Die Träger des BE-Politforums: Daniel Reuter (l.) für den SEK, Daniel Kosch für die RKZ, Christophe von Werdt für den Burgerrat @ | Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern
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Die Träger des BE-Politforums: Daniel Reuter (l.) für den SEK, Daniel Kosch für die RKZ, Christophe von Werdt für den Burgerrat @ | Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern

«Letztlich ist Spenden ein Bauchentscheid»

Bern, 14.9.18 (kath.ch) «Soll ich mich als Freiwilliger selber engagieren oder soll ich spenden?» Die Diskussion am Berner Politforum von Donnerstag, das die beiden grossen Landeskirchen mitorganisierten, wirkte zum Teil recht abstrakt und abgehoben, eröffnete aber dank der ausgewählten Podiumsteilnehmer neue Sichtweisen auf das Thema.

Georges Scherrer

Da war etwa der «effektive Altruist». Als solcher bezeichnet sich der Künstler Nils Althaus. Sein Prinzip: Ein Zehntel seines Einkommens gibt er für Spenden aus. Diese gehen nach allein Seiten. Mehrmals gerieten sich auf den Podium Althaus und der Vertreter der «Philanthropie» (menschenfreundliches Denken, die Red.) in die Haare. Georg von Schnurbein, Direktor des «Center for Philanthropy Studies» der Universität Basel, bemühte sich, das Spenden als Teil eines «Werte»-Denkens darzustellen.

Will heissen: Wer spendet, vertritt gewisse Werte. Gemäss dieser wählt er jene Organisationen aus, die er mit seinem Geld unterstützen will. Der «Altruist» Althaus sieht das viel pragmatischer. Er spendet nach allen Seiten. Die Debatte zwischen den beiden liess die Frage offen, aus welchen Gründen die Menschen spenden.

«Früher hatte ich viel Zeit und wenig Geld.»

Der Hauptteil der Gespräche auf dem Podium galt aber der in der Einladung zum Politforum vorgebrachten Frage: «Persönliches Engagement oder Spenden: Womit erreicht man mehr?» Es sei vorweggenommen: Auch diese Frage wurde am Donnerstag in Bern nicht abschliessend beantwortet.

Klare Antworten

Das Podium präsentierte vielmehr unterschiedliche Formen von persönlichem «Freiwilligen»-Engagement und ging auch der Spendenbereitschaft auf den Grund. «Früher hatte ich viel Zeit und wenig Geld. Ich engagierte mich. Heute bin ich beruflich ausgelastet, darum spende ich». Diese einfache Antwort auf das Zusammenspiel von freiwilligem Engagement und Spende gab der Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), Daniel Kosch.

Zum Politforum im Berner Käfigturm muss gesagt werden, dass dieses vom Kleinen Burgerrat der Stadt Bern gemeinsam mit der RKZ und dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) organisiert wird. Aus diesem Grund kam im Käfigturm auch der SEK zu Wort und zwar über seinen Vizepräsidenten Daniel Reuter. Er machte klar, dass  die «altruistische» Haltung von Althaus ihn nicht überzeugt. Reuter, der «auch vielbeschäftigt» ist, meinte: «Wenn ich spende, muss die Idee der Organisation mich überzeugen.»

«Ich hätte Geld geben können, ich habe aber meine Zeit gegeben.»

Weil sie beruflich ausgelastet sind, setzen die beiden Herren auf «Spenden». Einen alternativen Weg weist die Schweizer Grossbank «Credit Suisse» – und zwar einen Zwischenweg zwischen Beruf und Freiwilligeneinsatz. Bei der Grossbank trägt die zuständige Abteilung die Bezeichnung «Corporate Citizenship». Deren Leiter, Felix Mundwiler, erklärte auf dem Podium das Funktionsprinzip.

Freiwilligkeit kann nicht aufgezwungen werden

Die Grossbank bietet ihren Angestellten an, sich bis zu vier Tage in gemeinnützigen Projekten zu engagieren. Die Angestellten erhalten während diesen Tagen ihren Lohn. Die Bank arbeitet mit rund 70 Organisationen zusammen. Vergangenes Jahr haben 4000 Angestellte einen solchen Einsatz geleistet. Niemand werde aufgefordert, daran teilzunehmen. Es werde nicht auf jene gezeigt, die sich nicht am Projekt beteiligen. Darum betonte Mundwiler mehrmals die «Freiwilligkeit» des Einsatzes.

Ein «Freiwilligen»-Einsatz hat Michael Raeber zu seinem Beruf geführt. Auf einer Reise durch Griechenland stiess er auf der Insel Lesbos auf Hunderte von Flüchtlingen aus Afghanistan. Er gründete daraufhin das Hilfswerk «schwizerchrüz», um Geld für seine Hilfsarbeit aufzutreiben und Freiwillige für den Einsatz auf Lesbos zu gewinnen.  Zu seinen Beweggründen meinte Raeber: «Ich hätte Geld geben können, ich habe aber meine Zeit gegeben.»

«Das grosse Engagement hat mich überrascht.»

Die Zahl der «Freiwilligen»-Einsätze ist aktuell rückläufig, sagte der Philanthrop Georg von Schnurbein auf dem Podium. Dennoch blickt die stellvertretende Direktorin des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), Christine Kopp, zuversichtlich in die Zukunft. Obwohl die Asylsuchenden in der Schweiz in der Regel eine schlechte Presse haben, hätten sich sehr viele Menschen für die Bewohner eines Asylzentrums in ihrem Wohnort engagiert. «Das grosse Engagement hat mich überrascht», sagte Kopp.

Am Schluss ein Patt

Die Gespräche am Berner Anlass griffen nicht tief in das Verhältnis von Freiwilligenarbeit und Spendenbereitschaft hinein. Einig waren sich die Teilnehmer aber, dass es beides braucht. Je nach Lebensabschnitt, psychischer oder physischer Verfassung tendiere die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit oder zur Spendenbereitschaft.

Ein Fazit lautete: «Letztlich ist Spenden ein Bauchentscheid». Der Abend hat das vorgegebene Thema nicht vertieft, dafür aber ganz neue Sichtweisen auf einen gesellschaftlich interessanten Faktor eröffnet. Dies ist auch eine Aufgabe des Berner Politforums.

Weitere Termine des Politforums

 

Felix Mundwiler (l.), Michael Raeber, Moderatorin Lisa Stalder @ | Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern
Felix Mundwiler (l.), Michael Raeber, Moderatorin Lisa Stalder @ | Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern
Christine Kopp, Nils Althaus, Georg von Schnurbein @ | Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern
Christine Kopp, Nils Althaus, Georg von Schnurbein @ | Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern
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