«In der Industrie wären wir die Abteilung Forschung und Entwicklung»

Solothurn, 15.5.17 (kath.ch) «Mir macht die Arbeit Spass, weil ich an der Entwicklung und Gestaltung der Kirche mitdenken kann», sagt Barbara Kückelmann. Sie ist seit vergangenem November eine der Pastoralverantwortlichen des diözesanen Pastoralamtes in Solothurn. Mitdenken heisst für sie: beobachten, planen, anregen und helfen.

Georges Scherrer

In der von Männern geprägten Kirche findet sie als Frau durchaus Freiräume, erklärt die 1959 geborene deutsch-schweizerische Doppelbürgerin im Gespräch mit kath.ch und ergänzt verschmitzt: «Die Frage, wie ich mich als Frau in der männerbeherrschten Kirche bewege, beschäftigt mich seit 31 Jahren. Solange bin ich in der Kirche tätig.» Sie habe sich entschieden, innerhalb der Strukturen zu schauen, «was man verändern kann». Und im Bistum Basel habe sie immer Stellen gefunden, «wo ich einen Spielraum hatte.»

Die Frage, wie ich mich als Frau in der männerbeherrschten Kirche bewege, beschäftigt mich seit 31 Jahren.

Für Frauen und auch für jene Männer, die sich nicht zum zölibatären Lebensstil verpflichten wollen, sei die Pfarreiarbeit eine «echte Herausforderung, weil sie vom Amt ausgeschlossen sind». Das habe direkte Konsequenzen beispielsweise bei der Gestaltung von Gottesdiensten. Denn die genannte Gruppe darf die Eucharistie nicht feiern. «Ich kann darum nachvollziehen, wenn Frauen sagen: In diese Institution gehe ich nicht rein.»

Trends beobachten, Tendenzen aufnehmen

Nach Anfängen als Pastoralassistentin im Baselbiet und als Erwachsenenbilderin im Aargau war Barbara Kückelmann zwölf Jahre lang Gemeindeleiterin in Bern, dann folgten vier Jahre in der Dekanatsleitung. Vergangenes Jahr berief Bischof Felix Gmür sie ins Pastoralamt nach Solothurn.

Was ist ein Pastoralamt? «Wenn wir in der Industrie arbeiten würden, dann wären wir die Abteilung Forschung und Entwicklung.» Der Vergleich hinke aber, ergänzt Kückelmann. Denn das Amt forsche nicht direkt.

Im Team mit vier weiteren Personen sei es ihre Aufgabe, «vorzudenken und darauf zu achten, was sich an verschiedenen Orten im Bereich der Seelsorge entwickelt». Dabei geht der Blick auch über den eignen Gartenzaun hinaus. Das Team des Pastoralamts will vermehrt beobachten, welche Trends und Tendenzen sich in der Gesellschaft  entwickeln und welche Bedeutung das für die künftige Pastoral im Bistum haben kann.

Vordenken und darauf achten, was sich an verschiedenen Orten im Bereich der Seelsorge entwickelt

Pastoral umfasst alle Formen der Seelsorge, «also was Menschen hilft, sie befähigt und ermutigt». Dazu gehören Gottesdienste und Liturgie. Auch die Sakramente und die Vorbereitung auf deren Empfang, Unterricht und Erwachsenenbildung, die Glaubensbildung. In die Seelsorge fallen auch Sozialarbeit und Migration. Letztere nimmt, wie Kückelmann herausstreicht, in der Kirche Schweiz einen breiten Raum ein, «weil sehr viele Katholiken und Katholikinnen einen Migrationshintergrund haben».

Der «PEP» bildet die Basis

Spitalseelsorge, Palliativ Care, Gefängnisseelsorge und Familienpastoral sind weitere Arbeitsfelder . Die vielen Aufgaben kann das Team nur bewältigen, indem es die Arbeit ressortmässig aufteilt und Schwerpunkte setzt. Dabei sind die Schwerpunkte, welche das Bistum Basel 2013 im Rahmen des Pastoralen Entwicklungsplans «PEP»  gesetzt hat, hilfreich: Taufe, Erstkommunion, Firmung, die sogenannten Initiationssakramente, die Glaubensbildung Erwachsener, der Dienst am Menschen (Diakonie) und schliesslich die Gemeinschaftsbildung.

