Schweiz

Luzerner Politikwissenschaftler: «Christentum wird heute zum Abgrenzungskriterium»

Luzern, 12.10.15 (kath.ch) Die konfessionellen Gräben sind in der Schweizer Politik weitgehend verschwunden. Spielen christliche Werte heute dennoch eine Rolle in der Politik? Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Luzern, beleuchtet im Interview mit kath.ch das Spannungsfeld zwischen Politik und Religion in der Schweiz.

Sylvia Stam

Die Mitgliederzahlen der Kirchen sinken seit Jahren. Spielen christliche Werte heute in der Schweizer Politik dennoch eine Rolle?

Antonius Liedhegener: Der historische konfessionelle Graben zwischen Katholiken und Reformierten ist weitgehend verschwunden, aber die entsprechenden kulturellen Muster sind langlebiger. Das zeigt sich beispielsweise beim Wahlverhalten: FDP und BDP tendieren zu protestantischen Wählerinnen und Wählern, EVP und EDU sind auf ein bestimmtes Segment der Freikirchen ausgerichtet, die CVP ist nach wie vor eine stark katholische Partei, wenn es auf die Wählerschaft ankommt, auch wenn sie sich programmatisch neu aufgestellt hat. Bei der SP und den Grünen stellt man fest, dass der Anteil der Wähler ohne Religionszugehörigkeit sehr hoch ist. Die Ausnahme der Regel ist die SVP: Sie erreicht alle verschiedenen Religionssegmente.

Gibt es auch explizite Hinweise auf christliche Werte in der Politik?

Liedhegener: In der Bundesverfassung wird Gott unmittelbar angerufen, sie spricht auch von der Bewahrung der Schöpfung. Die Nationalhymne ist eine stark christlich geprägte Grösse. Auf Bundesebene sind die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) Ansprechpartner für den Bundesrat und das Parlament. Sie werden bei Vernehmlassungen einbezogen, gehen aber auch von sich aus auf Parlamentarier und andere gesellschaftliche Gruppen zu.

Bei der Abstimmung zu den Ladenöffnungszeiten waren wesentliche Akteure aus dem religiösen Bereich prominent vertreten. Wenn sich die Kirchen positionieren, dann zeigt sich allerdings häufig keine Übereinstimmung mit der Wählerschaft. Prominentestes Beispiel ist die Minarett-Initiative, bei der sich die Kirchen gegen das Verbot ausgesprochen hatten, während das Stimmvolk die Initiative angenommen hat.

Gibt es heute andere Gräben als die konfessionellen, welche die Schweizer Politik bis ins 20. Jahrhundert prägten?

Liedhegener: Wenn man nach heutigen Konfliktlinien fragt, sieht man in der Schweizer Politik im Wesentlichen zwei Dimensionen: Das klassische Links-Rechts-Schema, das sich daran orientiert, wie stark oder schwach der Staat in der Gesellschaft sein soll. Die zweite Dimension hat der Berner Politikwissenschaftler Adrian Vatter «kulturell identitätsstiftende Spannungen» genannt. Dabei geht es um die Frage, wie weit sich die Schweiz nach aussen hin und für neue Einflüsse öffnen soll oder wie stark sie sich abschliessen will. Daran hängen auch Fragen, wie man mit den Identitäten in der eigenen Gesellschaft umgeht. In diesem Zusammenhang wird Religion dann wieder wichtig: Im Wahlprogramm der SVP wird das Christentum beispielweise zu einem Abgrenzungskriterium. Mancher ist vielleicht gar nicht mehr selber gläubig oder kirchlich gebunden, denkt aber, man gehöre zum «christlichen Abendland» und deswegen könne man sich gegen andere Menschen und andere Religionen abgrenzen. Das lässt sich offenkundig parteipolitisch mobilisieren und nutzen, ist aber politisch auf die ganze Schweiz betrachtet eine riskante Strategie.

Debatten zu Themen, die den Islam betreffen, werden oftmals sehr emotional geführt. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen und den heftigen Debatten um muslimische Themen? 

Liedhegener: Aus dem Rückgang der Kirchlichkeit resultiert zwar keine Feindschaft gegenüber dem Islam, aber ein indirekter Zusammenhang ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die englische Religionssoziologin Grace Davie sagt, dass es so etwas wie eine religiöse Lesefähigkeit in einer Gesellschaft geben muss. Das bedeutet, dass die Mitglieder einer Gesellschaft in der Lage sind, sich in religiöser Sprache zu bewegen. Mit der starken Entkirchlichung passiert es, dass die Kirchen das Feld Religion ein ganzes Stück weit frei gegeben haben. Wer füllt nun das Wissen über Religion? Das passiert heutzutage sehr stark durch Medien, die über den Islam berichten, und zwar vorwiegend zu Ereignissen aus dem Ausland. Das Islam-Bild, das die Schweizer Medien zeigen, wird dominiert von Berichten über Gewalt und Konflikte. Das steht in krassem Gegensatz zu dem, wie sich die allermeisten Muslima und Muslime in der Schweizer Gesellschaft fühlen.

