Religion anders

Sikh in Langenthal: «Ich habe ein Flugzeug von Delhi nach Lahore entführt»

Die Sikhs sind die kleinste Religionsgemeinschaft der Schweiz. In Langenthal verehren sie den Guru Granth Sahib Ji. «Sikhs werden als Krieger für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte geboren», sagt Karan Singh (59). Vor Jahren hat er ein Flugzeug in Indien entführt. «Friedlich», wie er betont.

Alice Küng

Mitten im Industriegebiet von Langenthal direkt neben den Bahngleisen ragen auffällig verzierte Fassaden empor. Das weisse Gebäude mit dem Flaggenmast beim Eingang ist ein Gurdwara – ein «Tor zum Guru». Hier beten die Sikhs zu ihrem Gott und feiern ihre religiösen Feste.

Der Gurdwara in Langenthal befindet sich direkt neben den Bahngleisen.

«Schuhe ausziehen und Hände waschen», sagt Karan Singh auf Englisch mit starkem indischen Akzent. Er ist der Gründer und Präsident der Sikh-Stiftung Schweiz. 2006 weihte er hier den ersten Gurdwara der Schweiz ein. Der Zweite steht in Däniken.

Schon vor der Pandemie sei das Händewaschen beim Eintritt obligatorisch gewesen. Denn im Gurdwara liegt der Guru Granth Sahib Ji, die zentrale Schrift der Sikhs. «In seiner Anwesenheit muss man physisch und moralisch rein sein.» Dazu gehöre neben den gewaschenen Händen auch eine Kopfbedeckung für Männer und Frauen.

Ein monotheistischer Glaube

Die Glaubensgemeinschaft der Sikhs ist vor über 500 Jahren in Nordindien entstanden. Anders als viele hinduistische Traditionen sind Sikhs monotheistisch. «Wir glauben an einen Gott», sagt Karan Singh.

Der Dolch gehört zu einem wichtigen Merkmal der Sikhs.

Ein wichtiger Punkt ihrer Lehre sei der Respekt gegenüber anderen. «Alle Menschen sind gleich, egal welche Religion sie haben.» Auch die Geschlechter gelten als gleichberechtigt. Das Kastenwesen lehnen die Sikhs ab.

Essen für alle

Ein würziger Geruch nach Kardamom liegt in der Luft. Im Erdgeschoss des Gurdwara befindet sich die Küche – wichtiger Bestandteil des Gebäudes. «Es ist unsere Pflicht, jedem Besucher etwas zu essen und zu trinken anzubieten.» Der Konsum von Fleisch, Fisch und Ei sei in einem Gurdwara verboten. Alkohol, Tabak und andere Drogen sind für Sihks generell tabu.

In der Küche des Gurdwaras wird kein Fleisch, Fisch und Ei gekocht.

Vor allem am Sonntag für den Gottesdienst sei die Küche des Gurdwara prallgefüllt mit Menschen – normalerweise. «Jetzt kommen die Leute gestaffelt und bleiben nur kurz.» Virtuelle Gottesdienste seien keine Option. «Man muss physisch beim Guru Granth Sahib Ji sein.»

Das «heilige» Buch

Der Gebetsraum befindet sich im ersten Obergeschoss des Gurdwara. Ein Sikh mit weissem Turban tritt ein. Er kniet nieder und verbeugt sich vor dem Baldachin. Darin eingebettet liegt der Guru Granth Sahib Ji.

Die Schrift im Guru Granth Sahib Ji heisst Gurmukhi.

Dann greift der Mann zu einem Krug und leert Wasser über beide Hände. «Bevor man den Guru Granth Sahib Ji berührt, muss man frisch gewaschen sein und saubere Kleider tragen», sagt Karan Singh. Auch dürfen Füsse und Rücken nie in die Richtung des Buches zeigen.

Tag und Nacht

Eine schmale Treppe führt ins zweite Obergeschoss zu einer kleinen Kuppel. «Hier liegt der Guru Granth Sahib Ji in der Nacht», sagt Karan Singh. Für Sikhs verkörpert die Schrift einen Guru. «Jeden Morgen bringen wir ihn nach unten in den Gebetsraum und am Abend wieder in seinen Ruheraum.»

