Die Taizégruppe aus Wil SG in Akko | © 2015 Andrea Krogmann
Ausland, Schweiz
Die Taizégruppe aus Wil SG in Akko | © 2015 Andrea Krogmann

Junge Schweizer treffen in Israel junge Araber-Christen im schwarzen Mini

Ibillin/Wil SG, 10.2.15 (kath.ch) «Kyrie eleison» tönt es vorsichtig und nach Taizé-Manier aus dem Mittelschiff, ungewohnte Klänge in der orthodoxen Sankt-Georgs-Kirche in Ibillin. «Kyrie eleison» in orthodox vertrauter Art tönt es zurück vom Pult des Vorsingers, bevor Taizé zehn weitere Male den bunt ausgemalten Kirchenraum durchdringt. Die «Verursacher» der unorthodoxen Töne: Elf junge Schweizerinnen und Schweizer aus Wil SG. Sie sind gekommen, um eine Woche lang arabisch-christliche Altersgenossen kennenzulernen und über die Lieder aus Taizé einander singend näherzukommen. «Raus aus meiner Komfortzone, rein ins kalte Wasser», sagt Melanie (23), alles, nur «keine stinknormale Touristenreise!».

Andrea Krogmann

Eigentlich hätten sie eine Gruppe arabischer Altersgenossen treffen sollen, doch die sind an diesem Samstagabend kaum vertreten. Gesungen hingegen wird viel, wenn auch nicht gemeinsam. Es ist ein langsames Herantasten, sagen die Gemeindeleiterin Sabine Leutenegger und der Theologe Karl Hufenus, die die Gruppe begleiten. Die eingängigen Melodien von Jacques Berthier, die in Europa viele Christen über Kultur- und Sprachgrenzen verbinden, «haben bei den Griechisch-Orthodoxen wahrscheinlich nicht so eine grosse Tradition», vermutet Sabine Leutenegger. Ob sich die ursprüngliche Idee eines gemeinsamen Taizégebetes in Ibillin realisieren lässt, ist sie sich auf einmal nicht mehr so sicher. «Wenn du in so einer Nische lebst», sagt sie, «bist du vielleicht nicht so beweglich, mal was anderes als das Vertraute zu machen.»

Ein bisschen Enttäuschung schwingt in der Stimme. Die Zuversicht behält die Oberhand. «Bis jetzt, habe ich das Gefühl, hat uns die arabische Gastfreundschaft so fest im Griff, dass eigentlich sie uns betreuen, statt dass wir etwas einbringen. Aber es kommt langsam, wir sind daran, den Kontakt zu den Jugendlichen hier vor Ort aufzubauen.» «Es braucht Zeit», sagt auch Karl Hufenus und spricht von Mentalitätsunterschieden und Missverständnissen. «Zum Beispiel denken manche Menschen hier, wir seien ein Chor, der gekommen ist, um Konzerte zu geben. Das sind wir nicht, wir sind hier, um mit den jungen Christen in Kontakt zu kommen, und zwar nicht auf rein rationaler Ebene, sondern über Taizé und das gemeinsame Singen.»

Orthodoxer Gottesdienst «wie Bollywod»

Hier die wohlüberlegte Theorie zum interkulturellen Dialog, dort der Schock ob der fremden Kultur: «Praktisch der ganze Gottesdienst wurde gesungen, mega fremd», sagt Nathalie. Für die Zwanzigjährige ist es wie für die meisten ihrer Kollegen der erste orthodoxe Gottesdienst, und «ein bisschen» fühlt sie sich «an Bollywood» erinnert. «Sehr speziell, weil man nichts versteht», findet auch Kollegin Olivia (21), «aber das ständige Singen kam mir schon ähnlich vor wie Taizé».

