Audienz beim neuen Papst (Jude Law) | © Filmstill aus «The Young Pope»
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Audienz beim neuen Papst (Jude Law) | © Filmstill aus «The Young Pope»

The Young Pope – Der Wolf und seine Schäfchen

Zürich, 19.6.17 (kath.ch) Regisseur Paolo Sorrentino macht Filme wie Gemälde. Und wie sie nur Italiener machen können. Das hat man auch in Amerika gemerkt – und ihn für eine TV-Serie über den «Jungen Papst» (The Young Pope) engagiert. Eine Filmkritik von Sarah Stutte*.

Er ist ein 40 Jahre alter, gutaussehender, selbstverliebter Amerikaner, der Diät-Cola frühstückt und Kette raucht. Als einziger im Vatikan, versteht sich. Die Besucher müssen sich weiterhin ans Rauchverbot halten. Niemand weiss, warum Lenny Belardo alias Papst Pius XIII. eigentlich ernannt wurde. Sein ehemaliger Mentor und Unterlegener im Kampf um das höchste Amt der katholischen Kirche, Kardinal Michael Spencer, vermutet eine Verschwörung. Niemand kann diesen Papst einschätzen. So setzt er den hauseigenen Beichtvater als Spion ein, der ihm in geheimen Audienzen auf dem Dach Bericht erstattet, und ernennt seine ehemalige Ziehmutter, Schwester Mary, zu seiner persönlichen Beraterin.

Der Papst (Jude Law) mit seiner Ziehmutter Mary (Diane Keaton) | © Filmstill aus «The Young Pope»

Grössenwahn umschmeichelt seine Handlungen – und auch ein Hauch von Diabolik. Seine Antrittsrede vom absichtlich verdunkelten Balkon des Petersdoms herab zu den hunderttausend Gläubigen entwickelt sich zum Desaster. Bevor die Menschen nicht zu Gott gefunden hätten, seien sie nicht würdig, das Gesicht des neuen Papstes zu sehen. Eingeschüchtert verlassen die Gläubigen den Petersplatz und auch die anwesenden Bischöfe und Kardinäle sind bestürzt und verwirrt.

Trockener Humor und frische Ansichten im Vatikan

Mit einer faszinierenden Eindringlichkeit wird dieser ungewöhnliche Papst in «The Young Pope» von Jude Law dargestellt. Mit vollem Körpereinsatz, wenn er sich alleine und unbeobachtet fühlt, und mit einer beängstigenden Ruhe, Eloquenz und Eleganz, wenn er vor Publikum agiert. Ihm zur Seite steht ein herausragender Cast, allen voran Diane Keaton als gewitzte Nonne, die «ihrem Lenny» allen Widrigkeiten zum Trotz den Rücken freihält. Ihr Auftritt im Pyjama mit der Aufschrift «I’m a Virgin, but this is an old Shirt», in dem sie dem Papst die Tür öffnet, ist umwerfend komisch.

Der eitle Papst (Jude Law) beim Ankleiden | © Filmstill aus «The Young Pope»

Auch Silvio Orlandos Darbietung als Kardinal Angelo Voiello, der seinem unkontrollierbaren Chef hilflos gegenübertritt, ist exzellent gespielt. Der trockene Humor, die raffinierten Dialoge und der frech-frische Umgang mit seiner Heiligkeit und dem Katholizismus, sind weitere Pluspunkte der überaus erfolgreichen Serie, die von drei Pay-TV-Sendern, dem deutschen Sky gemeinsam mit dem amerikanischen HBO und dem Canal+ produziert wurde.

Sorrentinos «italienischer» Blick

Dass sich ausgerechnet ein italienischer Regisseur dieses Stoffes angenommen hat, erstaunt auf den ersten Blick vielleicht, bedenkt man den Stellenwert der Kirche in Italien. Doch die Wahl ist nur logisch. Nicht zum ersten Mal hält Paolo Sorrentino den Italienern den Spiegel vor. Und er kann es sich erlauben. Spätestens seit er mit «La Grande Bellezza» 2014 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat. Auch Sorrentino rätselt, weshalb er mit seiner feinen Ironie und Sozialkritik bisher ungeschoren davonkam. Doch seine Filme zeichnen sich auch durch eine eigenwillige, opulente Bildsprache aus. Und so sind auch die Einstellungen in «The Young Pope» von zeitloser Schönheit.

Der Papst (Jude Law) in vollem Ornat | © Filmstill aus «The Young Pope»

Der Feingeist hat im Film eine Ausdrucksform gefunden, die alle seine künstlerischen Ambitionen gleichsam vereint und wiedergibt. Auch als Spiegelung der Wirklichkeit, wie Sorrentino meint: «Ich denke, dass zwei Realitäten besser sind als nur eine», sagt er und lächelt zum ersten Mal. Dann ergänzt er: «Ich sehe nicht, wie die Dinge sind, sondern wie sie sein sollten.» Man darf gespannt sein, was dies für die Zukunft im Vatikan, zumindest in der Serie, bedeutet.

*Sarah Stutte, Filmjournalistin, arbeitet für den Medientipp.

Serie «The Young Pope», Regie: Paolo Sorrentino; IT/FR/ES, 2016-?; Besetzung: Jude Law, Diane Keaton, Silvio Orlando, Javier Cámara. Die deutsche Synchronfassung ist auf dem Bezahlsender Sky Atlantic HD visionierbar.

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