölibat hat den Missbrauch begünstigt und auch dazu geführt, dass andere Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen missbraucht wurden. Die Kirche braucht auch einen neuen Umgang mit Homosexualität. Es ist einfach nur krank, dass die Kirche Schwule verurteilt, obwohl es im Klerus so viele schwule Männer gibt. Und um die Machtstrukturen aufzubrechen, brauchen wir die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Frauen sollten Priesterinnen werden dürfen.

«Eine Supervision hat mir geholfen, das Ganze zu verarbeiten.»

Suzanne Smith

Sexueller Missbrauch ist immer ein heikles Recherche-Thema. Macht es der kirchliche Kontext noch schwerer?

Smith: Ja, weil der Vatikan nach wie vor einen Teil der Täter schützt. Australische Behörden haben in Rom Akten angefordert – diese aber nie erhalten. Viele Opfer schweigen oder erzählen nicht die ganze Wahrheit. Die Scham ist gross. Und kirchliche Täter tun sich mit Schuldeingeständnissen schwer.

Sie spielen auf den australischen Kardinal George Pell an, der wegen Missbrauchs verurteilt wurde – aber Berufung einlegte.

Smith: Alle Vorinstanzen haben der Anklage Recht gegeben. Natürlich hat er das Recht, Berufung einzulegen. Aber für die Opfer ist es ein Schlag ins Gesicht.

Auch in der Schweiz gab es viele Missbrauchsfälle. Welcher Spur würden Sie als investigative Journalistin nachgehen?

Smith: In Australien gibt es unter den Opfern sexuellen Missbrauchs eine relativ hohe Suizidrate. Sie bringen sich aber nicht als Jugendliche um, sondern meistens im Alter von 40 bis 60 Jahren. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Eine lautet: Sie merken, dass sie das Thema ein Leben lang mit sich rumschleppen müssen und Zeit nur bedingt Wunden heilt. Eine andere Erklärung: Wenn sie eigene Kinder kriegen, kommen viele schmerzhafte Erinnerungen wieder hoch. Ich weiss nicht, wie die Situation in der Schweiz aussieht, aber ich würde mal die Suizidrate unter Missbrauchsopfern prüfen.

«Ich würde mal die Suizidrate unter Missbrauchsopfern prüfen. «

Suzanne Smith

Die Missbrauchsfälle erschüttern die Kirche in ihren Fundamenten. Haben Sie das Gefühl, den kirchlich Verantwortlichen ist das bewusst?

Smith: Papst Franziskus hat das kapiert. Ich setze grosse Hoffnungen in ihn. Aber viele bekämpfen seinen Kurs. Am meisten empört mich die fehlende Empathie und das fehlende Mitleid mit den Kindern. Tausende von Kindern wurden vergewaltigt, aber Priestern und Ordensleuten war das Ansehen der Kirche wichtiger. Sie haben den Missbrauch einfach als Kollateralschaden gesehen. Was mir Hoffnung macht: In der katholischen Kirche gibt es viele grossartige Menschen. Auf sie sollte die Kirche stärker zählen.

Die australische Investigativjournalistin Suzanne Smith | © Pressebild/zVg
29. September 2019 | 08:56
Teilen Sie diesen Artikel!

Suzanne Smith

Suzanne Smith arbeitet in Sydney (Australien) als investigative Journalistin für die australische Newsplattform «CrikeyINQ». Zuvor war sie 15 Jahre lang Investigativ-Reporterin der Nachrichtensendung «Lateline» des australischen Fernsehsenders «ABC». Über zehn Jahre beschäftigte sie sich mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Für diese Recherchen erhielt sie mehrere Preise. Auf der derzeit stattfindenden Konferenz des «Global Investigative Journalism Network» in Hamburg stellte sie ihr aktuelles Buchprojekt vor. Darin rekonstruiert sie unter anderem das Leben von Missbrauchsopfern, die sexuell missbraucht wurden und Jahre später sich das Leben nahmen. Das Buch erscheint 2020. (rr)