Religion anders

Was es bedeutet, Mensch zu sein: Olafur Eliassons «Life»

Spätestens nach eineinhalb Jahren Pandemie kann man sich einer Frage nicht mehr entziehen: Was bedeutet Leben? Die Ausstellung «Life» des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler ermöglicht eine sinnliche Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Menschsein. Ein assoziativ-philosophischer Bild-Spaziergang.

Natalie Fritz

Es wimmelt von Menschen an diesem schönen Abend in Basel. Im «Drämmli» stehen sie dicht gedrängt und auf den Trottoirs ist kaum ein Durchkommen möglich. Viele Passanten tragen rote Nati-Trikots. Die Schweiz spielt an der EM gegen Italien – im Freien sind Public Viewings erlaubt. Von «Feierabendruhe» kann nicht die Rede sein. Doch als wir den Park der Fondation Beyeler betreten, wähnen wir uns in einer anderen Welt: Ausser dem Rascheln der Blätter ist kaum ein Geräusch hörbar.

Blick vom Park der Fondation Beyeler auf die Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Auch die Besucher:innen reden mit andächtig gedämpfter Stimme und gehen gemessenen Schrittes durch die Ausstellung. Der Vergleich mit einer spirituell aufgeladenen Kirchenbesichtigung kommt mir in den Sinn. Und sollte sich bald schon als zutreffend erweisen – in verschiedener Hinsicht.

Was es zum Leben braucht: Wasser, Luft und Licht

Der Anblick des giftgrünen Teichs vor der geöffneten Museumsfront ist im warmen Abendlicht schlicht überwältigend.

Tritt ein ins Draussen? Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Für Olafur Eliassons Ausstellung «Life» hat die Fondation die grossen Glasscheiben entfernt. So kann das «Leben» ein- und ausströmen – wann und wie es will. Denn das «Leben» bringen nicht nur wir Besucher:innen in die Ausstellung. Belebt werden die Räume auch durch das Licht, das Wasser, die Luft, die Flora und Fauna, die ungestört zirkulieren dürfen.

Schauen und erkennen: Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Die Ausstellung lebt ohne unser zutun. Die menschliche Anwesenheit, unsere Blicke und Bewegungen sind nur ein kleiner Teil dieses steten Rhythmus’ von Kommen und Gehen, von Werden und Vergehen. Meine Begleitung hat ähnliche Gedanken, sie erklärt leise: «Man hat das Gefühl, dass alles hier im selben Takt atmet. Alles!»

Überwältigt vom grossen Ganzen

Das mag esoterisch klingen, aber vor Ort ist es einfach überwältigend logisch. Alles gehört irgendwie zusammen. Ohne Wasser, Luft und Licht gibt es kein Leben – also wirklich keines. Sind wir uns dessen bewusst, so als «Krone der Schöpfung»? Meist wohl nicht. Wasser, Licht und Luft sind einfach da. Meistens zumindest. Schätzen wir diese – nennen wir sie – elementaren Lebensgrundlagen? Zu wenig.

Es spiegelt so grün: Blick auf den Teich der Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Auf dem Holzsteg, die Reflexion der Bäume auf der Wasseroberfläche betrachtend, spüre ich, dass unser menschliches «Leben» nur ein winziger Teil eines viel grösseren Ganzen ist: eines umfassenden und unfassbaren Organismus. Eine simple und dennoch irgendwie erschütternd-erhebende Erkenntnis. Der Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto hat einst die «Erfahrung des Heiligen» als zugleich schauervoll und faszinierend beschrieben. Habe ich hier, im Park der Fondation tatsächlich einen transzendenten Moment erlebt?

Unsere Verantwortung

Im ersten Kapitel der Genesis steht, dass das Licht am ersten Tag geschaffen wurde. Am zweiten Tag kam das Wasser dazu, dann Pflanzen und ein Teil der Fauna… Erst am sechsten Tag schuf Gott Mann und Frau und erklärte ihnen: «…bevölkert die Erde, unterwerft sie euch». Legitimieren wir Menschen unsere Stellung im Lebenskreislauf wirklich damit? Wir stellen unsere Daseinsform über andere, auch solche, die viel älter sind als wir …

Lebensweg? Im Innern der Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Als Besucher:in der Ausstellung drängt sich die Frage auf, ob «unterwerfen» im Sinne eines Privilegs, à la «nutzen dürfen» verstanden werden sollte. Wer etwas nutzen darf, geht damit eine Verantwortung ein. Nutzen ist nicht gleichbedeutend mit ausnutzen … Sollten wir als «vernunftbegabte» Menschen nicht Verantwortung übernehmen und Sorge tragen zu dem, was uns anvertraut worden ist? Sollten wir nicht nur unsere «Nächsten» lieben, sondern auch an die «Fernsten» – die kommenden Generationen – denken? Wo wollen wir hin? Wer wollen wir sein?

