Schweiz

Markus Zimmermann: «Palliative Care steht ganz oben auf der Agenda der Schweizer Gesundheitspolitik»

Ständerat und Nationalrat wollen die Palliative Care aufwerten. Es gibt viel zu tun. Der Palliativ-Ansatz ist vor allem bei Krebserkrankungen etabliert. Bei anderen Diagnosen gibt es Nachholbedarf. Was nun ansteht, erklärt der Ethiker Markus Zimmermann.

Raphael Rauch

Das Netzwerk «palliative ch» spricht von einem «Durchbruch für die Palliative Care in der Schweiz». Was genau wurde beschlossen?

Markus Zimmermann*: Im Anschluss an den Ständerat hat nun auch der Nationalrat den Bundesrat damit beauftragt, gesetzliche Grundlagen zur Finanzierung der Palliative Care-Versorgung in der Schweiz zu schaffen. Anders formuliert: Die Palliative Care-Versorgung steht neu ganz oben auf der Agenda der Schweizer Gesundheitspolitik, ihre Dringlichkeit wird politisch wahrgenommen.

«Es handelt sich zunächst einmal um einen ersten wichtigen politischen Schritt.»

Welche Änderung finden Sie am wichtigsten?

Zimmermann: Es werden die politischen Weichen gestellt, um eine palliative Versorgung für möglichst alle Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu ermöglichen. Was das konkret heisst, wird sich zeigen. Es handelt sich zunächst einmal um einen ersten wichtigen politischen Schritt, dem nun viele weitere folgen werden: ein für die Anerkennung und Etablierung der Palliative Care schöner Erfolg.

Was bedeutet das für die Patientinnen und Patienten ganz konkret?

Zimmermann: Langfristig dürfte dies bedeuten, dass die Versorgung von chronisch kranken und sterbenden Menschen im Sinne einer ganzheitlichen Betreuung verbessert werden dürften. Im öffentlichen Rampenlicht steht jeweils die spezialisierte Palliative Care für Menschen, deren Symptome nur durch spezifische Massnahmen zu lindern sind. Tatsächlich geht es jedoch auch um die allgemeine Palliative Care, die alle schwer kranken und leidenden Menschen betrifft. Daneben stellen der Aufbau entsprechender Versorgungsstrukturen und die Gewährleistung der Koordination der Versorgung grosse Herausforderungen dar.

Auf der Palliativstation

Explizit geht es auch um die «Anerkennung von psychosozialen, spirituellen und funktionalen Leistungen». Heisst das, die Krankenkassen bezahlen die Spitalseelsorgerinnen?

Zimmermann: Wie die gesetzlichen Regelungen genau aussehen werden, konkret: welche Leistungen in das KVG, also die gesetzlich vorgeschriebene gesundheitliche Grundversorgung, aufgenommen werden, wird sich zeigen. Leistungen in den Bereichen der psychosozialen und spirituellen Betreuung werden es dabei schwerer haben als Leistungen im Bereich der somatischen und psychiatrischen Begleitung. Denken Sie nur an die Trauerbegleitung der Angehörigen nach einem Todesfall, die selbstverständlich zum ganzheitlichen Konzept der Palliative Care dazu gehört: hier werden die Krankenkassen sicher nicht einspringen; auch der Bereich der Seelsorge dürfte aussen vor bleiben. Das heisst allerdings nicht, dass beispielsweise Ärztinnen oder Pflegefachkräfte im Rahmen ihrer Zeitbudgets nicht auch sensibel reagieren könnten auf spirituelle Nöte ihrer Patientinnen und Patienten.

«Seelsorge ist konfessionell geprägt und verbunden mit bestimmten religiösen Traditionen.»

Warum haben es Krebskranke leichter, Leistungen der Palliative Care in Anspruch zu nehmen?

Zimmermann: Das hat mit der Geschichte von Hospice Care und Palliative Care zu tun. Entwickelt hat sich dieses Verständnis in erster Linie in der Begleitung von Menschen mit Tumorerkrankungen, und noch heute sind viele Aktivitäten und Strukturen der Palliative Care auf die Onkologie ausgerichtet oder sind von ihr geprägt. Das hat natürlich auch mit den typischen Verläufen der Tumorerkrankungen zu tun: oft bleibt Zeit und Möglichkeit, sich mit dem nahenden Ende auseinanderzusetzen, zudem sind die Therapien häufig aggressiv und ihre Anwendung entsprechend heikel.