Mag das Ankommen in der Realität für manchen auch etwas abrupt sein, genau das – ihre Realität – ist es, was die jungen Christen aus Ibellin mit ihren Gästen teilen wollen. «Nicht alles, was man im Fernsehen so über uns erzählt, ist richtig. Drum ist es gut, wenn sie kommen und selber sehen!», formuliert es Mousa, der in seiner Familie zwei Schweizer Gäste aufgenommen hat. Über die Medien, sagt der 24-Jährige, hat man den Eindruck alle Araber seien Muslime. Aber es gibt auch «uns Christen». «Wer in Europa das Wort Araber hört, denkt an Vollverschleierte, die noch im letzten Jahrhundert leben», grinst Ansam. Ihre selbstbewusste Botschaft für die jungen Schweizer: «Wir arabische Christen leben modern, wir interessieren uns für die Welt und es gibt viele wunderbare Menschen hier!» Im schwarzen Minikleid ist die 21-Jährige der lebende Beweis. «Eigentlich sind wir nicht sehr verschieden voneinander», konstatiert Jasmin (22) überrascht. Ein Vorurteil mehr, das abgebaut wurde.

Mousa und Ansam sind gegenüber der Schweizern im Vorteil: Es ist nicht das erste Mal, dass sie Gäste aus fremden Ländern empfangen. «Es ist immer schön, Menschen in dein Haus einzuladen. Ich lerne jedes Mal etwas Neues, auch über mein eigenes Land», sagt Ansam. Mousa legt den Massstab, den er an die Schweizer Gäste hat, auch an sich selber an: «Auch was ich im Fernsehen über die Schweiz sehe, könnte falsch sein – ich muss also fragen, wie sie wirklich leben.» Mit jedem Besuch, sagt er, verändern sich Ibillin und seine Bewohner: «Meine Eltern waren vor den ersten Gästen sehr skeptisch, ob das gut gehen werde. Heute fragen sie, wann die nächste Gruppe ansteht, um Gäste bei uns aufzunehmen.»

Diese Freude über den Besuch kommt rüber, findet Luca, der nach vier Monaten in Uganda bei der Ankunft in Tel Aviv seinen eigenen Kulturschock verarbeiten musste. «Es ist nicht so wir in den Medien. Und es gibt viele Menschen mit interessanten Geschichten. Sie haben das Bedürfnis, uns die Wahrheit zu zeigen, und ich bin da, um die Wahrheit zu sehen.»

Grosse Gastfreundschaft «fast unangenehm»

Auch jene, die sich wie Melanie (23) «Mühe gegeben haben, möglichst ohne Vorstellungen zu kommen», sind überrascht: über die grosse Gastfreundschaft, die anzunehmen «manchmal fast unangenehm» ist, über den Wert der Familie, «der hier viel besser gelebt wird als bei uns» und darüber, wie präsent das Thema Religion ist. «Religionsfreiheit, wie wir sie kennen, gibt es hier kaum», konstatiert Luca. «Du bist in Deine Religion geboren und hast sie ein Leben lang.»

Programmänderungen hin oder her. Das Gespräch zwischen den jungen arabischen Christen und ihren Schweizer Gästen finden seinen Weg auch ohne Organisation. Und schliesslich, sagt Ansam «sind sie ja auch hier, um Spass zu haben». Wer «seine eigenen Bedürfnisse zurücknimmt und einfach mit den Leuten mitgeht, der kann viel profitieren, weil sie einem viel zeigen», sagt Luca, eine Lehre, die er aus Afrika mitgenommen hat. Und letztlich ist das auch eine Pflicht. «Man ist schliesslich Gast.»

Den jungen Schweizer hat «der Brennpunkt Israel» gepackt: Wenn seine Kolleginnen und Kollegen am 15. Februar zurück in die Schweiz fliegen, wird er für weitere sechs Wochen das Land bereisen. Was genau er in dieser Zeit machen wird, weiss Luca noch nicht, aber sicher «noch viel von den Menschen hier erfahren und selber sehen, wie die verschiedenen Religionen hier zusammenleben!» (ak)

Jugendliche aus Wil in der Georgskirche in Ibellin | © 2015 Andrea Krogmann
Jugendliche aus Wil in der Georgskirche in Ibellin | © 2015 Andrea Krogmann
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