Der Guru Granth Sahib Ji hat einen extra Ort für die Nacht.

Das Gurdwara in Langenthal besitzt zwei Guru Granth Sahib Ji. Mit der Extraausgabe besuche Karan Singh immer wieder Gläubige zu Hause. «Auch wenn ein Gurdwara oftmals mehrere Guru Granth Sahib Ji hat, verkörpern diese nur einen Guru.»

Wegen einer Flugzeugentführung im Gefängnis

Karan Singh wuchs als Sohn eines Bergbauern im nordindischen Kaschmir auf. Er studierte Literatur und Urdu-Poesie. In seiner Studienzeit wurde er ein politischer Aktivist: «Sikhs werden als Krieger für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte geboren.»

Karan Singh lebt seit 26 Jahren in der Schweiz.

Im Alter von 20 Jahren entführte er ein Flugzeug von Delhi nach Lahore. Gewaltlos und ohne jemandem Schaden zuzuführen, wie Karan Singh betont. Damit wollte er international auf die prekäre Lage der Sikhs in Indien aufmerksam machen.

Laut einem Bericht der «Tribune India» ging es damals auch um die Freilassung eines Sikh-Predigers. Er war 1981 wegen eines Mordfalls verhaftet worden. 1984 wurde dieser während der Operation Bluestar getötet: Damals griffen indische Streitkräfte den Goldenen Sikh-Tempel an. «Ich war 13 Jahre in Pakistan im Militärgefängnis», sagt Karan Singh.

Keine Diskriminierung erfahren

Nach seiner Freilassung suchte Karan Singh in der Schweiz Asyl. Seit 26 Jahren lebt er in Schlieren. Er arbeitet im Cateringbereich und kümmert sich in seiner Freizeit um den Gurdwara in Langenthal. Nach Indien kehrte er nie zurück. «Die indische Regierung ist schlecht.»

Dieses Tuch erinnert an den Goldenen Tempel. Es ist das Haupt-Pilgerzentrum der Sikhs und befindet sich in Amritsar.

Auch die Beziehung zu Pakistan sei wegen des Kaschmir-Konflikts nach wie vor angespannt. In der Schweiz fühle er sich wohl. «Es ist das einzige Land, das keine Diskriminierung kennt.» Noch nie hätte er zum Beispiel wegen seines Turbans Schwierigkeiten bekommen.


| © Christian Merz
6. März 2021 | 05:30
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Sikhi-Religion

Guru Nanak Dew Ji gründete die Sikhi-Religion in den 1520er-Jahren im nordindischen Punjab. Zehn weitere Gurus folgten ihm. Mit dem zehnten Guru, Guru Gobind Singh, endete diese Tradition. Dieser ernannte das Buch, den Guru Granth Sahib Ji, zur Guru-Autorität. Seither verehren die Sikhs diese Schrift.

Heute gibt es weltweit zwischen 25 und 27 Millionen Gläubige. Einen gläubigen männlichen Sikh erkennt man an seinem Turban. Unter diesem sieben Meter langen Baumwollstoff trägt er sein ungeschnittenes Haar und einen Kamm zum Ordnen der Haare. Frauen tragen in der Regel ein Kopftuch. Zu den weiteren Merkmalen gehört ein stählerner Armreif, ein Dolch und eine kurze Bauwollunterhose.

Sikhs im Exil

Viele Sikhs leben im Exil. Grund dafür waren die bürgerkriegsähnlichen Zustände und die vielen gewalttätigen Auseinandersetzungen in ihrem Heimatsstaat Punjab in den 1980er-Jahren. Damals forderten die Sikhs einen eigenen Staat.

Viele Sikhs flüchteten nach Europa und Amerika. Die Schweiz anerkannte nur wenige der Asylbewerber als Flüchtlinge. So zogen viele von ihnen weiter nach Kanada und England.

Heute leben in der Schweiz über 500 Sikhs in zwei Gruppierungen. Sie sind die kleinste Religionsgemeinschaft der Schweiz und leben primär in Solothurn, Bern, Basel, Zürich und Genf. Die Religionsgemeinschaft ist weitgehend gesellschaftlich akzeptiert. (ak)