Gerhard Ludwig Müller | © Roberto Conciatori Photographer SBF
Schweiz
Gerhard Ludwig Müller | © Roberto Conciatori Photographer SBF

Kardinal Müller spricht über die Gottesfrage in Luzern

Luzern, 7.10.2016 (kath.ch) Wenn der oberste Glaubenshüter der röm.-kath. Kirche in die Schweiz kommt, ist dies ein Ereignis. Kardinal Gerhard Ludwig Müller hielt in der Luzerner Hofkirche die Otto-Karrer-Vorlesung 2016. Mit dem zeitlosen Thema «Die Gottesfrage – heute» unternahm er einen umfassenden Versuch, die philosophisch-theologische Debatte der vergangenen 300 Jahre aus dogmatischer Sicht aufzurollen. Das Publikum war sichtlich beeindruckt und etwas sprachlos.

Charles Martig

«Man muss halt den Leuten zeigen, dass man Kant gelesen hat», meint der Kardinal nach der Vorlesung beim Händeschütteln vor der Kirche. Er mischt sich unter die Gäste beim Apéro und zeigt sich volksnah. Teutonisch wirkt er, mit aufrechtem Gang und in die Aura des Kardinalspurpurs eingehüllt. Auf den ersten Blick gibt es etwas Unnahbares, das Müller jedoch mit seinem Charme überspielen kann. Er war Dogmatik-Professor in München, von 2002–2012 Bischof von Regensburg, bis er im 2012 zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt wurde, zum obersten Glaubenshüter im Vatikan. 2014 hat ihn Papst Franziskus «zum Kardinal kreiert», wie man kirchenintern die Übertragung der Kardinalswürde formuliert. Das Gewicht des Amtes liegt in jedem Schritt von Gerhard Müller. Aber auch die akademische Herkunft hat ihn nachhaltig geprägt.

Gott ist ein unausweichliches Thema

Angereist sind Bischof Vitus Huonder, Bischof Felix Gmür und Abt Urban Federer, um dem Präfekten der Glaubenskongregation die Ehre zu erweisen. Ebenso sind Vertreter verschiedener Fakultäten der Universität Luzern sowie der christlichen Kirchen in der Schweiz anwesend. Hinzu kommen 150 Zuhörerinnen und Zuhörer, die sich auf die Ausführungen des Kardinals einlassen. Aber es ist keine leichte Predigt, sondern ein ausgewachsener akademischer Vortrag, der in der Hofkirche gehalten wird.

«Gott ist ein lohnenswertes und unausweichliches Thema», eröffnet der Präfekt der Glaubenskongregation seine Überlegungen. «Gott gehört per definitionem nicht zum Universum … er ist der transzendente Grund von Allem.» Es gehe bei der Gottesfrage darum, den Sinn zu entdecken und zu verstehen, dass wir uns nicht selbst rechtfertigen müssen. «Es ist vielmehr so, dass Gott mich rechtfertigt, dass ich da bin, so wie ich bin.» Daraus leitet Müller das Bild eines gütigen und menschenfreundlichen Gottes ab.

Gegen den Atheismus und den absoluten Wissenschaftsglauben

So gibt Kardinal Müller in seiner 60-minütigen Vorlesung einen religionsphilosophischen Überblick mit historischen Reminiszenzen, von der Religionskritik des 18. Jahrhundert bis in die neuste Zeit. Er schreitet das Feld mit Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit ab. Er wendet sich dabei gegen den absoluten Wissenschaftsglauben unserer Zeit, den empirischen Naturalismus und den agnostischen Relativismus. Beim aufmerksamen Hören sind viele theologische Leitmotive zu entdecken, die bereits Papst Benedikt XVI. verfolgt hat, insbesondere die Debatte um Glaube und Vernunft.

Was Kardinal Müller stark beschäftigt ist der Atheismus, der einen «radikalen Immanentismus» betreibe. Dabei gehe es um ein Weltverständnis, das nur innerhalb des Bestehenden und empirisch Wahrnehmbaren bleibt: «Ich glaube nur das, was ich sehe». Müller benennt aber nicht nur die Grenzen dieser wissenschaftlichen Weltanschauung. Er nennt auch die Auswirkungen der Neurophysiologie, den existentiellen Nihilismus und die «kollektive Depression» als Krankheiten der Moderne. «Gott ist die Liebe: Das ist die Antwort auf den postulatorischen Atheismus.» Es gebe also einen Ausweg aus der «Tragödie des Menschen ohne Gott».

Chance für die Theologische Fakultät

Wenn das Ökumenische Institut Luzern gemeinsam mit der Otto-Karrer-Gesellschaft einlädt, wäre eigentlich ein ökumenisch offener Beitrag zur Theologie zu erwarten. Dieser Erwartung entspricht der Vortrag von Kardinal Müller nur teilweise. Das Publikum ist nach dem Referat über das allumfassende Thema – schliesslich geht es um «Gott» – sichtlich beindruckt und etwas sprachlos. Martin Mark, Dekan der Theologischen Fakultät, ist überzeugt: «Wir nutzen die Vorträge – und dieses Jahr insbesondere die Präsenz von Kardinal Müller – als Gelegenheit zum Auftritt in der Öffentlichkeit.» Er sieht die jährliche Otto-Karrer-Vorlesung, bei der 2015 der Herzchirurge Thierry Carrel oder 2010 Ernst Ulrich von Weiszäcker eingeladen waren, als eine Chance für die Theologische Fakultät.

Webseite zu den Otto-Karrer-Vorlesungen an der Universität Luzern

 

Kardinal Gerhard Ludwig Müller in Luzern | © 2016 Roberto Conciatori Photographer SBF
Kardinal Gerhard Ludwig Müller in Luzern | © 2016 Roberto Conciatori Photographer SBF
Kardinal Gerhard Ludwig Müller in Luzern | © 2016 Roberto Conciatori Photographer SBF
Kardinal Gerhard Ludwig Müller in Luzern | © 2016 Roberto Conciatori Photographer SBF
Kardinal Gerhard Ludwig Müller in Luzern | © Roberto Conciatori Photographer SBF
Kardinal Gerhard Ludwig Müller in Luzern | © Roberto Conciatori Photographer SBF

Otto-Karrer-Vorlesung

Der katholische Theologe und Seelsorger Otto Karrer (1888–1976) hat als «Theologe des Aggiornamento» wesentlich zum ökumenischen Bewusstsein in der Kirche beigetragen. Durch Schriften, ökumenische Anfänge in Sigriswil am Thunersee und anderswo wurde er zu einem Pionier der Ökumene in der Schweiz. Die Otto-Karrer-Vorlesungen möchten die Erinnerung an Person und Werk Otto Karrers wach halten und zugleich den ökumenischen Gedanken in Theologie und Kirche weitertragen. Die Otto-Karrer-Vorlesung ist eine Kooperation zwischen dem Ökumenischen Institut Luzern unter der Leitung von Wolfgang W. Müller und der Otto-Karrer-Gesellschaft.

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