Ein kurdisches Flüchtlingskind in einem Lager in der Türkei | © 2015 Nicole Maron
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Ein kurdisches Flüchtlingskind in einem Lager in der Türkei | © 2015 Nicole Maron

Migrationsforscher: Europa nimmt relativ wenige Flüchtlinge auf

Berlin, 20.7.15 (kath.ch) Im Vergleich zu anderen Weltregionen nehmen Europa und der globale Norden nach Ansicht des deutschen Migrationsforschers Jochen Oltmer «relativ wenige Flüchtlinge auf». Insgesamt seien es nur 14 Prozent aller Schutzsuchenden, betonte Oltmer am Montag, 20. Juli, in Berlin. 86 Prozent blieben in den Ländern des «globalen Südens»; 2003 habe das Verhältnis noch bei 30 zu 70 Prozent gelegen.

Der Forscher äusserte sich bei der Vorstellung einer Studie im Auftrag der Welthungerhilfe und von Terre des hommes. Er plädierte dafür, auch die positiven Potenziale der Migration besser zu nutzen: Migration aus den Entwicklungsländern in reichere Länder könne einen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Herkunftsländer leisten, etwa durch den Transfer von Geld und Wissen. Aber auch die Zielländer von Migranten könnten profitieren, denn Räume starker Zuwanderung waren schon immer Zentren von Innovation und Produktivität.

Weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht

Nach jüngsten Uno-Angaben sind derzeit insgesamt knapp 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht; davon sind rund 38,2 Millionen im eigenen Land vertrieben, 19,5 Millionen suchen Zuflucht im Ausland und 1,8 Millionen sind Asylsuchende.

Danuta Sacher, Vorstandsmitglied von Terre des hommes Deutschland, forderte, legale Zugangswege zu eröffnen. «Wir leben in einer global vernetzten Welt, in der nicht Grenzzäune und Restriktionen, sondern Konzepte zur Gestaltung eines globalen Miteinanders gefordert sind.» Der Leiter der Politikabteilung der Welthungerhilfe, Uli Post, warnte davor, «die Entwicklungszusammenarbeit bei der Bekämpfung von Fluchtursachen alleine zu lassen». Er beklagte ebenfalls das Fehlen eines politischen Zieles. Dadurch gebe es kein kohärentes Handeln unter den Ministerien.

Oltmer widersprach der Vorstellung, dass Deutschland vor einer Migrationswelle stehe: «Die Welt steht nicht vor der deutschen Tür.» Die Migration aus Entwicklungsländern nehme langfristig sogar eher ab. So seien nach Uno-Angaben zwischen 2000 und 2005 rund 17,6 Millionen Migranten aus weniger entwickelten in entwickelte Regionen ausgewandert; die darauffolgenden fünf Jahre nur noch 16,6 und zwischen 2010 bis heute rund 12,5. Die Uno gehe von einer weiter rückläufigen Tendenz aus.

Hauptmigration innerhalb von Kontinenten

Die Hauptmigration finde innerhalb von Kontinenten und Regionen statt, sagte Oltmer. So seien 2013 neun von zehn der 1,23 Millionen Zuwanderer nach Deutschland aus der EU gekommen und nur 54.000 aus Afrika – einschliesslich zurückkehrender Deutscher. Zugleich habe es 609.300 Fortzüge gegeben.

Als Hauptgrund für Migration nannte der Forscher Gewalt und Konflikte. Die Arbeitsmigration zur «Chancenwahrnehmung» sei «eher gering». Der wesentliche Grund hierfür sei die Armut. Viele Menschen könnten sich eine Auswanderung «schlichtweg nicht leisten». Ausserdem fände diese Migration über Netzwerke statt, die nach Europa wenig ausgebildet seien. Weiter zeige die «starke Abwehrreaktion» der EU Wirkung. (kna)

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