Das Pastoralamt ist nicht operativ tätig im Sinn, als es Pfarreien und Pastoralräumen vorgibt, was dort zu tun ist. Das Team des Pastoralamts möchte den Verantwortlichen vor Ort, «welche nicht immer viel Zeit dafür aufwenden können», bei der «Ideensuche» helfen und Anregungen geben: «Wir sind keine Behörde, die sich was ausdenkt und dann von oben nach unten vorgibt», betont die Pastoralamtsleiterin, die seit Jahren schon Radiopredigerin bei SRF ist.

Nachdenken über das Danach

Dem Team ist Vernetzung wichtig. Am Beispiel des Lehrschreibens Amoris laetitia (Freude der Liebe), das Papst Franziskus vergangenes Jahr veröffentlichte, zeigt die Pastoralverantwortliche, wie das Team arbeitet. Massnahmen oder gar Lösungen kann es nicht alleine ausdenken.

Das Bedürfnis nach dem Empfang der Sakramente schwindet. Gleichzeitig sind neue Aufbrüche zu erkennen.

Darum sucht das Pastoralamt den Austausch mit verschiedenen Fachstellen innerhalb des Bistums, mit Engagierten in Pfarreien und Kirchgemeinden und fragt: «Wo gibt es Versuche und Aufbrüche? Was können wir weiterentwickeln, welche Angebote sind hilfreich in der Vielfalt von Familienrealitäten? Welche Vernetzung können wir fördern?» Überblick schaffen, Ideen bündeln und wieder zur Verfügung stellen: Das tut das Pastoralamt. Zuweilen auch das eine oder andere Projekt anreissen.

Freiwillige und Hauptverantwortliche

Wie sieht die Zukunft für die Kirche aus? Der heutige Trend zeigt, dass die Kirchenbindung in der Bevölkerung zurückgeht. Das Bedürfnis nach dem Empfang der Sakramente schwindet. Gleichzeitig sind neue Aufbrüche zu erkennen, betont Barbara Kückelmann. In diesem Zusammen hat das Pastoralamt, zusammen mit einer Pilotgruppe der Aargauer Landeskirche, das Projekt «Nahraum-Pastoral» gestartet.

Es geht den Fragen nach: Wie kann christliches Leben vor Ort geschehen? Wie können Menschen verbindlich als christliche Gemeinschaft unterwegs sein, wenn die Pastoralräume gross und nicht mehr jede Pfarrei einen eigenen Gemeindeleiter hat? Positiv heisst die Frage: Wie lebt «Kirche» an den Lebensorten der Menschen?

Dazu gehört ein aufmerksames Beobachten, wo es bereits Projekte gibt.

Das Pastoralamt beschäftigt sich darum mit der sich verändernden Rolle von Freiwilligen und Hauptverantwortlichen in der Kirche. Wer soll in Zukunft Verantwortung tragen? Bereits heute stelle sich die Frage, wie die künftigen Verantwortungstragenden in der Kirche vorbereitet, geschult und begleitet werden.

Gesellschaftsübergreifende Zusammenarbeit

Ihre Hauptherausforderung beschreibt die künftige Pastoralamtsleiterin mit den Worten: «Wo sind die Menschen mit ihren Lebensfragen, was beschäftigt sie, wofür setzen sie sich ein? Und wie wollen wir als Kirche darauf reagieren?» Dazu gehört ein aufmerksames Beobachten, wo neue gesellschaftliche Aufbrüche geschehen, oder wo es bereits Projekte gibt, etwa in Pastoralräumen oder mit kirchlichen Fachstellen, welche den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen oder zivilgesellschaftlichen Bewegungen ausprobieren und damit zukunftsweisende Schritte gehen.

Reorganisation in der Diözesankurie

Barbara Kückelmann | © Georges Scherrer
15. Mai 2017 | 08:15
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