Angehörige von Missbrauchsopfern im August 2018 an einer Demo vor dem Gebäude der Diözese Erie | © KNA
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Angehörige von Missbrauchsopfern im August 2018 an einer Demo vor dem Gebäude der Diözese Erie | © KNA

US-Justizministerium nimmt Kirche ins Visier

Washington, 21.10.18 (kath.ch) Die Strafverfolgungsbehörden der US-Bundesregierung machen normalerweise einen grossen Bogen um Ermittlungen, die sich gegen religiöse Institutionen richten. Das gilt auch für den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. Seit das Thema 2002 erstmals nationale Schlagzeilen machte, hat das Justizministerium die Untersuchungen weitgehend den lokalen Gerichtsbarkeiten überlassen. Das ändert sich nun.

Bernd Tenhage

Insofern lässt es aufhorchen, dass sich nun erstmals ein Bundesanwalt der US-Regierung mit dem seit Sommer neu aufgeflammten Missbrauchsskandal befasst. Genauer gesagt mit den Hunderten Übergriffen in Pennsylvania, die der Untersuchungsbericht eines Geschworenengerichts des Bundesstaates im August bereits detailliert aufgearbeitet hat.

Kirchenakten angefordert

Laut einem Bericht der US-Agentur Catholic News Service (CNS) haben inzwischen mehrere Bistümer bestätigt, dass Bundesanwalt William McSwain bereits Dokumente bei ihnen angefordert hat. Das angeforderte Material sind Kirchenakten, die Beweise für strafbare Handlungen nach Bundesrecht enthalten könnten. Dazu gehören beispielsweise Missbrauchsfälle, zu denen es ausserhalb von Pennsylvania gekommen sei oder der Austausch von Kinderpornografie.

«Das ist eine atemberaubende Entwicklung.»

«Das ist eine atemberaubende Entwicklung», sagt der Fachanwalt für Missbrauch, Michael Dolce. Für die Betroffenen sei das «sehr willkommen»; für die Diözesen eher nicht. Denn selbst mit der überall demonstrierten Bereitschaft, mit den Bundesermittlern zu kooperieren, bringt dies, nur Wochen nach Abschluss der Ermittlungen des Chefanklägers in Pennsylvania, neue Herausforderungen.

Diözesen zeigen sich kooperationsbereit

«Wir sind nicht überrascht angesichts des fürchterlichen Fehlverhaltens, das in dem Bericht des Geschworenengerichts festgehalten ist», sagte der Sprecher der Diözese Greensburg, Jerry Zufelt. «Die Überlebenden, Gemeindemitglieder und die Öffentlichkeit wollen Beweise sehen, dass jede Diözese durchgreifende, entschlossene und wirkungsvolle Massnahmen ergriffen hat, Kinder sicherer zu machen.» Deshalb werde das Bistum voll kooperieren.

So heisst es auch in einer Stellungnahme der Diözese Allentown, die Zusammenarbeit mit dem Bundesanwalt verspricht. Auch die übrigen sechs Diözesen zeigen sich kooperationswillig.

Der Bericht der Grand Jury im August hatte schockierende Details veröffentlicht, wie sich die Kirche in Pennsylvania über sieben Jahrzehnte schützend vor mehr als 300 Kleriker gestellt hat, gegen die Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden. Ein Grossteil der Beschuldigten ist bereits verstorben.

Ex-Priester letzte Woche vor Gericht

Da die Taten zudem oft viele Jahre zurückliegen, lassen sich nur noch wenige Einzelfälle rechtlich verfolgen. Im ersten Prozess gegen einen ehemaligen Priester aus Pennsylvania bekannte sich der Angeklagte in vergangene Woche vor Gericht für schuldig, einen Jungen mehrmals sexuell missbraucht zu haben.

Der im Februar seines Priesteramts enthobene David Poulson (64) muss sich auch für den versuchten Missbrauch an einem zweiten Minderjährigen verantworten. Die Opfer waren 8 und 15 Jahre alt. Nachdem er seine Schuld eingestanden hat, hat Poulson bei einer Verurteilung mit bis zu 14 Jahren Gefängnis zu rechnen.

Opferadvokaten drängen seit langem auf bundesweite Entwicklungen

Der Bischof der Diözese Erie, Lawrence Persico, reagierte mit den Worten, er sei über jeden Fall «sehr traurig». Er kündigte an, weiterhin eng mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Der Abgeordnete im Repräsentantenhaus des Bundesstaates Pennsylvania, Mark Rozzi, der selber als Kind von einem Priester missbraucht worden war, meinte, die zusätzlichen Ermittlungen des Bundesanwalts seien sinnvoll, «weil das eine bessere Möglichkeit eröffnet, den Vatikan zur Rechenschaft zu ziehen».

Opferadvokaten wie Peter Isley drängen seit langem auf bundesweite Entwicklungen. Die Entscheidung des Bundesanwalts von Pennsylvania sei ein deutlicher Fortschritt. «Aber stellen Sie sich einmal vor, was los wäre, wenn Pennsylvania bundesweit zum Vorbild würde.» (kna)

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