Pfarrer und Hotelier verhindern Food-Waste am WEF

Der methodistische Pfarrer Stefan Pfister* setzt am WEF ein Zeichen gegen Food-Waste: Essen, das in Hotels übrig bleibt, wird eingesammelt, aufbereitet und  weiterverkauft. Das Geld fliesst in ein soziales Projekt.

Sylvia Stam

Sie setzen zusammen mit Hotelier Cyrill Ackermann am World Economic Forum (WEF) ein Zeichen gegen Food-Waste. Warum wird am WEF so viel Essen verschwendet?

Stefan Pfister: Für einen Gastrobetrieb ist es sehr peinlich, wenn es für Gäste zu wenig Essen gibt. Ein Hotel möchte nicht, dass die Gäste nicht wiederkommen, weil es zu wenig zu essen gab. Also bereitet man zu viel vor. Was nicht gegessen wird, muss weggeworfen werden. Das schreibt das Lebensmittelgesetz vor.

Wo setzt die Aktion «4Reasons» an? (siehe Infokasten rechts)

Pfister: Was bereits auf dem Buffet ist, wird weggeworfen. Jedoch alles, was die Küche noch nicht verlassen hat, können wir abholen, und zwar jeweils am späten Vormittag die Speisen vom Vorabend und im Laufe des Nachmittags jene vom Mittagessen. Wir bringen die Esswaren – das sind gekochte Speisen, aber auch Brot und Früchte – in eigens dafür eingerichteten Fahrzeugen ins Langlaufzentrum Davos und bereiten sie dort wieder auf. Auch wir unterliegen dabei den Hygienevorschriften der Lebensmittelkontrolle. Die Esswaren werden dann zum Mittag- und zum Abendessen serviert.

Stefan Pfister setzt am WEF ein Zeichen gegen Food-Waste

Sie wissen also nicht vorher, was für Speisen Sie bekommen?

Pfister: Nein, wir müssen sehr spontan sein. Die Gäste im Langlaufzentrum, – das sind in Davos lebende und arbeitende Menschen, Touristen, WEF-Teilnehmerinnen – müssen schauen, was wir bekommen haben. Unter Umständen passen all diese Speiseresten nicht zusammen, denn sie kommen aus zwölf Hotels. Dieses Risiko gehen wir ein.

«Die Speisen passen vielleicht nicht zusammen.»

Können die Hotels das Essen nicht am nächsten Tag servieren?

Pfister: Nein, das ist meistens nicht mehr möglich, weil neue Menus auf dem Programm stehen, für die bereits eingekauft wurde. Sie könnten diese Speisen höchstens den Mitarbeitenden servieren.

Was geschieht, wenn dennoch Lebensmittel übrig bleiben?

Pfister: Diese werden nach Möglichkeit kompostiert und in Biogas und Elektrizität umgewandelt. Wenn das nicht möglich ist, müssen sie weggeworfen werden.

Was die Küche noch nicht verlassen hat, darf abgeholt werden.

Was möchten Sie mit der Aktion erreichen?

Pfister: Das Projekt heisst «4Reasons» – vier Gründe. Wir sehen verschiedene Aspekte: Wir wollen Hunger und Durst stillen, das ist der existenzielle Aspekt, wir setzen der Lebensmittelverschwendung etwas entgegen, das ist ein ethischer Aspekt. Wir machen auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam, ein politisches Anliegen. Aus ökologischer Sicht schonen wir Ressourcen und vermeiden Abfall. Schliesslich verfolgen wir ein soziales Ziel: Das Geld, das zusammenkommt, wird für ein Kinder- und Jugendprojekt in Davos eingesetzt.

«Wir haben ein ungesundes Verhältnis zum Essen.»

Wäre es nicht sinnvoller, bei den Hoteliers selber anzusetzen?

Pfister: Man müsste nicht bei den Hoteliers, sondern bei der Gesellschaft ansetzen. Ehe wir Früchte kaufen, betasten wir mehrere Äpfel, die dann braune Stellen, bekommen, sodass niemand sie mehr kauft. Denn wir kaufen nur, was perfekt aussieht. Das ist ein ungesundes Verhältnis zum Essen. Hier müssen wir umdenken: Die erste Frucht, die ich in die Hände nehme, müsste ich kaufen.

"Die erste Frucht, die ich in die Hände nehme, müsste ich kaufen", findet Stefan Pfister.

Aber führt eine solche Aktion zu einem Umdenken in der Gesellschaft?

Pfister: Nein. Die Aktion ist nur ein kleines Puzzle-Teil. Wir wollen denn auch weiter gehen. Eine Idee ist, ein Zertifikat zu entwickeln für Händler, die bewusst weniger Waren einkaufen, um der Verschwendung entgegenzuwirken. Kundinnen und Kunden könnten dann entscheiden, bewusst in einen solchen Laden zu gehen, auch wenn sie dort das Gewünschte vielleicht nicht bekommen. Ich finde, wir müssen irgendwo anfangen. Aber mir ist auch bewusst: Wir leben auf der Erde und noch nicht im Himmel.

Was motiviert Sie zu dieser Aktion?

Pfister: Ich glaube an einen Gott, der der Schöpfer von allem ist. Ich möchte mit den Ressourcen, die Gott uns gegeben hat, sorgfältig umgehen. Weltweit hungern 800 Millionen Menschen. Ein Umdenken muss bei uns anfangen. Wenn wir weniger Nahrungsmittel brauchen, weil wir weniger davon wegwerfen, kann es vielleicht auch eine sinnvollere Verteilung geben.

Ist die Aktion auch ein Versuch, kirchenferne Menschen zu erreichen?

Pfister: Nein. Was wir hier machen, würde nicht gehen ohne ganz viele Menschen, die nicht kirchlich gebunden sind. Es ist nicht mein Ziel, diese zu einem Kirchenbesuch zu motivieren. Wenn es Begegnungen gibt, die zu Gesprächen über den Glauben führen, freut mich das, aber das ist nicht die erste Motivation.

*Stefan Pfister (51) ist mit einem 60 Prozent-Pensum Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche Davos. Er ist ausserdem zu 40 Prozent als Elektromonteur tätig. Zur seiner Gemeinde in Davos gehören rund 40 Erwachsene. Pfister hat bereits früher zusammen mit Matthias Marmet, Pastor der Pfingstgemeinde Davos, das Projekt «Save our Food» lanciert: Lebensmittel der Supermärkte Aldi und Spar, deren Verkaufsdatum abgelaufen ist, werden in einem Kühlschrank gesammelt und kostenlos an Interessierte abgegeben.

Bei Aperos und Mahlzeiten in den Davoser Hotels bleibt am WEF oft viel übrig. | © Pixabay.com/NadineDoerle, Pixabay-License
17. Januar 2020 | 12:55
Teilen Sie diesen Artikel!

Aktion «4Reasons» in Davos

Die Aktion «4Reasons» (vier Gründe) findet während des Word Economic Forum (WEF) vom 20. bis 23. Januar in Davos statt. Dabei werden übrig gebliebene Speisen aus zwölf Hotels abgeholt und ins Langlaufzentrum Davos gebracht. Hier werden sie zum Verzehr aufbereitet und verkauft. Der Erlös fliesst in ein Kinder- und Jugendprojekt. Nebst den drei Angestellten des Langlaufzentrums helfen elf weitere Personen ehrenamtlich mit. Das Projekt verursacht dadurch keine Kosten. Lanciert wurde «4Reasons» von Stefan Pfister und Cyrill Ackermann, Direktor des Hotels Grischa in Davos. (sys)