Simonetta Sommaruga in Treyvaux | © EJPD
Schweiz
Simonetta Sommaruga in Treyvaux | © EJPD

Simonetta Sommaruga: Armut ist in reicher Schweiz ein Skandal

Treyvaux FR, 22.9.17 (kath.ch) Vor sechzig Jahren wurde die Bewegung ATD Vierte Welt gegründet. Diese setzt sich für die Armutsbekämpfung ein. An der Jubiläumsveranstaltung im freiburgischen Treyvaux wünschte Bundesrätin Simonetta Sommaruga dem ATD-Musiktheater «Verborgene Farben» viel Erfolg. Dieses wird  auch in der Deutschschweiz gezeigt.

1957 gründete der «Armenpriester» Joseph Wresinski zusammen mit Familien eines Obdachlosenlagers in Noisy-le-Grand bei Paris die Vereinigung «Hilfe in aller Not». Daraus entstand die internationale Bewegung ATD Vierte Welt (»Aide à toute détresse»). Diese fasste 1965 in der Schweiz Fuss und zwar in Treyvaux. Nach und nach entstanden auch in der Deutschschweiz Gruppen. Heute besteht für die Deutschschweiz eine solche noch in Basel.

Das schweizerische Zentrum befindet sich Treyvaux. Am 16. September wurde dort der Gründung der Bewegung vor sechzig Jahren gedacht. Bundesrätin Simonetta Sommaruga überbrachte die Grüsse des Bundesrates. Sie wünschte dem Verein zudem viel Erfolg für seine Aufführung des Stücks «Verborgene Farben», das auch in der Deutschschweiz an verschiedenen Orten gastiert.

Aus dem Teufelskreis der Armut helfen

Simonetta Sommaruga unterstrich in ihrer Ansprache die Wichtigkeit der Schule. Diese sei von wesentlicher Bedeutung bei der Bekämpfung der Armut, weil gerade in der Schule die Kinder jenes Wissen erwerben würden, das den Schlüssel zum erfolgreichen Eintritt in die Berufswelt bilde. Die Schule sei auch der Ort, wo sich die unterschiedlichen sozialen Klassen träfen und mischten – oder auch nicht, ergänzte die Bundesrätin.

Die Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD) betonte, es sei zu beachten, dass Kinder in der Schule scheitern könnten, wenn sie sich von ihren Schulkameraden ausgegrenzt und verspottet fühlten. Heute würde man diese Art von Ausgrenzung als «Mobbing» bezeichnen. «Es gibt für das Mobben mehrere Gründe. Die Armut ist oft die Wurzel der Ausgrenzung», so Simonetta Sommaruga.

Ungerechtigkeit erkennen

Die Bundesrätin erklärte weiter, im Saal sässen Leute, die keine Chancen gehabt hätten, sich in der Kindheit zu entwickeln, und keine Unterstützung bekommen hätten. «Warum war dieser aus einer armen Familie stammende Junge der einzige, der nicht zur Geburtstagsfeier gehen konnte?», stellte die Bundesrätin rhetorisch fest und ergänzte: «War es wegen seiner Kleider?» Sie brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass der Knabe auf eine gute Lehrerin oder eine Lehrer treffe, «der keine Unterschiede macht und die Ungerechtigkeit erkennen wird».

Tragödien in der Jugend

Die Armut bilde oft den Anfang der Spirale, «welche den Menschen ihre Rechte entzieht». Die Armut habe zu Tragödien geführt, welche viele Mitglieder von der Bewegung ATD am eigenen Leib erlebt hätten. Die Bundesrätin wies zudem auf das Schicksal der Verdingkinder hin und sprach das Los von Jugendlichen an, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, oder von Mädchen, denen viel Unrecht angetan wurde, weil sie unverheiratet schwanger wurden.

Die Bundesrätin betonte, dass in der Schweiz wenig über Armut gesprochen werde. Dies sei ein Skandal in einem «so reichen Land», wo die Chancengleichheit in der Verfassung festgeschrieben sei. (cath.ch/gs/ns))

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