Migranten-Seelsorge: Afrikanerwallfahrt in Einsiedeln | © Georges Scherrer
Schweiz
Migranten-Seelsorge: Afrikanerwallfahrt in Einsiedeln | © Georges Scherrer

Samuel Behloul über seinen Weggang von Migratio: Auf dem Abstellgeleise

Freiburg i.Ü., 10.6.16 (kath.ch) Der seit vielen Jahren ungeklärte und ungewisse Status der bischöflichen Kommission Migratio verunmöglicht es, dass diese als katholisches Kompetenzzentrum im nationalen Umfeld auftreten kann. Die Kommission befinde sich auf einem Abstellgeleise, sagt Samuel M. Behloul im Interview von Freitag, 10. Juni, mit kath.ch. Er hat als Nationaldirektor von Migratio gekündigt und wird ab dem 1. September Fachleiter Christentum beim Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID).

Georges Scherrer

Der Rücktritt kommt überraschend. Es steht kein Nachfolger bereit. Was hat Sie zum Rücktrittsentscheid bewogen?

Samuel M. Behloul: Die Entscheidung, Migratio zu verlassen erfolgte im Zusammenhang mit der seit einem Jahr laufenden Reorganisation der Gremienstruktur der Schweizer Bischofskonferenz (SBK). Im Rahmen dieses Prozesses habe ich verschiedentlich bei Sitzungen, öffentlichen Auftritten und in Publikationen auf die Notwendigkeit einer konzeptionell und organisatorisch klaren Positionierung der SBK, aber auch der staatskirchenrechtlichen Institutionen, zum Thema Migration und Migrantenpastoral hingewiesen. Dazu habe ich auch ein Strategiepapier verfasst, in welchem ich die Schaffung eines neuen Geschäftsfeldes «Weltkirche und Migration» vorschlug. Die Idee dabei war, für das Phänomen Migration als einem innerhalb der Schweizer Kirche vielschichtigen und transversalen Thema einen Kompetenz- und Wissensort auf nationaler Ebene zu schaffen.

Können Sie die Details zu diesem Geschäftsfeld «Weltkirche und Migration» etwas näher ausführen?

Behloul: Die einzelnen thematischen Felder dieses neuen Geschäftsfeldes wären gewesen: Migrantenpastoral, Interkulturelle Pastoral, Sozio-politische Dimension von Migration, Interreligiöser Dialog, Religiöser Pluralismus und Ökumene im Zeichen der Migration. Dies hätte aus meiner Sicht mehrere Vorteile gebracht. Die Bildung eines solchen Geschäftsfeldes hätte als erstes zur Bündelung verschiedener verwandter Themengebiete einzelner Fachgremien und Arbeitsgruppen der SBK , etwa von Justitia et pax, der Arbeitsgruppe Islam, der Ökumene und anderem mehr geführt. Als zweites wären dadurch die Kommunikation und die Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen einzelner Fachgremien und Arbeitsgruppen verbessert worden. Ein solcher Kompetenz- und Wissensort hätte als drittes zu einem national relevanten kirchlichen Ansprechpartner für staatliche, kirchliche, soziale und wissenschaftliche Institutionen und Entscheidungsträger zum thematischen Bereich Migration, Religion und innerkirchliche Vielfalt werden können. Als viertes habe ich mir erhofft, dass dadurch der seit vielen Jahren ungeklärte und auch ungewisse Status von Migratio als nationale Dienststelle der SBK hätte geklärt und verbessert werden können. Bei den Überlegungen zur strategischen Profilierung der SBK zum Thema Migration habe ich mich schliesslich auch an meinem eigenen beruflichen Profil und entsprechenden Arbeitserfahrungen orientiert.

Und die sind?

Behloul: Als Theologe mit pastoraler Erfahrung und als Islamwissenschaftler mit langjähriger universitärer Forschungs- und Lehrerfahrung zum thematischen Komplex Religion und Migration, Dialog und Integration sah ich für mich die Möglichkeit diese Kompetenzen noch stärker in den Dienst der Kirche zu stellen.

Wo landete Ihr Vorschlag?

Mit dem skizzierten Strategievorschlag konnte ich mich nun nicht durchsetzen. Die SBK hat entschieden, kein spezielles Geschäftsfeld für die Thematik Kirche und Migration innerhalb ihrer Gremienstruktur zu errichten. Als transversales Thema soll die Thematik Migration vielmehr auf verschiedene Fachkommissionen verteilt werden und die Dienststelle Migratio der bereits bestehenden Pastoralkommission der SBK zugeordnet werden. Diese Entscheidung, sollte sie so umgesetzt werden, wird aus meiner Sicht am jetzigen ungeklärten Status von Migratio kaum etwas ändern. Migratio könnte bestenfalls von einem Abstellgleis auf ein anderes versetzt werden.

Die Bischöfe wollen, wie Bischof Charles Morerod gegenüber kath.ch sagte, klären, was die Identität von Migratio ist. Ist es um die Identität von Migratio wirklich so schlecht bestellt?

