Kommentar

Warum sich die Bischöfe bei der Ehe für alle zurückhalten

Die klare Haltung der reformierten Landeskirchen zur Ehe für alle ist nicht überraschend. Aber warum schweigen die Schweizer Bischöfe zu dieser wichtigen politischen Frage? Alberto Bondolfi, emeritierter Professor für Ethik der Universität Genf, versteht ihre Haltung als friedensfördernd. Die Bischöfe wollten offensichtlich keinen «Kreuzzug» gegen die Ehe für alle, schreibt er in seinem Gastkommentar.

Die reformierten Kirchen der Schweiz, versammelt im Kirchenbund, haben sich eingehend mit dem Thema «Ehe für alle» auseinandergesetzt und eine Stellungnahme veröffentlicht. Viele Schweizerinnen und Schweizer, vor allem wenn sie mit den verschiedenen konfessionellen Traditionen nicht unbedingt vertraut sind, werden sich fragen, warum auf katholischer Seite keine entsprechende Stellungnahme vorhanden ist. Diese Frage ist ohne weiteres berechtigt. Sie kann zuerst mit einem Hinweis auf die je verschiedene Strukturierung der Schwesterkirchen beantwortet werden.

Bischofskonferenz grenzt ihre eigene Kompetenz ein

Zwar hat die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) Mitte Juni im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens eine knappe Stellungnahme veröffentlicht. Darin wird die Meinung der katholischen Bevölkerung zu dieser Problematik nicht erwähnt, sondern nur die Position der Schweizer Bischöfe festgelegt. Die Bischofskonferenz will sich nicht zu einzelnen Aspekten der Vorlage positionieren. Sie schreibt, dass sich ihre Kompetenz auf die Ehe, so wie sie im Rahmen der katholischen Kirche verstanden und ausgeübt wird, konzentriert. Trotzdem betont sie, dass die Rechte der Kinder, auch bei neuen Formen des Familienlebens, voll respektiert werden müssen. Soweit die Schweizer Bischofskonferenz.

Reformation und Konzil von Trient

Eine Frage bleibt bestehen: warum bekunden die Bischöfe unseres Landes eine gewisse Mühe mit der Institution der Zivilehe? Eine Teilantwort kann und soll in der Geschichte gesucht werden. Zwei historische Wenden haben die offizielle Position der katholischen Kirche in dieser Frage geprägt.

«Katholische Kirche reagierte mit einer klaren Regulierung der Ehe.»

Die erste liegt bereits 500 Jahre zurück, nämlich in der Reformation. Die Reformatoren wollten nicht die theologische Bedeutung der Ehe mindern oder sogar verkennen, sondern vielmehr die Macht der kirchlichen Institution, vor allem der Kirchenjuristen, bei Ehefragen hinterfragen. Deswegen haben sie weltliche Ehegerichte errichtet, die von Laien geleitet wurden. Die katholische Kirche reagierte darauf, vor allem beim Konzil von Trient, mit einer klaren Regulierung der Ehe, verstanden als Sakrament. Sie beanspruchte die kirchliche Kompetenz bei Ehefragen.

Dieser Anspruch führte, zumindest in einigen katholisch geprägten Ländern, zur Diskriminierung vieler protestantischer und jüdischer Paare, welche nicht heiraten durften und somit auch keine legitimen Kinder haben durften. Erst die Einführung des «mariage civil» durch Napoleon betonte die klare Kompetenz des Staates und seiner Gesetze bei Ehefragen.

Auseinandersetzung um die Ehe für alle führt zu Radikalisierung

Die heutige Auseinandersetzung um die Ehe für alle kann als Fortsetzung und zugleich als Radikalisierung dieses geschichtlichen Prozesses interpretiert werden. Alle drei Landeskirchen sind dabei herausgefordert, auch wenn sie mit je spezifischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Die reformierten Kirchen müssen die Kluft zwischen der biblischen Betrachtung der Ehe und der Einstellung der kirchlichen Institutionen zum säkularen Staat irgendwie überbrücken. Um den innerprotestantischen Konflikt zu mindern, hat die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) eine Gewissensklausel für einzelne Pfarrpersonen vorgesehen, welche eine Trauungsliturgie für homosexuelle Paare ablehnen.

Die katholische Kirche soll ihre Haltung zur Homosexualität grundsätzlich überdenken. Darüber hinaus muss sie die Rolle des Rechts in einer pluralistischen Gesellschaft respektieren. Eine Trauungsliturgie ist im Moment kaum denkbar, aber eine Segnung könnte ohne weiteres eingeführt werden.

Welche Rolle spielt die Ökumene?

Zum Glück werden die bevorstehenden Aufgaben in diesem Bereich zum grossen Teil in ökumenischer Gemeinsamkeit angegangen. Das geschieht sowohl an der Basis als auch an theologischen Fakultäten – und sogar manchmal auch in offiziellen Gremien. Kürzlich konnte ich an der theologischen Fakultät der Universität Louvain-la-Neuve in Belgien an einer doktoralen Verteidigung teilnehmen, welche einige Initiativen der katholischen Kirche bei der Inklusion homosexueller Paaren bewertet hat. Die Dissertation wurde angenommen und die belgische Bischofskonferenz wird die Resultate dieser Untersuchung ebenso beachten.

Schweizer Bischöfe wollen Frieden fördern

Die Vorsicht der Schweizer Bischofskonferenz ist, angesichts der noch nicht bewältigten Probleme um die Fälle sexuellen Missbrauchs und der internen Unterschiede zwischen einzelnen Bischöfe über die Interpretation der heutigen Trends, ohne weiteres verständlich und nachvollziehbar. Die Schweizer Bischöfe haben darauf verzichtet, die Katholikinnen und Katholiken unseres Landes zu einem Kreuzzug gegen die Vorlage «Ehe für alle» aufzurufen. Insofern ist die schlichte Stellungnahme der SBK von Mitte Juni als friedensfördernd zu bewerten.

Weitere Schritte sind aber trotzdem notwendig. Nicht nur als Forsetzung einer Grundsatzreflexion, sondern darüber hinaus als aktive Einbeziehung der betroffenen Menschen, der Pfarreien und der katholischen Institutionen. Papst Franziskus ruft zur vermehrten Synodalität in der Kirche auf. Dieser Appel des Papstes gilt für uns alle in der Kirche.


Alberto Bondolfi | © Universität Genf
7. November 2019 | 14:05
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