Trailer zum Pandemiekonzert «Nick Cave Alone at Alexandra Palace». Screenshot
Religion anders

Nick Cave – Prediger zwischen Apokalypse und Gnadenthron

Seine Songs erinnern an Psalmen oder furiose Mahnreden von der Kanzel. Seine Konzerte gleichen Gottesdiensten. Nick Cave ist gleichzeitig Prediger der Apokalypse und Verfechter der Menschlichkeit. Ein Musiker und Künstler, der zwischen dem strafenden Gott des Alten und dem gütigen Gott des Neuen Testaments mäandert.

Natalie Fritz

«Gott ist nie weit weg» – das singt der vermeintliche Todeskandidat zu einem pulsierenden Beat. Er, der auf den elektrischen Stuhl muss, hat keine Angst zu sterben. Schliesslich ist ihm das «Gesicht Jesu in seiner Suppe» erschienen. Und so vergleicht der zum Tode Verurteilte im Lied sein Hinrichtungsinstrument mit dem «Gnadenthron» (Mercy Seat) – die Hoffnung auf Erlösung ist noch nicht gestorben.

Nick Cave  als Todeskandidat im Videoclip zu «The Mercy Seat». Screenshot
Nick Cave als Todeskandidat im Videoclip zu «The Mercy Seat». Screenshot

Wenn der strafende auf den gütigen Gott trifft

Im Lied «The Mercy Seat» aus dem Jahr 1988 wird überdeutlich, wie geschickt Nick Cave biblische Motive und Erzählungen aufgreift, neu kombiniert und interpretiert. Zwar besingt Cave in «The Mercy Seat» die 1:1-Vergeltung «Auge um Auge, Zahn um Zahn» (Ex 21,22–27), stellt diese aber gleichzeitig der Idee des Gnadenthrons gegenüber. Das ist der Sitz Gottes, wo dereinst Recht über die Menschen gesprochen wird (Offb 20, 11–13).

Cave kontrastiert den strafenden Gott des Alten mit dem gnädigen Gott des Neuen Testaments. Er löst die Spannung nicht auf, sondern lässt sie wirken. Diese Gegenüberstellung ist kein Ausspielen des einen Weltbilds gegen das andere. Vielmehr provoziert der Kontrast ein dumpfes Gefühl des hoffnungsvollen Ausgeliefertseins. Ausgeliefert, weil wir eben Menschen sind. Menschen, die Fehler machen und nur auf Erlösung hoffen können.

Nick Cave singt «Skeleton Tree». Konzert vom 30. September 2017 in London. Screenshot
Nick Cave singt «Skeleton Tree». Konzert vom 30. September 2017 in London. Screenshot

Die stete Suche nach Erlösung

Die Suche nach Erlösung ist eines der Leitmotive im Werk und Leben des mittlerweile fast 64-jährigen Nick Cave. Geboren und aufgewachsen ist er in der australischen Provinz. Dort hat Cave im Kirchenchor gesungen und seit den frühen 1970ern in verschiedenen Bands gespielt. Mit seiner 1984 gegründeten Band «Nick Cave and the Bad Seeds» hat er bis dato 17 sehr erfolgreiche Alben veröffentlicht. Sie drehen sich um Liebe, Religion, Schmerz, Tod und Gewalt. Als emotionaler und leidenschaftlicher Suchender wagt sich Cave nicht nur musikalisch immer wieder auf neues Terrain. Ortswechsel, Drogen und Frauen waren Inspiration und Hemmnis gleichermassen. Ein Künstler, der lebt, wovon er singt und umgekehrt.

Lässt sich berühren: Nick Cave singt «Magneto». Konzert in Kopenhagen, 20. Oktober 2017. Screenshot
Lässt sich berühren: Nick Cave singt «Magneto». Konzert in Kopenhagen, 20. Oktober 2017. Screenshot

Die Entdeckung des Markusevangeliums

Waren in den frühen Werken wie etwa im Lied «Tupelo» (1985) apokalyptische Szenarien und eine verzweifelte Sicht auf die Scheinheiligkeit der Menschen vorherrschend, fand mit den Jahren auch ein versöhnlicher Ton Platz in Caves Auseinandersetzung mit der Welt. Im von ihm geschriebenen Vorwort zum Markusevangelium (1998) erklärt Cave, dass er in seinen 20ern die Welt verachtete habe. Der strafende Gott des Alten Testaments passte zu diesem Gefühl der Ohnmacht und Wut. Mit der Zeit sei er diesem wütenden Ich entwachsen. Die Entdeckung des Markusevangeliums habe ihn zu einer neuen Religiosität geführt. Der Jesus bei Markus sei ein fassbarer, weil menschlicher Jesus. Einer, der wütend ist, der liebt und Schmerz empfindet. Ein Vorbild.

Nick Cave «segnet» das Publikum während er «Higgs Boson Blues» singt. Konzert von «Nick Cave an the Bad Seeds» am 14. Juni 2017 in New York. Screenshot
Nick Cave «segnet» das Publikum während er «Higgs Boson Blues» singt. Konzert von «Nick Cave an the Bad Seeds» am 14. Juni 2017 in New York. Screenshot

Der Wanderprediger Cave

Damit hat Caves Auseinandersetzung mit dem Glauben aber nicht aufgehört. Religion und Mensch – das ist ein Thema, das ihn stets umgetrieben hat. So gebärdet sich Cave bei Konzerten nicht selten wie ein amerikanischer Wanderprediger: Er «segnet» die Zuschauenden mit grossen Gesten oder wütet in göttlichem Furor. Dann wiederum gibt er den Bittsteller vor dem Herrn, der mit sanfter Stimme um ein Zeichen oder um Gnade fleht.