Die katholische Kirche im Kanton Zürich verlangt, dass Seelsorgende für die Palliative Care speziell ausgebildet werden. Warum ist das wichtig?

Zimmermann: Die Begründung der katholischen Kirche Zürich ist mir nicht bekannt. Zwei Besonderheiten der Seelsorge im Rahmen von Palliative Care sind sicherlich erstens die Interprofessionalität und zweitens die Offenheit gegenüber allen Formen und Verständnissen von Spiritualität. Als Pfarrer oder Pastoralassistentinnen sind bislang nur bedingt damit konfrontiert, mit Berufsgruppen wie Psychoonkologen oder Physiotherapeutinnen zusammenzuarbeiten; ausserdem ist Seelsorge konfessionell geprägt und verbunden mit bestimmten religiösen Traditionen.

«Die Idee, offen zu sein für alle möglichen Verständnisse und Formen spirituellen Lebens ist alles andere als unumstritten.»

Was unterscheidet Seelsorge in der Palliative Care von normaler Seelsorge am Lebensende?

Zimmermann: Normale Seelsorge am Lebensende gibt es wohl kaum. Sie ist stets geprägt von der Persönlichkeit der seelsorgenden Person sowie der Begegnung mit einem konkreten Sterbenden und dessen Angehörigen. Auch die Ambiente dürfte wichtig sein: findet eine Begegnung auf einer Intensivstation oder zu Hause statt? Wie gesagt: Bei der Palliative Care steht im Zentrum, dass alle professionellen wie freiwilligen Begleiterinnen und Begleiter zusammenarbeiten, koordiniert vorgehen, voneinander wissen; das ist sicher nicht das Gewohnte für unsere Seelsorgenden. Auch die Idee, offen zu sein für alle möglichen Verständnisse und Formen spirituellen Lebens klingt zwar gut, ist aber alles andere als unumstritten oder einfach umzusetzen. Hier gilt es, Erfahrungen zu sammeln, und – wie Paulus sagt – alles zu prüfen, und das Gute schliesslich zu behalten.

Gang in der Palliative-Station

Menschen möchten oft in den eigenen vier Wänden sterben. Heisst das, die Spitalseelsorge muss sich verändern – und auch ausserhalb des Spitals wirken?

Zimmermann: Heute sterben 80 Prozent der Menschen in der Schweiz in Spitälern und Heimen. Solange das so ist, brauchen wir dringend Seelsorgerinnen und Seelsorger, die in diesen Institutionen tätig sind. Daneben sind ja auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Kirchgemeinden und Pfarreien da, die durchaus nach Hause zu den Leuten gehen, wenn sie gerufen werden oder um eine Not wissen.

Wie geht’s nun weiter?

Zimmermann: Jetzt ist zunächst der Bundesrat am Zug. Er wird wohl Fachleute im Bundesamt für Gesundheit und den Kantonen damit beauftragen, konkrete Lösungen zu erarbeiten, die dann in Vernehmlassung gehen. Das dürfte einige Zeit beanspruchen, ist aber nachhaltig, sobald eine Idee erst einmal gesetzlich geregelt ist. Heute steht im Vordergrund: Palliative Care wird in der Schweiz wahr- und ernstgenommen, die Pionierzeit ist abgeschlossen. Im Vergleich zu anderen Ländern zwar sehr spät, aber das ist jetzt Geschichte.

Welcher Aspekt ist Ihnen noch wichtig?

Zimmermann: Die Ideen der Palliative Care stossen auf starke Anerkennung aufgrund ihrer Bedeutung am unmittelbaren Lebensende, also in der Versorgung sterbender Menschen. Das ist wichtig, aber nicht alles: im Kern geht es ja um eine Kritik an einer Gesundheitsversorgung, die einseitig an der Machbarkeit ausgerichtet ist und die Medizin als eine Reparaturwerkstatt einzelner Organe oder Zellen versteht. Ich würde mir wünschen, dass die Palliative Care-Bewegung ihren kritischen Impetus, das Prophetische sozusagen, erhalten kann, auch wenn sie etabliert und ins System aufgenommen wird.

* Markus Zimmermann lehrt Moraltheologie und Ethik an der Universität Fribourg. 2019 hat er zusammen mit drei weiteren Autorinnen und Autoren das Buch geschrieben: «Das Lebensende in der Schweiz: Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven.»


Markus Zimmermann, Titularprofessor an der Uni Freiburg/Schweiz | © Stéphane Schmutz / STEMUTZ.COM
24. Juni 2021 | 15:31
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