Kommentar: Kastriert die Liebe nicht! – Zur klerikalen Diffamierung homosexueller Liebe

Freiburg i.Ü., 5.8.15 (kath.ch) Die Bibelstellen über Homosexualität aus dem Buch Levitikus, die von Bischof Vitus Huonder zitiert wurden, seien kulturell bedingte Vorschriften, die wir heute mit guten biblischen Argumenten verwerfen könnten, sagt Peter Eicher, Professor für Systematische Theologie im Fach «Katholische Theologie» der Universität Paderborn. In seinem Gastkommentar nimmt Eicher kritisch Stellung zu den Erläuterungen, die Bibelwissenschaftler Adrian Schenker im Interview mit kath.ch über die Bibelstellen im Buch Levitikus machte.

Die gleichgeschlechtliche Liebe wird in aufgeklärten Staaten gleich wie die heterosexuelle Liebe geschützt. Die sexuellen Handlungen beider Geschlechter geniessen die unbedingte ethische Anerkennung, wenn sie der Verkörperung der Freiheit entsprechen. Man möchte jubeln, dass dies heute in immer mehr Kulturen selbstverständlich geworden ist und von immer mehr Rechtsordnungen geschützt wird.
Es gibt evangelikale und fundamentalistische Kirchenführer, welche in dieser Entwicklung einen Gräuel vor Gott sehen, ja ein todeswürdiges Vergehen. Sie berufen sich auf die zwei Bibelstellen im Levitikus, nach welchen es «ein Gräuel» sei, wenn jemand bei einem Mann liegt wie bei einer Frau». Sie «sollen beide des Todes sterben» (20,13. Nicht zitiert wird das analoge Gesetz, wonach es für Gott ein Gräuel sei, wenn «ein Mann Frauenkleier anzieht» (Dtn 22,5) – was Bischof Huonder exklusiv praktiziert.

Nun hat Adrian Schenker als Bibelwissenschaftler versucht, dem Bischof zu widersprechen. Und dieser Versucht ist gründlich missglückt. Denn er diffamiert die Schwulen ebenso wie des Bischofs Drohungen mit Gottes Zorn. Adrian Schenker unterscheidet die «homosexuellen Neigungen» von den sexuellen Akten. Erstere seien biblisch erlaubt, letztere nicht. Und in seiner wissenschaftlichen Studie zur Homosexualität in der Bibel kommt er gar zum Schluss, dass Leviticus 18 und 20 sehr wohl aktualisierbar sei: «Ist es nicht die gelebte und öffentlich anerkannte Homosexualität, welche zur Zersplitterung einer Gesellschaft beiträgt, die ohnehin zur Desintegration tendiert?»

Nanu?
Da hätte denn Gott den Männern und den Frauen Neigungen gegeben, deren Erfüllung vor Gott ein Gräuel wäre? Und welche die Gesellschaft auflösen würden?
Es versteht sich, dass ein Ordensmann von dieser Unterscheidung lebt. Das geht subjektiv in Ordnung. Nicht in Ordnung geht, sich mit dieser Unterscheidung öffentlich von der klaren Aussage zu drücken, dass die erwähnten Bibelzitate aus dem Heiligkeitsgesetz des 5./4. vorchristlichen Jahrhunderts zu damaligen Kulturmustern gehören, die heute selber ein Gräuel sind. Es gibt kulturell bedingte Vorschriften, die – wie im Levitikus – als Gottes Weisung ausgegeben werden und doch dem Grundzug dessen widersprechen, der «Ich bin da» heisst. Diese kulturellen Muster spotten der Liebe, deren Kern heute in der Realisierung der Freiheit von verkörperten Mitmenschen besteht. Da ist nicht Mann oder Frau.

Es ist nicht entwürdigend, dass Männer mit anderen Männern sexuell umgehen, wie Frauen mit Männern oder Frauen mit Frauen. Und es ist auch nicht entwürdigend, sich den Bart zu scheren, als Frau Hosen zu tragen, Schweinefleisch zu essen, an einer Beerdigung teilzunehmen oder als Behinderter zu leben. Dies alles wurde im Reinheits- und Heiligkeitsgesetz der Jerusalemer Priesterschaft in einer reaktionären Kulturzeit für abscheulich und todeswürdig gehalten. Es ist aber vorbei damit, aufgeklärt als Sittengebräuche, die wir auch mit guten biblischen Argumenten verwerfen können.
Wer diese Bibelzitate als Wille Gottes für die Kultur der Gegenwart zu retten sucht, der vergeht sich an der Menschenwürde, am bon sens und am «Willen» des Gottes, der sich selber in der verkörperten Liebe realisiert. Und zwar in geschichtlicher Entwicklung. (pe/sys)

Peter Eicher ist Universitätsprofessor für Systematische Theologie im Fach Katholische Theologie der Universität Paderborn.

Interview mit Adrian Schenker

Peter Eicher (rechts) mit seiner Frau Lisette Eicher | © zVg
5. August 2015 | 17:54
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