Schweiz

Masken taugen beschränkt für kirchliche Botschaften

Hygienemasken schützen nicht nur ihre Träger, sie setzen auch Zeichen gegen aussen. Das sagt Peter Glassen, Dozent für Bildtheorie in Bern. Er warnt: Nicht alle Zeichen würden verstanden.

Georges Scherrer

Louis Vuitton, Dior, Zara – und wie die Modehäuser alle heissen – sind bereits aufgesprungen. Sie bieten gestylte Schutzmasken als Modeaccessoirs an. Auch im Internet ist das Geschäft angelaufen. Für 15 oder auch bedeutend mehr Franken gibt es die selbst gestaltete Schutzmaske. Im Angebot hat es Blümchen und andere Farbmotive.

Geliefert werden aber auch Masken, die bedruckt sind, etwa mit Sprüchen wie «stay home». Andere tragen den Namen eines Unternehmens oder einer Nationalität. So könnte «kath.ch» oder «swiss» auf dem Mundschutz stehen.

Statue trägt Schutzmaske mit #stayhome-Aufforderung.

Eine Maske hat zwei Gesichter

Solche Aufschriften können ihre Tücken haben, meint Peter Glassen. Der Berner Dozent für Bildtheorie warnt: «Eine Maske hat eine Dualität: Sie richtet sich nach innen und nach aussen.»

«Ich kann Kräfte eines fremden Wesens auf mich übertragen.»

Die Maske erlaube es, sich zu schützen, etwa vor fremden Blicken oder vor einem Virus. «Ich kann mit dem, was die Maske darstellt, aber auch die Kräfte eines fremden Wesens symbolisch auf mich übertragen. Dann sind wir bei den archaischen Ursprüngen der Maske.»

Expressive Botschaften

Sehr gut habe man das bei Polizisten im indischen Chennai gesehen, die Schutzhelme in Form des Covid-19-Virus trugen, um damit eindrucksvoll vor dessen Gefahr zu warnen, sagt Glassen, der an der Hochschule der Künste in Bern lehrt. Schwerpunkt seiner Arbeit sind die Semiotik (Zeichentheorie) und Ikonologie (Bildanalyse).

«Die Konsumgesellschaft hat diese Entwicklung für eigenen Zwecke monetarisiert.»

Moderne Beispiele von Maskenträgern sind der politisch aktive «Schwarze Block». Dessen Mitglieder würden ihr Antlitz verbergen, um nicht erkannt zu werden. Ganz anders die Anhänger des Cyberpunk: Dort werden die Masken getragen, «um dem eigenen Ich mehr Ausdruck zu geben«.

In bare Münze umgesetzt

Die Modebranche gewinne viel Anregung aus der Subkultur, sagt Glassen. Auch auf gesamtgesellschaftliche Trends reagiere sie. So wurde der dringliche Bedarf nach Schutzmasken, den die Corona-Pandemie hervorrief, «von den grossen Brands sofort aufgegriffen und für die eigenen Zwecke monetarisiert.»

Reiche Vielfalt an Hygienemasken in einem Schaufenster
Reiche Vielfalt an Hygienemasken in einem Schaufenster

Die Botschaften auf Masken kommen manchmal ganz pragmatisch daher. Wenn auf der Maske «Halte Abstand zu mir» stehe, dann sei dies ein sympathischer Hinweis auf Social Distancing, meint Glassen.

Christliche Botschaften

Masken könnten jedoch auch Botschaften tragen, die Ausdruck einer «polarisierten Gesellschaft» sind, gibt der Wissenschafter zu bedenken. Wenn die Gesichtsmaske als kostenloser Werbefläche für eine persönliche «radikale Botschaft» verwendet werde, dann könne dies Konflikte zusätzlich schüren, die im öffentlichen Raum ausgetragen würden.

«Die Bedeutungszuordnung liegt letztendlich beim Betrachter.»

Was Louis Vuitton darf, darf eigentlich auch die Religion. In der Schweiz veröffentlicht die «Agentur C» auf grossformatigen Werbeplakaten Bibelsprüche. Solche könnten auch Hygienemasken verzieren und so die christliche Botschaft der Agentur an die Öffentlichkeit tragen.

Peter Glassen, Semiotiker und Kunsthistoriker

Versteckte Botschaften

Religiöse Inhalte auf Masken wie ein Glaubensbekenntnis «Jesus schützt mich» würden auf eine übergeordnete Macht verweisen. Das könne bedeuten: Eine zusätzliche Macht schützt den Maskenträger. Glassen warnt aber: «Die Bedeutungszuordnung liegt letztendlich beim Betrachter.»

«Junge Leute sind bei Fragen der Cultural Appropriation hochsensibel.»

Ob die Botschaft, welche über eine Gesichtsmaske vermittelt werde, auf beiden Seiten gleich wahrgenommen werde, bleibe offen. «Jemand kann sich an der Aussage stossen, für jemanden anderen ist sie eine Einladung.»

Interpretationsschwierigkeiten

Glassen erlebe bei seinen Studierenden, «dass sie hochsensibel sind bei Fragen der Cultural Appropriation». Darum fordert der Dozent die Träger von individuell gestalteten Masken auf, «genau zu wissen, was die Symbolik bedeutet, welche sie an die Öffentlichkeit tragen, und auch, ob dessen Bedeutung provoziert oder im schlimmsten Fall gegen das Strafgesetzbuch verstösst».

«Ich erlebe in meinen Seminaren ein relativ geringes Wissen über religiöse Symbole.»

Christliche Symbole, die früher eine klare Botschaft transportierten, würden heute zum Teil anders interpretiert. «Ich erlebe in meinen Seminaren ein relativ geringes Wissen über religiöse Symbole.»

Kopftuch bzw. Schleier (Niqab) tragende Frauen in der S-Bahn in Mumbai, Indien

Ein Beispiel ist der Christen-Fisch. Für Christen hat das bekannte Fischsymbol eine klare Aussage. Den christlichen Fisch auf den Hecktüren von Autos würden manche Studierende jedoch eher «als schönes Zeichen einer Küstenregion» sehen.

Anfang der Kreativität

«Die Kreativität bei den Masken steht erst am Anfang.» Davon ist Glassen überzeugt. In verschiedenen Gegenden des Erdballs tragen Menschen Masken schon lange nicht als Schutz vor dem Coronavirus, sondern wegen der starken Umweltverschmutzung.

In Indien habe er eine wunderbare Kreativität bei der Herstellung dieser Schutzmasken erlebt. Und er schliesst: «In ein, zwei Jahren werden wir in Europa sehen, welche Entwicklung diese Masken genommen haben und wie stark dieses neue Medium von der Konsumkultur aufgesogen wurde.»

Gesichtsmasken in einem Schaufenster | © Georges Scherrer
23. Mai 2020 | 10:35
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Transparente Masken für Gehörlose

Menschen, die schlecht hören oder taub sind, sind auf die Lippen des Gegenübers angewiesen, wenn sie kommunizieren wollen. Für diese bedeute es eine extreme Herausforderung, wenn sich das Gesicht eines Gegenüber hinter einer Maske verberge und dessen Worte nicht von deren Lippen abgelesen werden könnten, sagt der Berner Wissenschaftler Peter Glassen. Der Bund für Gehörlose (SGB) setze sich deshalb in der Schweiz dafür ein, dass etwa in Spitälern transparente Masken getragen werden, die den Gehörlosen das Lippenlesen erleichtern. (gs)