Ausland

Kardinal Husar: «Russische Kirche sucht Nähe zu Putin wie in Zarenzeit»

Kiew, 2.10.15 (kath.ch) Das frühere Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche, Kardinal Lubomyr Husar, hat die Anlehnung der orthodoxen Kirchen des Moskauer Patriarchats an die Politik Wladimir Putins kritisiert. «Wie unter dem Zaren» sei die russische Kirche derzeit stark um ein Nahverhältnis zu den jeweiligen Machthabern bemüht.

Er halte diese Entwicklung für eine «grosse Tragödie», sagte der 82-jährige Husar in Lemberg (Lviv) gegenüber österreichischen Journalisten, die an einer von «Kathpress», der Agentur der österreichischen Katholischen Bischofskonferenz, gemeinsam mit der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche veranstalteten Pressereise teilnahmen. Die Ausrichtung an den politischen Gegebenheiten erfülle ihn mit «tiefem Leid», auch nach dem Ende der kommunistischen Sowjetära habe es diesbezüglich «keine Loslösung» gegeben. Husar äusserte sich bereits bevor der Moskauer Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der russischen Orthodoxie, die Militärintervention Russlands in Syrien als einen Schritt in Richtung Friede und Gerechtigkeit in der Krisenregion bewertete.

Differenzen auch in der Ukraine

Eine Kluft in der Einschätzung der Kriegshandlungen in der Ostukraine gibt es auch zwischen der dem Moskauer Patriarchat angehörigen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche und den anderen grossen christlichen Kirchen der Ukraine: Die Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskaus spricht im Blick auf die Kämpfe zwischen Separatisten und ukrainischer Armee von einem «Bürgerkrieg», die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats, die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche sowie die mit Rom unierte Ukrainische Griechisch-katholische Kirche betrachten den gewaltsamen Konflikt als Ausdruck einer «russischen Aggression».

Kardinal Husar, der in der Ukraine hohes Ansehen geniesst  und laut einer Umfrage die ukrainische Persönlichkeit mit den höchsten Vertrauenswerten ist, bewertete den russischen Einfluss auf die Ukraine äusserst negativ. Nach der politischen Wende sei die Ukraine ein «verwundetes Volk» gewesen, die UdSSR habe die «Unkultur der Korruption» als Erbe hinterlassen. Erst die die Volksrevolution 2013 (Maidan-Bewegung), in die sich Husar mit Aufrufen zum Gewaltverzicht einbrachte, habe der Ukraine neues Selbstbewusstsein verschafft. Heute versuche Russlands Staatschef Putin seine Machtsphäre wieder auf die Ukraine und andere Staaten auszudehnen, er wolle «Herr über Europa» sein.

Angst vor einem dritten Weltkrieg

Husar warnte die westliche Welt vor einer «Appeasement-Politik» gegenüber Putin, dieser müsse vielmehr in die Schranken gewiesen werden. «Solche Leute reagieren nur auf Druck», erklärte der greise Kardinal. Er gestand, angesichts der wachsenden Aggressionen Russlands «Angst vor einem dritten Weltkrieg» zu haben.

Zur angespannten ökumenischen Situation in der Ukraine sagte Husar, die anfangs an das Patriarchat in Konstantinopel angelehnte Kiewer Kirche gebe es seit 1000 Jahren, seit den Zeiten der «Kiewer Rus». Es sei sein Traum, dass die heute in drei Konfessionen geteilte Orthodoxie in der Ukraine und auch die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche «langsam zueinander finden». Erst im Sommer scheiterten allerdings Pläne zu einem Zusammenschluss der beiden vom Moskauer Patriarchat abgespaltenen orthodoxen Kirchen durch ein Vereinigungskonzil in der berühmten Kiewer Sophienkathedrale. (kap)

Vladimir Putin bei einem Treffen mit Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland | © keystone tass Alexei Nikolsky
2. Oktober 2015 | 16:41
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