Jonas Projer, Moderator Arena| © 2014 SRF/Oscar Alessio
Schweiz
Jonas Projer, Moderator Arena| © 2014 SRF/Oscar Alessio

Professor Schulze kritisiert «Islam-Arena» mit Zentralrat: «Bedenkliche Fehlbesetzung!»

Zürich, 23.1.15 (kath.ch) Ein Vertreter des umstrittenen Islamischen Zentralrats (IZRS) ist am Freitag in der Arena-Sendung des Schweizer Fernsehens aufgetreten. Der Vertreter der gemässigten Muslime darf lediglich in der zweiten Reihe reden. Politiker, Medien- und Islamwissenschaftler sind geteilter Meinung über diese mediale Inszenierung des Islams in der Schweiz.

Sylvia Stam

Die als «Islam-Arena» angekündigte Sendung ging laut SRF den Fragen nach, welche Rolle Schweizer Muslime in der Gesellschaft einnehmen und wer sie vertritt. An vorderster Front haben sich Abdel Azziz Qaasim Illi, Mediensprecher des Islamischen Zentralrats Schweiz, und Saïda Keller-Messahli, Präsidentin Forum für einen fortschrittlichen Islam, ein «Duell» geliefert, wie Jonas Projer, Redaktionsleiter und Moderator der Sendung, es im Interview mit kath.ch vor der Sendung formuliert hat. In der hinteren Reihe durfte Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, als Experte auftreten.

Sehr kritisch reagiert Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler an der Universität Bern, bei dem schon der Titel «Islam-Arena» Stirnrunzeln verursacht. Er bezweifelt, ob es zur Beantwortung der Frage, wie sich die Schweizerinnen und Schweizer gegenüber muslimischen Strömungen verhalten sollen, dienlich sei, «Extrempositionen aufeinander losgehen zu lassen», schreibt er am Freitag in seiner Stellungnahme an kath.ch. Eine solche Polarisierung hält er für sehr bedenklich.

Dennoch macht er einen Unterschied zwischen den Kontrahenten: «Richtig ist es, Frau Keller-Messahli zu platzieren. Sie kann dem TV-Publikum gewiss helfen zu verstehen, wie eine islamische kritische Sicht aussieht und wie diese helfen kann, Vorurteile abzubauen.» Abdel Azziz Qaasim Illi hält er jedoch für eine «Fehlbesetzung». Der IZRS vertrete «eine neu-puritanische islamische Position, die in der Schweiz nur marginale Bedeutung hat.» Durch das Auftreten von Illi erhalte der IZRS erneut eine mediale Präsenz, womit das Fernseh-Publikum sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen wird, vermutet Schulze. Für Arena-Moderator Jonas Projer ist der IZRS hingegen ein «relevanter Player» in der Schweiz.

Kontroverse braucht klare Positionen

Projer verteidigt seine Auswahl: «Wenn man eine kontroverse Diskussion führt, nimmt man oft Positionen, die relativ weit auseinander liegen, aber man versucht, nicht dort stehen zu bleiben, sondern auch Mittelpositionen einzubringen, Kompromisse zu finden», sagte er vor der Sendung.

Damit benennt er einen Punkt, den auch der Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur, bestätigt: «Tatsächlich neigt die Medienlogik dazu, möglichst kontroverse Aussagen aufeinanderprallen zu lassen. So wird die Irritation zum Gegenstand medialer Inszenierung», so Wyss gegenüber kath.ch. Die Auswahlkriterien der Medien richteten sich deshalb nicht primär danach, wie repräsentativ ein Vertreter sei. Ebenso wichtig ist Wyss aber ein zweiter Punkt, nämlich die Kennzeichnung der Extremposition: «Verantwortungsvoller Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er jeweils den Kontext berücksichtigt und eben Extrempositionen dann auch als solche erkennen lässt.» Im gegebenen Setting der Arena mit Jonas Projer schien ihm dies am Freitag gegeben zu sein.

