Schweiz

«Musik ist Nahrung für die Seele»

Volketswil ZH, 30.8.19 (kath.ch) Für den Volketswiler Imam Kaser Alasaad ist klar: Musik ist erlaubt im Islam, auch in der Moschee. Und sie ist wichtig für den Menschen. Deshalb ermöglicht er Sängern wie Mutassem Al-Assali, in seiner Moschee aufzutreten. Mit diesem Beitrag endet die kath.ch-Sommerserie «Heilige Musik».

Regula Pfeifer

Der syrische Sänger Mutassem Al-Assali steht im Gebetsraum des Iman-Zentrums in Volketswil und trägt ein sanftes, sehnsüchtig wirkendes Lied vor und begleitet sich dabei mit einer Rassel-Trommel. «Ist das erlaubt?», geht die Frage an den Imam der Moschee. «Ja», sagt Kaser Alasaad beim Gespräch in seinem Büro. Es gebe in der religiösen Lehre eine goldene Regel, erklärt er: «Alles, worüber der Koran oder die Überlieferungen des Propheten Mohammed schweigen, ist «halal», also erlaubt.»

Keine klare Entscheidung im Koran

Es gebe keinen Koranvers und keine Überlieferung, welche eine klare Entscheidung zur Musik fällten, erklärt der Imam. «Deshalb ist es erlaubt Musik zu hören oder zu spielen.» Die meisten muslimischen Gelehrten befürworteten dies. Und auch die Basis halte es so: «Die meisten Muslime hören Musik und haben diesbezüglich keinerlei Hemmung», so Alasaad. Das gelte auch für die Hunderte von Muslimen, die jeden Freitag im Iman-Zentrum in Volketswil verkehrten, der grössten Moschee des Kantons.

Der rothaarige Mann mit Bart weiss aber auch von einigen Gelehrten, die Musik verbieten. «Doch sie haben keine klaren Beweise», betont er. Sie beriefen sich auf schwache oder nicht vertrauenswürdige Texte. Ihnen folgten wenige muslimische Gemeinschaften – und wenige Muslime. Auch im Iman Zentrum gebe es unter den vielen Gläubigen einige, die glaubten, Musik sei «haram», also verboten. «Wir respektieren unsere Meinungen gegenseitig», so der Imam.

Laute Musik unerwünscht

Auch in der Moschee selbst sei Musik erlaubt. Allerdings mit Einschränkungen. «Auf keinen Fall darf laute Musik, etwa Popmusik, gespielt werden», sagt Alasaad mit Nachdruck. Aber leise Musik und religiöse Lieder mit musikalischer Begleitung seien erlaubt. Die Moschee – «das Haus Gottes» – sei eine «Oase der Ruhe». Da solle man in Ruhe beten, den Koran lesen und Gottes gedenken können.

Zu den Gebetszeiten allerdings ist Musik tabu. Denn in den jeweils fünf Gebetsminuten rezitiert der Imam den Koran in einer Art Sprechgesang. Die Koranrezitation folge einer wissenschaftlichen Lehre mit dem Namen Tadschwid, erklärt der Imam. Er hat sie in seinem Herkunftsland Syrien studiert.

«Die Koranrezitation empfinden wir als schöner als Musik.»

«Die Koranrezitation empfinden wir als schöner als Musik», sagt er. Sie habe eine grössere Wirkung auf die Gläubigen. «Denn das sind die Worte Gottes», erklärt der Imam. «Durchs Koranhören oder Koranlesen kommen wir Gott näher». Die Seele der Gläubigen fliege zum Himmel, wenn sie Koran rezitieren hörten. Dabei würden die Sünden vergeben, was den Gläubigen eine grosse Erleichterung bringe.

Koran lesen nach der Psalmenlehre

Die Koranrezitationslehre bezeichnet Alasaad auch als Psalmenlehre. Diese beruhe auf den Musikstrukturen der orientalischen Musik. Dabei werde die Aussprache der Buchstaben festgelegt, etwa welche länger, nasal, aus der Tiefe des Halses heraus oder mit Hilfe der Zunge geformt werden müssten. Oder wann die Stimme laut und wann tief sein sollte und wo ein Halt gemacht werden müsse.

Nicht nur dem Sprechgesang bei der Koranrezitation, auch den islamisch-religiösen Liedern spricht Alasaad eine grosse Rolle zu beim spirituellen Erleben. «Sie sind Nahrung und Medizin für Seele und Geist.»

Das findet auch der syrische Musiker Mutassem Al-Assali, der nun mit am Tisch im Büro des Iman-Zentrums sitzt. Es komme aber auf die Qualität des Vortrags an. «Wenn die Songs mit einer schönen Stimme gesungen werden und von Herzen kommen, erreichen sie das Herz», sagt er auf Arabisch – und Alasaad übersetzt seine Worte ins Deutsche.

«Ich halte alles Schöne für religiös.»

Ansonsten interpretiert der Musiker die Verbindung von Musik und Religion ein stückweit offener als der Imam. «Ich halte alles Schöne für religiös und alles Religiöse für schön», erklärt Al-Assali. Denn Schönheit gehöre zur Religion. Der Sänger trägt in der Moschee jeweils nicht ausschliesslich religiöse Lieder vor, sondern auch solche über die Liebe und andere Lebensfragen. Auch hier sind ihm die Worte wichtig. «In meinen Liedern rufe ich die Menschen zu Liebe und Schönheit und zum Zusammensein im Land und in der Welt auf.»

Auf Youtube viel beachtet

Seine Lieder sind auch in Youtube-Videos nachzuhören – und offenbar beliebt. Sie sind meist mehrere tausend oder zehntausend Mal aufgerufen worden. Der Musiker sei bekannt und habe Fans insbesondere auch unter den jungen Muslimen, weiss Muris Begovic. Der Geschäftsstellenleiter der Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich (Vioz) hat den Kontakt zu den muslimischen Gesprächspartnern hergestellt.

In der Schweiz tritt der syrische Musiker nicht nur in Moscheen, sondern auch in Kirchen und Galerien, auf offenen Plätzen und bei Firmenanlässen auf, wie er gegenüber kath.ch sagt. Dabei passe er die Lieder dem Charakter des Anlasses an. An Hochzeiten singe er selbstverständlich Fröhliches. «Da pfeifen, klatschen und tanzen die Leute mit.» Bei Trauerfeierlichkeiten hingegen trage er Trauriges vor. Das bringe viele zum Weinen.

Christen weinten gerührt

Manchmal wirke ein Lied auch ohne Worte, weiss Al-Assal, der aus einer musikalischen Familie stammt und sich in Syrien in Gesang und dem Saiteninstrument Oud ausbildete. Er erzählt von einem seiner Konzerte in einer christlichen Kirche. «Die Leute verstanden die Worte nicht, weinten aber, weil sie von der Musik berührt wurden.»

Der syrische Musiker, der selbst die Kunst der Koranrezitation beherrscht, gibt auch im Ausland Konzerte. Diesen Sommer trat er in Rumänien, Schweden und Australien auf. Trotz grosser Fangemeinde hat seine Musik aber auch Gegner auf den Plan gerufen. Ja, er sei schon bedroht worden, sagt er gegenüber kath.ch. Und zwar von Muslimen, die meinten, Musik sei verboten. «Wer den Islam gut versteht, bedroht niemanden», sagt Al-Assali dazu. Er selbst respektiere andere Ansichten.

Mutassem Al-Assali musiziert in der Moschee in Volketswil | © Regula Pfeifer
30. August 2019 | 09:14
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