Schau hinaus: Im Innern der Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Raum und Zeit

Olafur Eliassons Werk bietet uns als Besuche:innen nicht nur eine neue Sicht auf das «Leben», er lässt uns auch Raum und Zeit neu erleben. Das Museum ist nicht länger ein abgeschlossener Bereich, in dem Kunst gehortet wird. Wir selbst werden Teil des Museums, Teil der Kunst, weil sie durch uns belebt wird.

Grün wie die Hoffnung oder das Leben ... Blick ins Wasser der Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Wir gehen durch die offenen Räume, betrachten die sanften Strudel im Wasser, staunen über die Reflektionen an den Wänden. Wir berühren und wir atmen Kunst. Wir werden Teil von ihr, denken sie weiter – weil wir über unsere Erfahrung nachdenken, über sie sprechen.

Auch Zeit wird neu definiert. Das Wasser bewegt sich fast unmerklich. Keine Hektik wie sonst bei grossen Ausstellungen. Die schmalen Stege sind trotz der Anwesenden frei und flüssig passierbar. Man kann sich ganz auf die sinnlichen Eindrücke einlassen. Sind die Holzstege Lebenswege? Wir gehen sie so, wie wir wollen, zweigen dort ab, wo es uns gefällt … Ist der Weg das Ziel?

Jeder Steg ein Lebensweg? Im Innern der Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Wir waren mehrere Stunden vor Ort ohne, dass wir es bemerkt hätten. Vita brevis, ars longa – ein Menschenleben ist kurz, die Kunst ist ewig!

Alles im Fluss, nichts bleibt, wie es ist

Eliasson hat für «Life» bewusst Grenzen aufgehoben, die wir im Alltag kaum bemerken, weil sie so «normal» sind. Plötzlich vermischen sich Innen und Aussen, Natur und Kultur. Das «Ich» wird Teil eines undefinierten «Wir» oder «Ganzen». Wie das Wasser ist auch alles Leben in stetigem Fluss. Nichts ist unveränderlich, alles bewegt sich.

Kultur und Natur verschmelzen: Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson

Eine zugleich hoffnungsvolle wie auch beängstigende Erkenntnis. Aber wenn alles fragil ist und nichts für immer – was bleibt dann? Drauf will und gibt die Ausstellung keine Antwort. Die Kunst hinterfragt, regt zum Nachdenken über das Wesentliche an. Antworten muss jede*r in und für sich selbst finden.

«Life» verlässt man verändert. Vielleicht nur für einen Moment, aber man hat das Gefühl, einen Einblick in das erhascht zu haben, was nach Goethes Faust «die Welt im Innersten zusammenhält».

Die Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler ist noch bis zum 18. Juli offen. Der 24-Stunden-Live-Stream kann auf der Fondation-Homepage angeschaut werden: https://life.fondationbeyeler.ch/

Eine kurze Einführung zur Ausstellung durch den Künstler auf:


Tritt ein ins ...Leben? Ausstellung «Life» von Olafur Eliasson | © Natalie Fritz
10. Juli 2021 | 05:00
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Olafur Eliasson

Der Künstler wurde 1967 als Sohn isländischer Eltern in Kopenhagen geboren. Als Kind verbrachte Eliasson die Ferien meist auf Island. Die karge Natur Islands fasziniert ihn bis heute und prägt Eliassons Kunst. Im «Studio Olafur Eliasson» in Berlin arbeitet der Künstler mit Menschen aus ganz verschiedenen Arbeitsbereichen zusammen. So entstehen vielschichtige Kunstprojekte, die stets den Menschen und seinen Umgang mit der Umwelt thematisieren. (nf