Schweiz

Kirchenbilder als Bremsklötze bei der Erneuerung der Kirche

Abt Urban Federer und die Mönche von Einsiedeln luden am 3. Oktober zusammen mit der Organisation Anima Una zu ihrem ersten Impulstag ein. Es ging um Fragen wie: Was bedeutet Mission heute? Was ist unsere eigene Sendung? Und: Von welchen Kirchenbildern müssen wir uns verabschieden?

Vera Rüttimann

Die Kirche, ein sinkendes Schiff. Die Stimmung resignativ. In seiner Predigt in der Klosterkirche sprach Abt Urban Federer über solche Sätze, die er oft hört. Kirche, das ist für viele heute eine «Mission impossible».

Dem setzte Urban Federer entgegen: «Der Grund, warum wir hier sind, ist, weil wir eine gemeinsame Sehnsucht haben, die Stadt Gottes wieder aufzubauen.» Die Mission, das eigene Gesandtsein, gehe jedoch nicht ohne Freude. Diese mache er bei sich und den Anwesenden aus: «Die Freude am Herrn ist unsere Stärke.»

Warum Mission?

Die über 300 Tagungsteilnehmer kamen aus der ganzen Schweiz. Teils sogar aus Deutschland und Österreich. In den Gängen des Klosters und in den Innenhöfen, wo Bänke aufgestellt wurden, herrschte bald ein grosses Palaver. Wie ein roter Faden zog sich das Wort «Mission» durch die Gespräche hindurch.

Thomas Harder | © Vera Rüttimann

Mission, warum und wofür? Und: Was hat es damit heute auf sich? kath.ch ging auf Stimmenfang: Thomas Harder, Unternehmer und Präsident der Katholischen Kirchgemeinde Frauenfeld, sagte: «Das Missionarische ist wichtig in dieser Zeit. Man muss den Leuten sagen, was die Botschaft von Jesus ist.»

Bernard Schubiger | © Vera Rüttimann

Bernard Schubiger, Pfarrer in Murten, betonte: «Missionarische Arbeit kann man nur machen, wenn man sich vom Heiligen Geist inspirieren lässt. Wenn man sich selber sendet, dann klappt das überhaupt nicht.»

Schwester Kathrin Hegglin ist aus dem österreichischen Vorarlberg angereist. Sie gehört dem Dominikanerinnen-Kloster Sankt Peter in Bludenz an.

Kathrin Hegglin | © Vera Rüttimann

Für die Schwester sind die vielen Gäste, die dieses Kloster aufsuchen,  ihre Mission. «Ohne Freundeskreise und Menschen, die mit uns beten, ist jedoch nichts möglich», sagte sie. Ein Ordensmann erklärte, dass Kirche «von kleinen Zellen und Einheiten lebt».

Für den emeritierten Basler Weihbischof Martin Gächter bedeutet Mission, «rauszugehen zu den Menschen.» So wie es Papst Franziskus tat, als er sich einst mit seinem Stuhl auf den Peterslatz setzte und den Leuten zuhörte. Vor allem Unbekannten.

Weibischof Martin Gaechter | © Vera Rüttimann

Martin Gächter: «Wir haben in der Kirche die Tendenz, nur die Leute um uns zu haben, die wir kennen. Dabei geht es darum, die zu gewinnen, die noch nicht mitmachen, und ihnen die Freude der christlichen Botschaft zu bringen.»

Wie geht Kirchen-Erneuerung?

Wer auf Mission setzt, setzt auf eine erneuerte Kirche, die viele Gestalten haben kann, wie die Gespräche in den Gängen des Klosters zeigten. Neben Otto Neubauer, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien, und dem kanadischen Priester James Mallon war Christian Hennecke der dritte Vortragsredner am Nachmittag.

Der Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim und Buchautor hinterfragte vor allem Kirchenbilder, die viele in sich tragen. «Sie können Bremsklötze bei der Erneuerung der Kirche sein», weiss der bekannte Buchautor.

«Das Kreuz steht auch für Auferstehung und Neubeginn.»

