Schweiz

Schweizer Zeichner karikieren lieber «katholische Würdenträger» statt Islam

Zürich/Basel, 15.1.15 (kath.ch) An allen Kiosken Frankreichs – und seit Donnerstag auch in der Schweiz – gibt es einen Ansturm auf die neuste Ausgabe der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Das Titelblatt mit einen weinenden Mohammed sorgt weltweit für Zündstoff. Wo beginnt Blasphemie? Wo endet die Meinungsäusserungsfreiheit? In einer Umfrage von kath.ch verteidigen Schweizer Karikaturisten reformierter und katholischer Medien die Mohammed-Karikatur von «Charlie Hebdo» und gestehen freimütig: Auch wir haben eine Schere im Kopf.

Barbara Ludwig

Der reformierte Theologe, Bibelwissenschaftler und Karikaturist Albert de Pury, der für reformierte Schweizer Medien zeichnet, hält die Karikatur auf der Titelseite der neusten Ausgabe von «Charlie Hebdo» nicht für blasphemisch. Die Zeichnung zeigt Mohammed, der eine Träne vergiesst und wie die Demonstranten der letzten Tage ein Schildchen mit der Aufschrift «Je suis Charlie» hält. Die Überschrift lautet: «Tout est pardonné» (Alles ist verziehen).

Obwohl er die Botschaft nicht ganz verstehe, findet der in Basel lebende Westschweizer die Karikatur «herzig». Mohammed werde als «gutmütiger, armer Tropf» dargestellt, sagt de Pury gegenüber kath. Auch die Zeichnerin Monika Zimmermann findet die Mohammed-Karikatur «nicht beleidigend». «Götter und Propheten ärgern sich über ganz andere Dinge», so die Zürcherin gegenüber kath.

«Bosheit oder Wut nicht dämpfen»

Seit dem Attentat auf «Charlie Hebdo» ist in Europa eine Blasphemie-Diskussion über Gotteslästerung als Straftat entflammt. In der Schweiz fordern die Freidenker die Abschaffung von Artikel 261 im Strafgesetzbuch, der die Verspottung des Glaubens verbietet. Damit stehen sie bislang alleine da.

Zur Frage, ob Artikel 261 im Strafgesetzbuch abgeschafft werden sollte, will der Theologe de Pury nicht Stellung nehmen. Er gibt aber unumwunden zu, dass er mit einer Schere im Kopf arbeitet. Dies führe aber nicht dazu, dass er seine «Bosheit oder Wut» «dämpfen» müsste. «Karikaturen müssen bissig sein, aber nie verächtlich.» Er zeichne oft so, dass der Leser es auf verschiedene Weise interpretieren kann. Gute Zeichnungen seien «mehrdimensional».

Auch Monika Zimmermann, die für katholische Medien zeichnet, kennt die Schere im Kopf. «Einerseits habe ich eigene Werte, die Grenzen definieren, andererseits überlege ich mir schon, was Auftraggeber und Lesende verkraften können. Ich versuche es eher mit spielerischem, feinem Humor als mit krassen Tabubrüchen.» Für sie ist es wichtig, sich «kompetent genug» zu fühlen, um sich zu etwas zu äussern. «Wenn ich keine Ahnung habe, lasse ich die Feder davon.»

«Bis zu einem gewissen Grad» arbeite auch er mit einer Schere im Kopf, sagt ebenfalls der bekannte Tagesanzeiger-Karikaturist Felix Schaad im Video-Interview von kath.ch, das am kommenden Wochenende erscheint. «Das machen alle», ist er überzeugt. Er selber versuche immer, etwas «elegant» zu sagen, «nicht immer direkt durch die Wand». Man könne vieles «indirekt» ausdrücken oder nur «andeuten».

Feder gegen «groteske katholische Würdenträger»

Zimmermann sagt, grundsätzlich sei keine Religion für sie tabu. Aber: «Am besten lacht oder jammert sich über die eigene Religion.» Thema sei für sie weniger die Religion an sich, sondern der damit verbundene «Machtapparat und dessen Dogmatismus». Hier hat Zimmermann, selber Katholikin, die eigene Religionsgemeinschaft im Visier. «Einige katholische Würdenträger gebaren sich so grotesk und abgehoben, dass ich den Eindruck habe, sie betreiben ‘Selbstkarikatur’.» Zwar könnte man einfach darüber lachen, aber leider würden die Würdenträger damit auch Menschen verletzen. «Darauf möchte ich reagieren», sagt Zimmermann. Als Mitglied der katholischen Kirche fühle sie sich dazu nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet.

Zeichnung zum Islam unter Verschluss

De Pury, der unter anderem interreligiöse Karikaturen zeichnet, sagt ebenfalls, keine Religion sei vor seiner Feder sicher. Er hat auch schon eine Karikatur zum Islam gemacht. Diese hält er aber unter Verschluss. «Wenn sie nicht verstanden werden kann, dann möchte ich sie nicht veröffentlichen», erklärt er. Was das Judentum betrifft, hat der Theologe offenbar weniger Hemmungen: Eine seiner Zeichnungen, die im «Kirchenboten» publiziert wurde, zelebriert den jüdischen Humor. «Es ist wichtig, dass man über Witze in anderen Religionen lachen darf.» (bal)

Gottesdienst auf dem Bauernhof | © Monika Zimmermann)
15. Januar 2015 | 14:00
Teilen Sie diesen Artikel!