Behloul: Diese Bereitschaft der Bischöfe begrüsse ich, auch wenn sie in meinem Fall etwas zu spät kommt. Seit der Auflösung als Verein 2008 und der Angliederung an das Generalsekretariat der SBK befindet sich Migratio, so meine Beobachtung, mehr oder weniger auf einem Abstellgleis. Die Aufgaben im Bereich der Organisation und Finanzierung der Migrantenseelsorge haben sich in den letzten Jahren immer mehr auf diözesane und kantonalkirchliche Ebene verlagert. Für diesen Arbeitsbereich, der bis 2008 den eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit von Migratio – damals noch mit Sitz in Luzern – ausmachte, hat man meines Erachtens keine Alternativen geschaffen.

Die Zuwanderung in die Schweiz hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Auf die Kirche kommt bezüglich der Integration eine wichtige Rolle zu. Ist Migratio nicht das richtige Werkzeug dazu?

Behloul: An deklarativen Äusserungen über die zunehmende Bedeutung von Migration für die Schweizer Kirche, für die Organisation ihrer Pastoral und Ausbildung ihrer Mitarbeitenden hat es zwar nicht gefehlt. Parallel zu diesem Bekenntnisritual musste ich aber feststellen, wie bei Migratio immer mehr Ressourcen abgebaut wurden. Dass es der SBK bislang an einem klaren Konzept betreffend den Umgang mit dem Phänomen Migration und hinsichtlich der Verortung von Migratio innerhalb ihrer Gremienlandschaft fehlt, ist mir nach meinem Amtsantritt bei der SBK schnell klar geworden. Ich habe versucht diesem Umstand durch intensive Öffentlichkeitsarbeit entgegenzuwirken. Migratio hat dadurch vielleicht mehr an Gesicht in der Öffentlichkeit gewonnen. Eine in die Zukunft gerichtete Identität von Migratio kann man aber nicht nur an eine Person binden. Es braucht auch klare Konzepte seitens der Auftrag gebenden Institution, der SBK. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Bischöfe den jetzt auch gestarteten Prozess der Reorganisation von Migratio zu diesem Zweck nutzen.

Die SBK zieht wegen der Reorganisation ihres Sekretariats regelmässig die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Im Umfeld der überraschenden Kündigung ihres Sprechers Simon Spengler vor einem Jahr warnte der Präsident von Justitia et pax, Thomas Wallimann-Sasaki, davor, die Kommission Justitia et pax zu deklassieren. Das tönt danach, als solle das Subsidiaritätsprinzip für die Kommissionen der SBK gelockert und diese der Autorität der Bischöfe direkt unterstellt werden. Ist dem so?

Behloul: Das ist eine Frage, welche die Justitia et pax betrifft. Der zukünftige Status dieser Kommission ist auch Gegenstand der laufenden Reorganisation der SBK-Gremien. Man ist mitten drin in der Diskussion und Verhandlung.

Sie wollen sich in Ihrem neuen Amt beim ZIID für den interreligiösen Dialog einsetzen. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Einsatz beim ZIID reichhaltigere Früchte tragen wird als im Rahmen der SBK oder sind beide Einsatzbereiche nicht zu vergleichen?

Behloul: Das ZIID, oder vormals Zürcher Lehrhaus, hat letztes Jahr sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. Mit der Umbenennung des Hauses geht auch eine Weiterprofilierung und Neuausrichtung als Kompetenz-, Bildungs- und Wissensort für interreligiöse, interkulturelle und gesellschaftspolitische Fragestellungen einher. Ich bin zuversichtlich, dass mir das ZIID hinsichtlich seiner Leitung und des Fachteams einen sehr guten Rahmen bietet, meine beruflichen Kompetenzen für das Institut einzusetzen und meine inhaltlichen Interessen zu verwirklichen.

In welcher Form bleiben Sie der Arbeit der katholische Kirche Schweiz verbunden?

Behloul: Mit der neuen Verantwortung beim ZIID ist auch die Zusammenarbeit mit kirchlichen Institutionen, ihren Funktions- und Entscheidungsträgern beider Landeskirchen gegeben. Aufgrund der Erfahrung bei Migratio möchte ich das Thema des Interreligiösen Dialogs auch um den Aspekt eines gesamtgesellschaftlichen Dialogs erweitern. Dies betrifft auch die Ebene des innerkirchlichen Dialogs, vor allem vor dem Hintergrund der migrationsbedingten Pluralisierung der Kirche in der Schweiz. Die bestehende Vernetzung mit verschiedenen Personen und Institutionen innerhalb beider Landeskirchen wird also nicht nur bestehen bleiben, sondern auch vertieft. (gs)

Samuel M. Behloul | © 2015 Bistum Basel zVg
Samuel M. Behloul | © 2015 Bistum Basel zVg
Plakat im Flüchtlingstreff "Hello Welcome", Luzern | © Sylvia Stam
Plakat im Flüchtlingstreff "Hello Welcome", Luzern | © Sylvia Stam
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