Christian Hennecke

Es ging ihm erst einmal darum, mit dem Gedanken aufzuräumen, dass es  bei der Mission zuerst um das Säen gehe, erst dann um das Ernten. Wie aufgezeigte Bibelstellen verdeutlichten, verhalte es sich umgekehrt: «Die Jünger werden von Jesus gesendet zur Ernte, weil da schon etwas da ist: Die innere Vorbereitung und die Offenheit der Menschen für das Reich Gottes.»

Weiter sprach sich Christian Hennecke dagegen aus, beim Kreuz, das für Tod, Krise und Ende stehe, passiv stehen zu bleiben. «Das Kreuz symbolisiert nicht nur, dass etwas zu Ende geht. Es steht auch für Auferstehung und Neubeginn.» Der Gast aus Norddeutschland betonte: «Wirkliche Erneuerung lebt aus einer energetischen Leidenschaft, die nicht von selber kommt.»

Christian Hennecke, Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim, Sternstunde Religion-Moderatorin Olivia Röllin, Charlotte Küng-Bless, Seelsorgerin in der katholischen Kirche Rorschach, Otto Neubauer, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien im Theatersaal im Kloster Einsiedeln. (v.l.) | © Vera Rüttimann

Auch mit dem Begriff «Volkskirche» räumte Christian Hennecke auf: «Die Kirche macht einen grossen Wandel durch. In Europa kann man nicht mehr von einer Volkskirche sprechen.» Es sei deshalb nicht damit getan, das Haus der Kirche bloss zur renovieren. Viele Menschen, so der Referent, hätten nie eine relevante Beziehung mit Jesus gehabt. Wo nichts da sei, könne man auch nicht renovieren. «Daher geht es um eine radikalen Neuanfang.»

Auch vom Mythos eines flächendeckenden Christentums gelte es Abschied zu nehmen. Den Begriff «Diaspora» konnotierte Christian Hennecke nicht negativ: «Christen in der Minderheit leisten vor Ort oft eine engagiert-kreative Arbeit. Daran ist nichts Negatives.»

«Die Leute reden dort über sich und ihr Leben.»

Otto Neubauer

Ihm geht es darum, sich frei zu machen von inneren Kirchenbildern, damit Kirche neu gelebt und aufgebaut werden könne. Kirche als Zeltexistenz? Er nannte in diesem Kontext die englische Bewegung «Fresh Expressions of Church», wo Kirche buchstäblich neue Räume erschliesst.

Mit Gott im Kaffeehaus

Diesen Ansatz griff auch Otto Neubauer, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien, auf, der sich zusammen mit Charlotte Küng-Bless, Seelsorgerin in der katholischen Kirche Rorschach, und Christian Hennecke an einem Abschlusspodium beteiligte. Otto Neubauer erzählte auf eloquente Weise, wie kirchliche Projekte in Wien mit Veranstaltungen in Bars und Kaffeehäuser gelingen könnten.

Er sagte: «Die Leute reden dort nicht über die immer gleichen heissen Eisen der Kirche, sondern über sich und ihr Leben.» Die Kirche sei dabei nahe an den Menschen, wenn diese in einem solchen Rahmen über existentielle Lebensfragen sprechen könnten.

Viel wurde an diesem Podium auch über die Krise in der Kirche gesprochen. Für Christian Hennecke ist Krise jedoch keine Katastrophe, nicht das Ende. Es gebe derzeit viele Ab-, Auf- und Umbrüche.

«Es ist ein Riss in allem, aber genau dort scheint das Licht hindurch.»

Leonard Cohen

Dabei gehe es darum, die Menschen auf diesem Prozess zu begleiten, damit er Früchte trage. Christian Hennecke zitierte aus einem Lied von Leonhard Cohen, das diesen Tag gut zusammenfasste: «There is a crack, a crack in everything. Thats how the light gets in»  – Es ist ein Riss in allem, aber genau dort hindurch scheint das Licht.

Abt Urban Federer zeigte sich über das grosse Interesse am Anlass erfreut und stellte in Aussicht, dass auch in Zukunft solche Tage der Inspiration und Ermutigung für in der Kirche verantwortliche und engagierte Personen stattfinden sollen.

Teilnehmer am Einsiedler Impulstag | © Vera Rüttimann
6. Oktober 2019 | 13:07
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