Welche Rolle kommt der Politik im interreligiösen Dialog zu, gerade im Dialog mit der muslimischen Bevölkerung?

Liedhegener: Politik hat einerseits eine indirekte Wirkung: Sie schafft ein gesellschaftliches Klima in der Frage, wer dazu gehört und wer nicht. Nehmen wir an, dass das soeben lancierte Verhüllungsverbot angenommen würde. Das wäre sehr schädlich für den interreligiösen Dialog. Denn das generelle Signal der Politik würde dann lauten: Es gibt Religionsgemeinschaften in der Schweiz, die dazugehören und solche, die nicht dazugehören.

Andererseits kann die Politik den interreligiösen Dialog stützen und fördern. Das kann zwar ein wenig heikel sein, weil ein moderner Staat ja religionsneutral sein muss. Andererseits müssen Politik und Staat aber mit allen gesellschaftlichen Gruppen im Gespräch sein. In diesem Sinne sind Plattformen wie der Verein Iras Cotis, das Zürcher Forum der Religionen, die Aargauer Konferenz der Religionen oder das Haus der Religionen in Bern auch eine Chance, institutionell miteinander ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen für Alltagskonflikte zu suchen.

Wo sehen Sie in der aktuellen politischen Agenda Themenbereiche, in denen die Kirchen etwas zu sagen hätten?

Liedhegener: Die Gesellschaft schreibt den Kirchen Kompetenzen zu in ethischen Fragen, sozialen Belangen und individuellen Lebenslagen. Dazu gehören auch die Themen Nachhaltigkeit und Entwicklung. Die Kirchen haben eine grosse Verantwortung im Blick auf Migrationsfragen. Das ist für die Wahlen und darüber hinaus tatsächlich sehr wichtig, weil es das Thema ist, das die Wähler am meisten bewegt.

Die Schweizer Bischöfe als Gruppe setzen sich sehr für den Zusammenhalt der Schweiz ein, beispielweise in ihren Verlautbarungen zum 1. August. Es geht ihnen nicht um Parteipolitik, sondern darum, ein bestimmtes Bild von Gesellschaft zu schaffen, das lebensdienlich ist für die Schweizer Gesellschaft insgesamt. Wenn es allerdings innerhalb einer Organisation zu starke Gegensätze gibt, führt das dazu, dass sie nicht handlungsfähig ist. Wenn die Bischöfe bestimmte politische Themen unterschiedlich einordnen, dann wird es dazu nur unklare oder gar keine Stellungnahmen geben. Das dürfte für die SBK eine echte Herausforderung sein. Da würde es wohl helfen, wenn die Rückbindung an die eigenen Gemeinden stärker wäre, der innerkirchliche Austausch lebhafter und sachorientierter wäre.

Spielen Religion oder religiöse Werthaltungen im aktuellen Wahlkampf eine Rolle?

Liedhegener: In der Schweizer Politik ist es Tradition, die Frage der persönlichen Überzeugung eher sanft anzugehen. Das hat auch damit zu tun, dass man bis in die 70-er Jahre die konfessionellen Gräben überwinden wollte. Deswegen ist die Schweizer Politik über lange Jahre gerade in Wahlkämpfen religionsdistanziert gewesen. Als Thema kann man es im Wahlkampf mittlerweile aber wieder vorbringen, wenn es wie gesagt um Identitäten geht. Dass die Initiative zum schweizweiten Verhüllungsverbot gerade jetzt lanciert wurde, dürfte kein Zufall gewesen sein.

Inwiefern fördert Religion den Zusammenhalt in der Gesellschaft?

Liedhegener: In der Schweizer Zivilgesellschaft ist Religion eine deutliche Kraft. Jede Pfarrei hat Angebote, in der junge wie alte Menschen sich ehrenamtlich beispielweise in der Kinder- und Jugendarbeit, für eine Bibliothek, eine Kleiderstube oder Suppenküche oder in der Arbeit mit Senioren engagieren. Nach wie vor gibt es konfessionelle Vereine und Verbände. Wenn man sich die Zahlen zur Freiwilligenarbeit in der Schweiz anschaut, sieht man deutlich, dass mit einer höheren Kirchenbindung auch ein höheres gesellschaftliches Engagement einhergeht. Auch auf die Zusammenhänge zwischen Kirchgemeinden und Milizsystem ist hinzuweisen. Deshalb ist der anhaltende Rückgang der Kirchenmitglieder kein so nebensächliches Phänomen für die Schweizer Gesellschaft insgesamt. (sys)

Antonius Liedhegener ist Professor für Politik und Religion am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Luzern und Mitglied des universitären Forschungsschwerpunkts «Religion und gesellschaftliche Integration in Europa».

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Antonius Liedhegener | © 2015 Sylvia Stam
12. Oktober 2015 | 09:14
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