Konstruktiv

Kolping Schweiz: katholischer Gesellenverein sucht neuen Weg

Der katholische Verband Kolping Schweiz schrumpft – langsam, aber sicher. Von den so genannten Familien verschwindet eine nach der anderen. Wohin steuert Kolping in den nächsten Jahren? Vize-Präsident Thomas Lanter hat zwei Szenarien.

Ueli Abt

Thomas Lanter war noch im Teenager-Alter, als seine Begeisterung für Kolping begann. Er und fünf weitere Jugendliche schlossen sich 1986 im Tösstal im Kanton Zürich zur Kolping-Familie Kollbrunn zusammen, einem Verein also im Geiste des Gründers Adolph Kolping.

Impulse dazu seien von Mitgliedern der Kolpingfamilien Winterthur und Bauma ausgegangen, erzählt der heute 55-jährige Lanter im Restaurant St. Josef am Zürcher Hirschengraben. «Wir standen im Austausch miteinander, es gab in Winterthur eine Kolping-Theatergruppe, deren Vorstellungen wir jeweils besuchten».

«Kolping ist für mich zu einem Stück Heimat geworden.»

Lanter ist Vizepräsident von Kolping Schweiz, Aktuar des Zürcher Regionalverbands. Er präsidiert die Kolpingfamilie Bauma. Ausserdem engagiert er sich in der Aufsichtskommission der römisch-katholischen Kirchgemeinden des Kantons Zürich. Die Kommission prüft unter anderem deren Rechnungen– eine Aufgabe, die Lanter zuweilen in die Stadt Zürich führt.

Chinesisch klingend

Kolping, das klinge für aussenstehende zunächst einmal fremd. Im Telefonbuch sei der Familienname kaum zu finden, einige würden sich fragen: Ist das Chinesisch? Im 19. Jahrhundert wollte Adolph Kolping, zunächst Schuhmacher, dann Student der Theologie, etwas machen gegen die damalige Misere vieler Handwerker. «Diese führten ein ziemlich armseliges Leben», erzählt Lanter. Unter anderem fröhnten sie dem Alkohol.

Kolpings Idee: In den sogenannten Gesellenvereinen konnten sie sich gegenseitig unterstützen, etwa durch Weiterbildung oder politisches Engagement. Es ging aber auch um sinnvolle Freizeitgestaltung, es entstanden Theater- und Wandergruppen.

Porträt von Adolph Kolping, dem Gründer des Kolpingwerks, im Kolping-Museum in Kerpen

Adolph Kolping, der ein ausgesprochener Familienmensch war, ging davon aus, dass wer als Geselle ein geordnetes Leben führt, in der Lage ist, eine Familie zu gründen. «Im Laufe der Jahre wurden aus den reinen Gesellenvereinen die Kolpingsfamilien», so Lanter weiter.

Inzwischen waren auch Frauen zugelassen, Kolping wurde konfessionell offen. Längst war der ursprüngliche Aspekt der Weiterbildung bedeutungslos geworden, die Idee aber, sich auf der Basis von christlichen Werten gegenseitig zu unterstützen und die Freizeit zusammen zu verbringen, blieb.

Für Lanter ist der Verband Kolping längst zu «einem Stück Heimat» geworden, wie er sagt. An Anlässen komme man mit den gleichen Leuten zusammen, tausche sich mit ihnen aus. Wenn man abends nach einem Zusammentreffen nach Hause komme, werde einem bewusst: «Es war einfach schön.» Und wenn an einem Gottesdienst das nicht mehr wegzudenkende Kolping-Lied gesungen werde, löse das ein unbeschreibliches Gefühl aus.

«Ziemlich überaltert»

Allerdings hat Kolping Schweiz heute ein Nachwuchs-Problem. Die verbliebenen Bisherigen werden älter und älter. «Wir sind ziemlich überaltert», sagt Lanter rundheraus. Will heissen: Durchschnittsalter 70. Eine Familie nach der anderen verschwindet ersatzlos. Junge rückten kaum nach. So habe er auch seine eigenen Kinder nicht für die Kolping-Familie in Bauma gewinnen können.

Gesellenhaus Wolfbach - 1889 wurde es eingeweiht und blieb fast 100 Jahre im Besitz des Verbands. Ab 1930 hatten hier auch die Kolping-Krankenkasse und das Verbandssekretariat ihren Sitz.

In den letzten 20 Jahren seien schweizweit wohl zwischen 20 und 30 Kolpingfamilien verschwunden, schätzt der Vizepräsident. Allein in der Region Zürich habe sich die Zahl der Familien von 20 auf heute neun reduziert.

Junge Familie in alle Welt versprengt

In Lanters Anfängen Ende der 80er-Jahre, als er die Kolpingfamilie in Kollbrunn ins Leben rief, waren diese Vereine für Junge noch attraktiv gewesen. Allerdings, schon ein paar Jahre später zeichnete sich eine unheilvolle Entwicklung ab.

