Jerusalem: Dauerzwist im Abendmahlsaal, wo laut Bibel der Heilige Geist erschienen war

Jerusalem, 24.5.15 (kath.ch) Eucharistie, Priesteramt und Heiliger Geist: Selbst für das mit heiligen Stätten reich gesegnete Jerusalem ist der Abendmahlssaal ungewöhnlich bedeutungsschwanger. Mit der muslimischen und jüdischen Verehrung als Grabstätte König Davids ist er zugleich Beispiel par excellence für das komplexe Über-, Neben- und Durcheinander in der Heiligen Stadt. Auf dem Zion droht erneut Streit um die religiöse Deutungshoheit: Am Wochenende gedenken Juden zu «Schawuot» der Geburt und des Tod König Davids. Eine radikale Minderheit unter ihnen warnt vor Profanierung der Stätte durch christliche Pilgermassen zu Pfingsten.

Andrea Krogmann

Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden, heisst es in den biblischen Berichten zu Pfingsten. Gebetet werden wird viel am kommenden Wochenende, auch zu Reden gibt der Ort des Geschehens. Nur von Eintracht fehlt jede Spur. Stattdessen gilt viel Fehlinformation: Tausende Katholiken planten während «Schawuot» eine Krönungszeremonie für Franziskanerkustos Pierbattista Pizzaballa, kritisierte Rabbinergattin und Davidsgrabaktivistin Joheved Grossman und warnte gegenüber dem nationalistischen Sender «Arutz 7» vor Götzendienst. Bereits während Pessach habe Pizzaballa eine Zeremonie mit Weihrauch durchgeführt, dagegen helfe nur, die Zahl der jüdischen Besucher von 40.000 im Vorjahr zu verdoppeln und so Israels Souveränität über die Stätte zu zeigen.

Man werde präsent sein und Konflikte vermeiden, reagierten Polizeivertreter auf Anfrage. Wie heikel der Ort für Religionsfrieden und Sicherheit ist, zeigt nicht zuletzt eine neue Polizeistation im Herzen des Gebäudekomplexes. Christenvertreter nehmen die verstärkte Sicherheitspräsenz zur Kenntnis. «Was es hier braucht, ist die Umsetzung bestehender Gesetze», erklärt Pater Athanasius Macora, bei den Franziskanern für Fragen des «Status Quo» zuständig. Das «eigentlich» im Unterton ist schwer zu überhören. Würden das Gesetz umgesetzt und die Interessen der Minderheiten geschützt, glaubt der Franziskaner, «gäbe es keine Schwierigkeiten».

Vandalistische Übergriffe

Wiederholt war es in den vergangenen Jahren zu vandalistischen Übergriffen auf christliches Eigentum bis hin zur Brandstiftung und Fällen schwerer Körperverletzung gekommen. Eine Strafverfolgung der mutmasslich jüdischen Täter erfolgt in der Regel nicht. «Es ist leider festzustellen, dass die Ermittlungen der Polizei bei bestimmten Tätergruppen phlegmatisch verlaufen», kritisierte auch der Sprecher der benachbarten Dormitio-Abtei, Nikodemus Schnabel, nach dem Brandanschlag auf die Klosterkirche im vergangenen Mai gegenüber der KNA.

Pilgerstätte dreier Religionen

Dass der Gebäudekomplex heute eine der wichtigsten Pilgerstätten der drei Religionen ist, wie der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilus III. bei der Einweihung der neuen Polizeistation betonte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Legende der Kreuzfahrer, dass sich unter dem Abendmahlsaal das Grab König Davids befinde, führte schliesslich zu dessen Umbau zu einer Moschee. Zum beliebten jüdischen Pilgerziel wurde «Davids Grab» erst nach 1948 und eigentlich auch nur als Ersatz – weil Juden bis zur Eroberung der Altstadt 1967 Juden keinen Zugang zur Klagemauer hatten. Historisch ist das Davidsgrab mehr als fragwürdig. «Die Verbindung zur jüdischen und zur muslimischen Tradition ist künstlich. Die Rede von friedlicher Koexistenz erodiert unser Narrativ», schlussfolgert Pater Athanasius. «Unsere Position ist klar: Es ist unsere heilige Stätte, und wir wollen sie zurück.»

Vatikan und Israel verhandeln seit Jahren über Saalnutzung

Kustos Pizzaballa weilt derzeit am Generalkapitel seines Ordens in Italien, bei seiner weihrauchgeschwängerten «Krönungszeremonie» handelt es sich um die zweite Vesper zu Pfingsten – und damit neben der Gründonnerstagsfeier dem einzigen liturgischen Rest, der den einstigen Besitzern des Ortes geblieben ist. Ob und wie weit die gottesdienstliche Nutzung des Saals durch Christen künftig ausgeweitet wird, diese Frage ist Teil der langjährigen Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Israel. Doch allein von bestimmten Kreisen immer wieder gezielt gestreute Gerüchte um eine mögliche Rückgabe der Stätte in christliche Hände schüren regelmässig den Konflikt. Den unter Kontrolle zu halten, hat die Polizei nun zusätzlich Stellung bezogen – in ehemaligen franziskanischen Räumen im früheren Kreuzgang, auch dies wohl eine Ironie der Geschichte. (kna)

24. Mai 2015 | 11:45
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