Porträt

Theologe als Strassenputzer: «Feiertage sind mein Kreuzweg»

Strassenputzer sind Sozialarbeiter: eine unkomplizierte Anlaufstelle für hilfesuchende Menschen, sagt der Freiburger Strassenkehrer Michel Simonet. Er hat zwei Jahre die «Ecole de la foi» besucht. Sein Markenzeichen: eine Rose auf der Schubkarre. Sie erleichtert die Kontaktnahme.

Georges Scherrer

Seit 34 Jahren reinigt er die Strassen in Freiburg. «Was sagen die Leute von mir: Der Strassenputzer befindet sich am unteren Rand der Gesellschaft, gerade bei den Randständigen», sagt Simonet in einem Freiburger Café. Er ist ganz in der Signalfarbe Orange gekleidet.

Die ersten zwanzig Jahre war er im Bahnhofsquartier unterwegs. «Dort begegnete ich ganz unterschiedlichen Leuten: Drogensüchtigen, Landstreichern, Propheten, einfachen Menschen auf der Strasse.»

Das aufmerksame Auge im Quartier

«Viele Menschen kommen zu mir, um zu reden. Sie wissen, dass ich kein Sozialarbeiter bin. Sie wollen einfach diskutieren.» Er spielt nicht den Polizisten, denunziert niemanden. Wenn er Drogen findet, «dann gebe ich das Cannabis der Police – schon weil es sich reimt», meint der Westschweizer verschmitzt.

Michel Simonet

Wenn er von Problemen erfährt oder Menschen sieht, die gesundheitlich angeschlagen sind, dann wendet er sich an die Sozialarbeiter. An ihnen liege es, solchen Menschen fachmännisch zu helfen.

Die Rose gehört zum Stadtbild

Heute wischt er in der Altstadt. Wegen der Personaleinsparungen muss er ein grösseres Gebiet reinigen. Es bleibt ihm darum etwas weniger Zeit für den Kontakt zu den Mitmenschen. Früher schob er seinen Putzkarren durch die Strassen. Heute ist er meist mit einem modernen Strassenstaubsauger unterwegs. Dieser trägt selbstverständlich auch eine Rose. Der Putzwagen gefällt ihm besser, denn dieser ist «poetischer».

Die Rose erhält Michel Simonet seit Jahren immer vom gleichen Blumenladen. Zuweilen hält eine Rose mehrere Tage. «Im Sommer brauche ich manchmal zwei, weil die Blume schnell verwelkt.»

Michel Simonet bei jedem Wetter unterwegs

Die Rose erleichtert es vielen Menschen, auf der Strasse «mit mir Kontakt aufzunehmen. Die Gespräche gehen dann in alles Richtungen.» Die Rose verschenkt er nicht, denn sie gehört zum «Stadtbild».

Die Kleinen Brüder von Zürich

Schon immer wollte er mitten unter den Leuten arbeiten. «Das ist meine Berufung». Er ist ausgebildeter Buchhalter. Das war ihm nicht genug. Er besuchte in Freiburg zwei Jahre die «Ecole de la foi», die der Priester Jacques Loew gegründet hatte.

Charles de Foucauld

In dieser «Glaubensschule» begegnete er vier Mitgliedern der Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu aus Zürich. Geistlicher Vater dieser Gruppe ist der Wüsten-Eremit Charles de Foucauld. Ihr Beispiel hat es ihm angetan. Er bewarb sich bei der Stadt als Strassenputzer.

Von der Strasse in die Kirche

Bei den Begegnungen spricht er mit den Leuten – «wenn sie es wünschen» – auch über den Glauben. «Ich bin überzeugter Katholik», sagt er. Was er in der Glaubensschule und von den Kleinen Brüdern erfahren hat, lässt er in die Gespräche einfliessen.

Michel Simonet mit einem Geschenk einer Verehrerin

Einmal im Monat begibt er sich nach der Arbeit in die Kathedrale Freiburg. Dort feiert der Bischof von Freiburg, Charles Morerod, am Sonntag jeweils den Abendgottesdienst. Der Strassenputzer wird dann zum Solisten, der mit seinem Gesang, umrahmt vom Klang der Orgel, die Liturgie begleitet.

In Gedanken unterwegs

Michel Simonet notiert auf seinem Gang durch die Strassen seine Gedanken. Über die Rose kam er mit einem bekannten Freiburger Literaturkenner in Kontakt. Dieser vermittelte ihm einen Verlag. Das Buch «une rose et un balai» wurde veröffentlicht.

In dem Buch ist ab und zu von Gott und Glaube die Rede. Nicht immer in seriöser Art und Weise. Simonet gibt auch die Worte eines nicht genannten Freiburger Historikers wieder: «Die Päpste schickten die Könige auf die Kreuzzüge. Das steht in der Bibel.»

Kostproben des menschlichen Seins kennt der Strassenputzer und Philosoph viele. In seinem Buch sagt er als Theologe über seine praktische Arbeit in einem Gedicht: «Der Tag nach den Feiertagen: mein Kreuzweg. Die Mülleimer: meine Stationen.»

Michel Simonet 2016 in der Sendung von Kurt Aeschbacher (ab Minute 20)

Michel Simonet als Sänger (ab Minute 16:20 und 18:10)

Das Buch «Mit Rose und Besen» von Michel Simonet ist in deutscher Übersetzung im Berner Nydegg Verlag erschienen.


Michel Simonet mit seiner Rose | © Georges Scherrer
24. November 2020 | 05:26
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Michel Simonet

Michel Simonet wurde 1961 in Zürich geboren. Als er vier Jahre alt war, zügelte die Familien in die Westschweiz. «Ich habe deutsch in der Schule gelernt», sagt er. Seine Deutschkenntnisse erlaubten es ihm, auch schon in einer Sendung von Kurt Aeschbacher aufzutreten. Simonet ist Vater von sieben Kindern. Vier sind bereits ausgeflogen, drei leben noch zu Hause.