Denn gerade der Umstand, dass die Mitglieder der damals gegründeten Kolpingfamilie alle sehr jung waren, wurde im Laufe der nächsten Jahre dem Verein zum Verhängnis: Die einen zogen berufsbedingt weg, andere erkundeten die weite Welt. Rund zehn Jahre später musste Präsident Lanter den Verein schweren Herzens auflösen. Dem Verband blieb er treu. Er schloss sich der Kolpingfamilie in Bauma an, dessen Präsident er später wurde.

Zielgruppe: Menschen mit erwachsenen Kindern

Aus Lanters Sicht ist es heute ein schwieriges Unterfangen, 20-Jährige für Kolping zu begeistern. Und 40-Jährige seien in der Regel durch die biologische Familie absorbiert. Als eigentliche Zielgruppe sieht Lanter jene, die – wie er – um die 55 sind. Dann seien die Kinder meist schon selbständig, man habe keine Karrieregelüste mehr.

Gesellenhaus Wolfbach - 1889 wurde es eingeweiht und blieb fast 100 Jahre im Besitz des Verbands. Ab 1930 hatten hier auch die Kolping-Krankenkasse und das Verbandssekretariat ihren Sitz.

Anders als in Deutschland, funktioniere Kolping in der Schweiz auf ehrenamtlicher Basis. Das sieht Lanter als Teil des Problems. Die Menschen seien heute nicht mehr gewillt, sich regelmässig in einem Verein zu engagieren, schon gar nicht im Vorstand. «Wenn ein Präsident nach 30 Jahren aufhört und es keinen Nachfolger mehr gibt, löst sich gleich die ganze Kolpingsfamilie auf», so Lanter.

Auf die Ausdünnung hat man inzwischen mit einer Restrukturierung reagiert – aus der bisherigen Organisation in Regionen sollen nur noch drei grosse Räume werden. Doch es löse das eigentliche Problem nicht. «Wir müssen uns sozusagen neu erfinden», sagt Lanter. Denn die Gesellschaft hat sich verändert. In der Schweiz lebe man im Luxus, zur Unterstützung von Bedürftigen existierten zahlreiche Institutionen.

Noch kein Zeitplan

Bei Kolping Schweiz soll die Verbandsleitung demnächst ein Konzept ausarbeiten, wie sich der Verband in der Zukunft positioniert und wie man künftig neue Menschen gewinnen kann. Ein Zeitplan dafür existiere nicht. «Als ehrenamtlich Tätige müssen wir das nebenbei in unserer Freizeit unterbringen können», sagt Lanter.

«Entweder wir schaffen es, genügend Nachwuchs zu finden. Oder wir sind nur noch ein Spendenverband.»

Er sieht für die Zukunft zwei Szenarien. «Entweder wir schaffen es, genügend Nachwuchs zu finden. Oder wir sind in ein paar Jahren nur noch ein Spendenverband.» Das würde bedeuten, dass die Mitglieder nur noch jährlich einen bestimmten Spendenbeitrag zur Unterstützung von karitativen Projekten abgeben würden, die Organisation in den Kolpingsfamilien würde wegfallen.

Engagiert in Tansania, Bolivien, Indien und Osteuropa

Bereits jetzt ist Kolping auch ein Hilfswerk. Sammelt Spenden und finanziert damit Projekte in Tansania, Bolivien, Indien und osteuropäischen Ländern. Kolping beteiligt sich unter anderem an TexAid.

Doch auch als Hilfswerk sei Kolping noch immer zu wenig bekannt. «Wenn es ein Erdbeben gibt, hört man immer nur von anderen Hilfswerken», so Lanter. Es sei Aufgabe der Verbandsgeschäftsleitung, vermehrt Networking sowie Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Verschwunden: Kolping-Arena

Bis vor ein paar Jahren hatte mindestens eine Eishockeyhalle in Kloten als «Kolping-Arena» den Namen des Verbands in die Öffentlichkeit getragen. Die Kolping-Krankenkasse hatte von 2008 während sieben Jahren das Namensrecht erworben. Inzwischen heisst die als «Schluefweg» bekannte Halle Swiss Arena, die Kolping-Krankenkasse wurde inzwischen von der Sympany-Gruppe übernommen.

«Als ehrenamtlich Tätige müssen wir das nebenbei in unserer Freizeit unterbringen können.»

Trotz dieser Nachwuchsprobleme ist Lanter voller Elan. Fürs übernächste Jahr hat er in seiner Kolping-Familie in Bauma ein 40-Jahr-Jubliläumsfest geplant. Zunächst sei seine Idee etwas skeptisch aufgenommen worden. Doch inzwischen habe das Projekt den Verein belebt.

«Es ist offensichtlich, dass alle wieder motiviert sind, weil sie ein konkretes Ziel vor Augen haben», so Lanter. Er sei kein Machtmensch. Statt der «Macht» interessiere ihn das Machen.

Im Kolping-Lied «Wir sind Kolping», das Lanter so viel bedeutet, heisst es unter anderem: «…und sich nicht verschliessen, vorwärts zu geh’n. Aufeinander achten, lernen zu versteh’n, und gemeinsam Wege geh’n.»


Thomas Lanter ist Vize-Präsident von Kolping Schweiz. | © Ueli Abt
8. September 2021 | 07:01
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