Daniel Burger, Seelsorger am Spital Affoltern am Albis im Kanton Zürich | © 2015 Barbara Ludwig
Schweiz
Daniel Burger, Seelsorger am Spital Affoltern am Albis im Kanton Zürich | © 2015 Barbara Ludwig

Spitalseelsorger: «Ich will nicht dabei sein, wenn jemand mit Exit geht!»

Affoltern a. A. (ZH), 25.3.15 (kath.ch) Daniel Burger (46) ist seit fünfeinhalb Jahren Seelsorger am Spital Affoltern am Albis, einem Regionalspital im Kanton Zürich. Die Hälfte der Patienten, die ihn an ihr Bett rufen, sind Schwerkranke und Sterbende. Nur selten begegnet er Menschen, die mit Unterstützung der Sterbehilfeorganisation Exit ihr Leben beenden wollten. kath.ch hat mit ihm darüber gesprochen.

Barbara Ludwig

Wie oft sind Sie Patienten begegnet, die den Wunsch äusserten, mit Hilfe von Exit Suizid zu begehen?

Daniel Burger: Zwei Mal. Bei dem einen Mann spürte ich, dass bereits das Zuhören den Suizidwunsch schwächte. Es war offenbar wichtig, dass er jemanden hatte, um über das schwierige Thema zu sprechen. Soviel ich weiss, starb er dann nicht mit Exit. Mit der zweiten Person, einem über 70-jährigen krebskranken Mann, führte ich intensive Gespräche. Er starb schliesslich mit Exit.

Wie haben Sie ihn betreut?

Burger: Wir haben über seinen Suizid-Wunsch gesprochen. Zum einen habe ich ihm zugehört: Was war seine Not? Zum andern habe ich ihm dargelegt, dass es Palliative Care gibt und damit ganz viele Möglichkeiten, um die Symptome einer schweren Krankheit so zu lindern, dass man damit noch leben kann. Ich hielt sozusagen ein Plädoyer zugunsten von Palliative Care. Er hat Palliative Care wirklich in Erwägung gezogen. Ich hatte das Gefühl, er hörte mir sehr gut zu. Überzeugen konnte ich ihn aber nicht. Die Entscheidung lag schliesslich bei ihm: Es ist sein Leben, nicht meines.

Haben Sie ihn weiter begleitet, obschon Sie ihn nicht von seinem Wunsch abbringen konnten?

Burger: Ja. Am Tag, als er starb, war ich noch bei ihm. Er bat mich um den Segen Gottes. Und da merkte ich: Obwohl ich eine andere Auffassung vertrete, will ich ihm diesen nicht vorenthalten. Wer bin ich denn? Ich möchte nicht den Richter spielen über sein Leben. Noch am gleichen Tag würde er sterben, mit oder ohne Segen. Es kann nicht im Sinne von Jesus sein, diesem Mann den Segen Gottes zu verweigern. Der Mann war kein Kirchgänger, aber es war ihm wichtig, Gottes Segen zu empfangen.

Als der Mann das Sterbemittel einnahm, waren Sie nicht dabei. Warum nicht?

Burger: Ich akzeptiere zwar die individuelle Entscheidung. Aber: Ich will nicht dabei sein, wenn jemand mit Exit geht! Erstens stehe ich nicht dahinter. Zweitens finde ich, das ist nicht mein Auftrag. Unsere Aufgabe ist, pflegebedürftigen und kranken Menschen beizustehen. Es gibt keine Verpflichtung, beim Suizid dabei zu sein. Und schliesslich will ich mich selber schonen. Zuzuschauen, wie jemand mit Exit stirbt: Das würde mir zu nahe gehen.

Was haben Sie aus der Begegnung mit dem Mann gelernt für den künftigen Umgang mit suizidwilligen Patienten?

Burger: Es geht auch in solchen Fällen immer darum, den klassischen Auftrag als Spitalseelsorger zu erfüllen. Das heisst zunächst einmal, wirklich gut zuzuhören. Was bewegt diesen Menschen? In welcher Not befindet er sich? Oft habe ich erfahren, dass die Not des Betreffenden gelindert wird, wenn ich gut zuhöre. Was dann passiert, liegt nicht in meiner Hand. Das ist nicht planbar.

Sie respektieren zwar den Entscheid des Einzelnen, heissen ihn aber nicht wirklich gut.

Burger: Neben der individuellen gibt es auch eine soziale Perspektive beim Thema «Suizidbeihilfe». Wenn immer mehr Menschen – gerade auch Prominente – den Weg des Suizids wählen, könnte ein subtiler Druck auf Hochbetagte und Schwerkranke entstehen, sich irgendwann selber abzuschaffen. Ich befürchte zudem, dass pflegebedürftiges Leben plötzlich für wertlos gehalten wird. Dabei beginnt das menschliche Leben seit Jahrtausenden auf einem Arm: Man wird als Baby gepflegt. Und später als alter Mensch wieder. Das ist natürlich und normal. Aber wir haben das aus dem Blick verloren.

Die Schweizer Bischöfe haben sich 2008 für ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe ausgesprochen. Was halten Sie von einem solchen Verbot?

Burger: In der Existenz von Exit drückt sich die heutige Mentalität aus. Exit zu verbieten, würde heissen: Die Leute sollen nicht so denken. Die Wünsche der Menschen und die Praxis würden mit einem Verbot nicht einfach verschwinden. Ein solches würde vielmehr dazu führen, dass das Geschäft im Untergrund betrieben wird. Mein Ansatz als Seelsorger ist ein anderer, nämlich die Sensibilisierung für Palliative Care. (bal)

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Palliative Care – ein umfassendes Betreuungskonzept

Palliative Care umfasst die Betreuung und die Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und chronisch fortschreitenden Krankheiten. Sie hilft Menschen in der letzten Lebensphase. Dabei verzichtet sie auf die Bekämpfung der Krankheit. Stattdessen ermöglicht sie ein besseres Leben mit der Krankheit. Dies ist möglich, weil die Medizin in der Schmerz- und Symptomlinderung grosse Fortschritte erzielt hat. Neben den körperlichen Leiden lindert Palliative Care auch psychische und soziale Leiden. Auch die spirituelle Begleitung gehört zu dem umfassenden Betreuungskonzept. Verschiedene Berufsgruppen, darunter Ärzte, Pflegende, Psychologen und Seelsorger, arbeiten eng zusammen. (bal)

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