Nick Cave verletzlich und leise. «Distant Sky». Konzert am 20. Oktober 2017 in Kopenhagen. Screenshot
Nick Cave verletzlich und leise. «Distant Sky». Konzert am 20. Oktober 2017 in Kopenhagen. Screenshot

Diese Inszenierung hat durchaus eine pathetische Seite, wirkt aber auch faszinierend: Cave und seine Band transformieren fundamentale Lebensfragen in Musik und Gestik. Die dadurch vermittelte Emotionalität und Dringlichkeit berührt und überträgt sich auch auf das Publikum. Das Konzert wird zum quasi-religiösen Ritual.

Nick Cave beantwortet Fragen aus dem Publikum. «Conversation with» in Bremen, 25. Januar 2020. Screenshot
Nick Cave beantwortet Fragen aus dem Publikum. «Conversation with» in Bremen, 25. Januar 2020. Screenshot

Als Caves Teenager-Sohn 2015 durch einen tragischen Unfall ums Leben kommt, verarbeitet Cave diesen Verlust im Album «Skeleton Tree», das er ein Jahr später veröffentlicht. Sein Schmerz und seine Verzweiflung werden durch Musik und Text auch für die Zuhörer*innen erfahr- und nachvollziehbar – der vergötterte Star wird zum nahbaren Menschen.

Der Seelsorger Cave

Die Reaktionen auf das intime Album sind überwältigend: Menschen, die einen ähnlichen Verlust zu verschmerzen haben, fühlen sich angesprochen und abgeholt, sei es durch Text oder Melodie. Cave bekommt unzählige Briefe und Mails. Daraus entwickelt er die Musikabend-Reihe «Conversation with».

Nick Cave beantwortet Fragen aus dem Publikum. «Conversation with» in Bremen, 25. Januar 2020. Screenshot
Nick Cave beantwortet Fragen aus dem Publikum. «Conversation with» in Bremen, 25. Januar 2020. Screenshot

Hier spielt er Musik und beantwortet Fragen aus dem Publikum. Eine Art Trauma-Therapie für ihn selbst und das Publikum. Gleichzeitig eröffnet Nick Cave einen Blog, die Red Hand Files. Dort postet er fotografische Eindrücke und kurze Gedankenspiele und beantwortet wiederum Fragen.

Der Musiker wird immer mehr zum Seelsorger, an den sich die Menschen auch in Glaubensdingen wenden. Auf die Frage, ob Cave sich als Christ fühle, antwortet er: «Ich würde mich selbst meistens keinen Christen nennen.» Dann relativiert er aber: «Christus als Symbol für ewige Güte in allen Dingen zu definieren, hilft mir dabei, anderen gegenüber gütig und mitfühlend zu sein.»

Cave als Messias während der Pandemie

Seinen selbstauferlegten Seelsorgeauftrag erfüllt Cave nun auch während der Corona-Pandemie. Anstatt auf Konzerttour zu gehen, hat er im Sommer 2020 ein Konzert ganz allein am Klavier im geschichtsträchtigen Alexandra Palace in London als Streaming-Event gespielt. Eine melancholische Messe in einer Zeit, in der wir alle Trost und einen Messias nötig haben.

«Euthanasia» aus dem Pandemie-Konzert «Nick Cave Alone at Alexandra Palace». Screenshot
«Euthanasia» aus dem Pandemie-Konzert «Nick Cave Alone at Alexandra Palace». Screenshot

Und gerade erst kam das neue Album «Carnage» heraus. Hier wird Corona zwar nicht zum Thema, aber Verzweiflung und Hoffnung, Licht und Schatten verweben sich zu einer dichten Metapher auf die aktuelle Apokalypse. Und mittendrin Nick Cave, der Mann, der den Glauben an die Güte des Menschen noch nicht verloren hat.


Trailer zum Pandemiekonzert «Nick Cave Alone at Alexandra Palace». Screenshot | © Youtube
3. April 2021 | 05:00
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Nick Cave

Nicholas «Nick» Edward Cave wurde am 22. September 1957 in Warracknabeal, Victoria, Australien geboren. Er wurde im anglikanischen Glauben erzogen und war Mitglied des örtlichen Kirchenchors. Das Kunststudium warf er im Alter von 19 Jahren hin, um sich ganz der Musik – und dem Heroin – widmen zu können. Mit seiner Post-Punk-Band «The Birthday Party» feierte Cave in Australien und dann in Europa erste Erfolge. 1983 gründete Cave «Nick Cave and the Bad Seeds». Die Band experimentiert mit verschiedensten Musikrichtungen von Punk über Folk bis Elektro-Pop.

Das Duett «Where the Wild Roses Grow» mit Kylie Minogue wurde 1995 ein Welthit und machte Nick Caves anspruchsvolle Musik auch zugänglich für die «Generation MTV». Nick Cave ist zusammen mit seinem Mitmusiker Warren Ellis auch Komponist von etlichen Film-Soundtracks («High or Hell Water», 2016). Ausserdem schreibt Cave Romane und Novellen, zeichnet und hätte im Frühjahr 2020 die Ausstellung «Stranger than Kindness» in Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen kuratiert. Nick Cave