Medien müssen Plattform für Diskurs bieten

Marlis Prinzing, Medienwissenschaftlerin in den Hochschulen Köln und Freiburg i.Ü., geht noch einen Schritt weiter und hält das Setting sogar für «couragiert»: «Es ist ein Beleg für Professionalität, wenn diese Multiperspektivität sich beispielsweise auch in der Gästeauswahl der Arena-Sendung ausdrückt, und zwar indem einige zentrale Strömungen selber vertreten sind und selber antworten können.» Auch sie betont den Kontext der ganzen Sendung, in der ja auch Politiker zu Wort kämen.

Dass mit dem Auftritt einer extremen Position einem verzerrten Islambild Vorschub geleistet werden könnte, befürchtet sie nicht: «Auch radikale Meinungen verschwinden nicht, indem man sie verschweigt.» Im Gegenteil, erst das Benennen dieser Positionen und deren Kern ermögliche einem Publikum, «diese Meinungen einzuschätzen und zum Beispiel auch aus guten Gründen von diesen Meinungen Abstand zu nehmen.» Dazu brauche es den differenzierten und den differenzierenden Blick. «Es gehört zu den zentralen Aufgaben von Medien, das Forum für einen solchen Diskurs zu bieten», so Prinzing am Freitag vor der Sendung gegenüber kath.ch.

Mainstream-Muslime haben andere Probleme

Farhad Afshar, der einen gemässigten Islam vertritt, hat selber keine Mühe mit der Auswahl der Personen und deren Platzierung, wie er auf Anfrage von kath.ch sagte. Er befürchtet deswegen keine Verzerrung des Islam-Bildes durch die Medien. Vielmehr hoffte er vor der Sendung noch, dass in der Arena die wirklichen Probleme der «Mainstream-Muslime», wie er sie im Unterschied zum politischen Islam des IZRS nennt, sichtbar werden. Konkret nennt er die Ausbildung ihrer Geistlichen, die Schaffung von Friedhofplätzen oder die öffentlich-rechtliche Anerkennung. Afshar selber will diese Themen in die Diskussion einbringen.

Ebenfalls in der hinteren Reihe diskutiert eine Reihe von Politikern aller Couleur mit, darunter Beat Flach, Nationalrat GLP/AG. Er bezweifelte vor der Sendung, dass zu den genannten Fragen die richtigen Personen in der ersten Reihe stehen: «Weder Herr Illi noch Frau Keller-Messahdi sind in meinen Augen wirklich legitimiert, für die Religionsgruppe der Muslime zu sprechen. Es wird die Aufgabe von uns Politikerinnen und Politikern sein, darauf hinzuweisen!», sagte Flach auf Anfrage von kath.ch. Er ist der Meinung, dass bei allen Weltreligionen die gemeinsamen Botschaften an die erste Stelle rücken sollten, wie etwa deren Aufrufe zu Frieden und Gerechtigkeit. Religionsvertreter bemühten stattdessen gerne Unterschiede, was den Religionsfrieden nicht fördere. «Fundamentalisten und Extremisten dürfen nicht zum Sprachrohr emporgehoben werden», so Flach.

Wasser auf die Mühlen des IZRS

Gerade weil mit Illi eine Extremposition eine mediale Plattform bekommt, befürchtete Professor Schulze schon vor der Sendung, «dass sich die Politikerinnen und Politiker vornehmlich an der Position von Herrn Illi abarbeiten werden. Das ist Wasser auf die Mühlen des IZRS, der sich damit nur einmal mehr in seiner Rolle als Sprecher des «wahren Islam» in der Schweiz bestätigt sehen wird.»

Leidtragende seien einmal mehr die Muslime, die in der Mitte der Gesellschaft stünden. Schulze hält es für viel sinnvoller, «die innerislamischen Debatten zum Beispiel zwischen dem Forum für einen fortschrittlichen Islam und Imamen, die realen Gemeinden vorstehen, kennenzulernen.» Und er weist darauf hin, dass an der Universität Freiburg i.Ü. ein Zentrum für Islam und Gesellschaft entsteht, «wo sich muslimische Akademiker genau über die Themen Gedanken machen, die dieser Sendung zugrunde liegen.» (sys)

 

 

 

 

 

 

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