Teilnehmerinnen arbeiten an Positionspapieren zur muslimischen Jugendarbeit. | © Barbara Camenzind
Schweiz
Teilnehmerinnen arbeiten an Positionspapieren zur muslimischen Jugendarbeit. | © Barbara Camenzind

In der muslimischen Jugendarbeit tut sich etwas

Rebstein SG, 3.5.17 (kath.ch) Die muslimische Jugendarbeit ist mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, aber es gibt sie. Dies zeigte am vergangenen Samstag ein Weiterbildungsworkshop in der albanischen Moschee in Rebstein. Eingeladen hatten das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) und der Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo).

Barbara Camenzind

Vielfalt, Koordination und gesellschaftliche Wahrnehmung: Drei Begriffe, welche die Jugendarbeit  prägen und beschäftigen. Die meisten grossen religiösen Gemeinschaften in der Schweiz sind aktiv, engagieren sich sehr sorgsam und bündeln Kräfte für die Jugendarbeit. Das stellten die Digo-Vertreter Leijla Medii und Bekim Alimi sowie Andrea Lang vom SZIG schon in der Einladung fest. Für den Workshop mit dem Titel «Muslimische Jugendarbeit in der Ostschweiz. Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen» hatten sie ein breitgefächertes Programm vorgesehen: Mit der Vorstellung verschiedener Angebote für Jugendliche öffneten sie das Feld von der städtischen Jugendarbeit, den Erfahrungen aus den einzelnen Moscheen bis hin zur kirchlichen Jugendarbeit am Beispiel der katholischen Landeskirche. Rund ein Dutzend vorwiegend junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten am Workshop mit.

Junge wollen Räume selber gestalten

Die eher kleinstrukturierte, ländlich geprägte Ostschweiz verfügt nur über wenige Ballungszentren, in denen Angebote gebündelt werden. Die meisten Moscheen sind ethnisch getrennt, die Herkunftssprache bestimmt die Gemeinschaft. So sind auch die Angebote für die Jugendlichen eher auf die Traditionen des Herkunftslandes zugeschnitten. Das bedauerten sowohl die Referenten wie die Teilnehmenden.

Adem Kujovic stellte mit «UMMAH-Muslimische Jugend Schweiz» ein Projekt vor, welches mit seinen Lagern und Aktivitäten gesamtschweizerisch agieren will, im Moment aber noch vor allem vom Kanton Zürich getragen wird. Der junge Thurgauer Multiplikator zeigte sehr scharfsinnig auf, wo die Herausforderungen liegen: Jugendliche aus muslimischen Familien werden auch von ihrer Umgebung geprägt, passen sich an, sind «schweizerischer» als die erste Einwanderergeneration oder entfernen sich immer mehr von religiösen Themen. Sie möchten mehr Eigenverantwortung übernehmen, aber auch einen Rahmen vorfinden, in dem sie ihre ganz besondere soziokulturelle Eigenheit leben können. Das hiesse konkret: Räume für Mädchen und Jungen, die sie selber gestalten können, in denen sie selber Themen setzen.

Gleiches Thema, andere «Baustelle»: Verena Kaiser vom Bistum St. Gallen sah deutliche Parallelen:  Auch die landeskirchlichen Jugendangebote stünden vor ähnlichen Herausforderungen. Junge Menschen hätten heutzutage öfters Berührungsängste, weil sie nicht gerne «missioniert» werden möchten. Dies beträfe auch offene Strukturen, die nicht so stark in den kirchlichen Kontext eingebunden sind, wie beispielsweise Blauring und Jungwacht.

Keine Angst vor heissen Eisen

Als Aussenstehende war man an diesem Tag im St. Galler Rheintal doch bass erstaunt, wie sich junge Musliminnen und Muslime organisieren und was geboten wird: Von studentischen Gruppen bis hin zur Organisation transeducation.ch, die ein breit gefächertes Themenspektrum bearbeitet und mit dem «Islamic Discussion Club» am Nerv der Zeit agiert. Der Kampf gegen die Islamophobie in der Schweizer Gesellschaft sowie interreligiöse Arbeitsprojekte, die der Radikalisierung junger Muslime vorbeugen wollen, sind die Arbeitsfelder der Plattform. Tugba Schussmann von transeducation.ch war es anzumerken, dass sie grundsätzlich keine Angst hat, heisse Eisen anzugreifen. Sie forderte Dialogbereitschaft, Ehrlichkeit und eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld «junges muslimisches Leben im Jahr 2017».

Die Sozialarbeiterin Hilal Iscakar, die das «offene Feld der offenen Jugendarbeit» in der Stadt St. Gallen präsentierte, konnte aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, jungen Menschen konstruktive Begegnungsmöglichkeiten jenseits religiöser Bindung zu bieten und sie in ihrer Identitätsfindung zu begleiten.

Vom Workshop zum interreligiösen Dialog

Die Teilnehmenden konnten mehr mit nach Hause nehmen als wertvolle Inputs der Referentinnen und Referenten. Die Jugendverantwortlichen der Ostschweizer Moscheen formulierten klar den Wunsch nach grösserer Vernetzung jenseits der ethnischen Grenzen und spürten deutlich, dass sie nicht allein sind mit den Herausforderungen. Gelder zu beschaffen, Zeitressourcen generieren, proaktiv auf die Jugendlichen zugehen, sowie mit manchmal etwas schwierigen konservativen Positionen umgehen, das müssen alle.

Die Einladung nach Rebstein brachte jedem auch einen berührenden Mehrwert: Immer wieder kurvte das Gespräch auf die verbindende Schlaufe zwischen Islam und Christentum. Die freundliche Atmosphäre in der wunderbaren albanischen Moschee war sehr inspirierend und lässt hoffen, dass in einer weltoffenen Schweiz junge Menschen fröhlich miteinander aufwachsen – und auch ihren Glauben leben können. Inschallah – so Gott will.

Schweizweit organisiert das SZIG in Zusammenarbeit mit muslimischen Organisationen 26 Workshops zu unterschiedlichen Themenfeldern, unter anderem zur muslimischen Jugendarbeit.

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