Schweizergarde in Solothurn | © Vera Rüttimann
Schweiz
Schweizergarde in Solothurn | © Vera Rüttimann

Schweizergarde ist gegen Attentate gerüstet, sagt Kommandant Graf

Solothurn, 21.8.17 (kath.ch) Die Schweizergarde ist gegen Anschläge gerüstet, erklärte Gardekommandant Christoph Graf an der 27. Zentraltagung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten am vergangenen Wochenende in Solothurn. An der Tagung mit dem Motto «Schweizergarde zum Anfassen» informierten sich Interessierte aus erster Hand über die Arbeit der päpstlichen Leibgarde.

Vera Rüttimann

Auf dem Amtshausplatz in Solothurn gib es früh morgens ungewöhnliche Szenen zu bestaunen. Schweizergardisten marschieren zum Exerzieren auf. Grosse Augen blicken auf Hellebarden, eingefettete Brustpanzer und schwere Helme. Mit ihren rot-gelb-blauen Uniformen marschieren die Männer durch das Bielertor in der ehemaligen Festungsanlage und dann weiter durch die Solothurner Altstadt Richtung St. Ursen-Kathedrale. Augenfutter für alle Liebhaber alter Uniformen.

Rund 450 ehemalige Gardisten und deren Angehörige versammeln sich anschliessend in der Kathedrale zu einem Gottesdienst mit Bischof Felix Gmür. In den Bänken sitzen auch Mitglieder des päpstlichen Ordens «Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem» (OESSH), zwei Ex-Kommandanten sowie Mitglieder der Sektion Solothurn der Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten, welche die diesjährige Zentraltagung organisierte. Ein festliches Bild. Der Anlass wurde erstmals 1965 durchgeführt und findet alle zwei Jahre statt – nach 1969 und 1993 zum dritten Mal in Solothurn.

Gelebte Erinnerungen

Beim anschliessenden Apéro auf den Stufen der St. Ursen-Kathedrale tauschen die Ex-Gardisten gemeinsame Erinnerungen an ihre 12-Stunden-Schichten im Zentrum der Weltkirche aus: Manch einer erinnert sich an den labyrinthisch anmutenden Apostolischen Palast; an das Strammstehen auf dem Damasushof, wo die Limousinen der königlichen Oberhäupter vorfahren; an das Hineintreten in goldglänzende Räume wie der Sala Regia, wo Künstler ihrer Zeit Unsterbliches erschaffen haben; an heisse Tage, an denen sich der Schweiss unter dem federgeschmückten Helm sammelte und an fiese Bienen in der Kniekehle beim stundenlangen Strammstehen.

Aktivitäten zum Heiligen Jahr und Jubiläum der Garde führten zu stärkerem Gemeinschaftsgefühl zwischen Gardisten und Ex-Gardisten.

Stolz besuchen viele die Sonderausstellung «In aller Herren Länder – Eidgenössische Söldner weltweit im Einsatz» im Museum Altes Zeughaus,  die über die 500-jährige Geschichte der Schweizer Garde informiert. Sie sind ein Teil dieser Geschichte.

Starker Gemeinschaftsgeist

Lebenslange Freundschaften sind entstanden. «Das zu pflegen ist eines der wesentlichen Ziele dieser Treffen», sagt Ex-Gardist Erwin Niederberger. Die Chemie zwischen älteren und jüngeren Gardisten stimmt. Man kennt sich aus vielen Treffen. Im Juli reisten viele Ex-Gardisten nach Flüeli, als die Schweizergarde die Wirkungsstätte von Bruder Klaus, einer ihrer Patrone, besuchte.

Auch David Holenstein würdigt das enge Band zwischen jungen und alten Gardisten. Schon in seiner Aktivzeit schätzte er es, wenn ehemalige Gardisten in der Kantine freiwillig aushalfen oder er von deren Frauen hörten, die in der Schweiz kaputte Uniformen reparierten.

Dennoch bestand lange eine Kluft zwischen den Generationen. Mit den letzten Jahrgängen, die aus Rom in die Schweiz zurückkehrten und nun in der Sektion Verantwortung übernahmen, änderte sich dies. Der Berner betont zudem: «Vor allem die Aktivitäten der Schweizergarde zum Heiligen Jahr 2000 und zu ihrem 500-Jahr-Jubiläum 2006 führten dazu, dass ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl zwischen Gardisten und Ex-Gardisten entstand.»

Religiöse Bildung als Chance für Garde

Nicht nur der «Franziskus-Effekt», so hört man in diesen beiden Solothurner Tagen oft, hat dazu geführt, dass die Schweizergarde aktuell gut dasteht, sondern auch die Wahl von Christoph Graf zum Kommandanten der Traditionstruppe. Der Oberst ist ein väterlicher Typ, der nicht mit harter Hand führt und sich mit Papst Franziskus «blendend» versteht, wie viele wissen. Ebenso wichtig ist dem Kommandanten das religiöse Rüstzeug, das junge Männer bei der Garde erhalten sollen. Christoph Graf betont: «Bei uns geht es auch um die spirituelle Begleitung und Wertevermittlung.»

Bei uns geht es auch um die spirituelle Begleitung und Wertevermittlung.

Aus dieser spirituellen Begleitung entstehen auch Berufungen. Nicht wenige ehemaligen Gardisten wurden Priester. Im Zisterzienserkloster Hauterive leben drei Ex-Gardisten, im Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard zwei junge Ex-Gardisten. Auch der Abt vom Kloster Disentis ist ein Ex-Gardist. Christoph Graf betont denn auch vor den Medien: «Es ist für uns erfreulich, dass wir solche Leute stellen können. Unter den Bewerbern gibt es viele, die ihren eigenen Weg im Leben suchen und sich nicht nur für Sicherheitsfragen interessieren.»

Vor immensen Herausforderungen

In vielen Gesprächen erfahren die Gäste dieser Tagung, vor welchen Herausforderungen die Schweizergarde steht. Das Arbeitspensum – auch die Anfragen von Medien sind in den letzten Jahren stark angewachsen. Christoph Graf spricht offen über Momente, in denen er seine Gardisten mental am Boden erlebt hat, weil sie nicht ausreichend Freitage hatten. Zudem würden Events wie der 6. Mai, der Tag der Vereidigung neuer Gardisten, an dem jeweils über 3000 Menschen anreisen, immer arbeitsintensiver.

Die Solothurner erfahren zudem, dass die Schweizergarde nicht nur ein beliebtes Fotosujet für Touristen ist. «Obschon die Garde mit ihren pittoresken Kostümen, Schwertern und Hellebarden die Zugänge zur Vatikanstadt bewacht, ist sie eine gut ausgebildete Schutztruppe», betont Christoph Graf. Das sei nötiger denn je, wie die jüngsten Anschläge in Barcelona zeigten.

«Vielleicht eine Frage der Zeit»

Er sagt: «Es ist vielleicht eine Frage der Zeit, wann hier auch etwas passiert. Aber wir sind darauf vorbereitet.» Die Schweizergarde passe ihre Ausbildung permanent an die aktuellen Herausforderungen an. Graf nennt als Beispiel die Restrukturierung der Rekrutenschule, die von einem auf zwei Monate verlängert wurde. Sie wird in Zusammenarbeit mit der Tessiner Kantonspolizei durchgeführt. Dabei stehen Themen wie Schiesstraining, Personenschutz, Brandschutz, Erste Hilfe und rechtliche Fragen auf dem Programm.

Es ist vielleicht eine Frage der Zeit, wann hier auch etwas passiert. Aber wir sind darauf vorbereitet.

Ein Thema ist auch der Zustand der Garde-Kaserne. Christoph Graf hofft, dass die päpstliche Leibwache in fünf Jahren in ein neues Gebäude ziehen kann. Im September, so der Kommandant, werde dazu die Machbarkeitsstudie präsentiert. «Das Wasser fliesst vom Vatikanhügel runter und geht auch unter der Kaserne durch. Unsere Keller sind sehr feucht.»

«Wo bleibt die Stimme der Kirche?»

Bis zum heutigen Tag ist es der Truppe gelungen, genügend junge Männer zu motivieren, sich für 26 Monate in den Dienst der Schweizergarde zu stellen. Aber wie sieht es in zehn Jahren aus? Auch Garde-Kommandant Christoph Graf stellt diese Frage und sorgt mit seinen Überlegungen im Gottesdienst für Gedanken, die bei vielen noch lange nachwirken.

Wo bleibt hier die Stimme der Kirche und von uns Katholiken?

Der Kommandant macht sich Sogen, weil auch er in der Schweiz eine fortschreitende Säkularisierung feststellt. Die Zuhörer vernehmen zudem sein Unbehagen über die «Ehe für alle» und die «Einführung der Gender-Ideologie in öffentlichen Schulen». Dinge, die für ihn das herkömmliche Bild der Familie untergraben.

Mutig fragt er: «Wo bleibt hier die Stimme der Kirche und von uns Katholiken?» Und: «Was nützen uns die prächtigen Gotteshäuser in der Schweiz, wenn die eigentliche Kirche nicht mehr lebt?» Er wünscht sich vermehrt deutliche Worte von Schweizer Bischöfen und eine klare Positionierung der hiesigen christlichen Parteien. Für die Schweizergarde sieht er keine rosige Zukunft, «wenn sich die Gesellschaft weiter in diese Richtung bewegt».

In den Bänken ist es bei diesen Sätzen ganz still. In der Kathedrale appellierte der Kommandant an die Ex-Gardisten, sich weiterhin für die Kirche einzusetzen, damit andere von ihrem geistigen Rüstzeug, das sie in Rom erworben haben, profitieren können.

Schweizergarde vor der Kathedrale Solothurn | © Vera Rüttimann
Schweizergarde vor der Kathedrale Solothurn | © Vera Rüttimann
Schweizergarde-Gottesdienst mit Bischof Gmür in der Kathedrale Solothurn | © Vera Rüttimann
Schweizergarde-Gottesdienst mit Bischof Gmür in der Kathedrale Solothurn | © Vera Rüttimann
Schweizergarde verlässt Kathedrale Solothurn | © Vera Rüttimann
Schweizergarde verlässt Kathedrale Solothurn | © Vera Rüttimann
Garde-Kommandant mit seinen Vorgängern: v.l.r. Pius Segmüller, Christoph Graf, Elmar Mäder | © Vera Rüttimann
Garde-Kommandant mit seinen Vorgängern: v.l.r. Pius Segmüller, Christoph Graf, Elmar Mäder | © Vera Rüttimann
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