Kruzifix in Fatima | © Dieter Schütz/<a href="http://www.pixelio.de" target="_blank">pixelio.de</a>
Schweiz
Kruzifix in Fatima | © Dieter Schütz/pixelio.de

Grosse Islam-Serie (III): Professor Schulze, was steht im Koran über Jesus und Maria?

Bern, 4.2.15 (kath.ch) In unserer Serie vom Montag, 2. Februar, bis Samstag, 7. Februar, antwortet Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler an der Universität Bern, täglich auf drängende Fragen zum grossen Buch der Muslime. Heute: Jesus und Maria im Koran.

Welche Rolle spielt Jesus im Koran?

Jesus hat die herausgehobene Position eines Propheten. Er gilt als das «Wort der Wahrheit»; er sei ohne biologischen Vater allein durch das Wort «sei» gezeugt, weshalb er mit Adam gleich sei. Die Jungfrauengeburt Jesu gilt als Wunder, auch sein Handeln wie die Erweckung eines Toten oder die Heilung eines Aussätzigen werden als Wunder verstanden. Und Jesus ist derjenige, der am Ende der Welt das jüngste Gericht ankündigt.

Gilt er im Koran auch als Gottes Sohn?

Nein, nach dem Verständnis der islamischen Tradition kann es das gar nicht geben. Gott ist absolut transzendent, das heisst, er offenbart sich nicht den Menschen in menschlicher Gestalt.

Was wird denn konkret aus der Jesusgeschichte erzählt?

Die Passionsgeschichte wird nur angedeutet. Der Koran erwähnt, dass Gott Jesus abberufen und in den Himmel gehoben habe, jedoch nicht am Kreuz. Vielmehr erschien es den Menschen nur so, als ob er am Kreuz gestorben sei. Später werden einige Exegeten daraus ableiten, am Kreuz sei jemand anderes, der Jesus ähnlich gewesen sei, getötet worden.

Kommt Maria auch vor?

Ja, es gibt eine Sure, die nach ihr benannt ist und die ausführlich über Maria berichtet: Gott habe ihr von seinem Geist eingehaucht und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Welt gemacht. Auch habe Gott sie vor den Frauen der Welt auserwählt.

Was bedeutet Maria für muslimische Gläubige?

Maria geniesst auch in der Frömmigkeit besonderes Ansehen. Als jungfräuliche Mutter Jesu gehört sie zu den von Gott auserwählten Menschen und als eine der «besten Frauen»; damit steht sie auf einer Stufe mit Khadija, der ersten Frau Mohammeds, und Fatima, Mohammads Tochter, und hat wie diese Vorbildsfunktion.

Welche anderen biblischen Geschichten werden im Koran erzählt?
Ausführlich werden vor allem die Geschichte von Abraham, Josef, Jonas und Mose erzählt. Der Koran greift in der Josefgeschichte auch die biblische Geschichte auf, wie der Brüderkonflikt, das Verbrechen an Josef und die Deutung von Träumen des Pharao. Zugleich aber gibt es Anpassungen der Erzählfiguren an einen bestimmten Stil, eine Verkürzung des Erzählten, neue Ausdeutungen der Erzählmotive und neue Erzählelemente. Abraham findet im Koran 69-mal Erwähnung und ist damit nach Mose die am häufigsten erwähnte biblische Figur. Allerdings wird er in zeitlich weit auseinanderliegenden und aus unterschiedlichen Anlässen herabgesandten Versen, die keine zusammenhängende Geschichte darstellen, erwähnt.

Gibt es Abweichungen von den biblischen Erzählungen?

Die Erzählsituation ist im Koran eine andere als in der Bibel, es wird nicht historisch erzählt wie in der Bibel. Die Erzählungen gelten als Beispiele, wobei an die die Erinnerung der Menschen in Mekka und Medina appelliert wird. Es wird also vorausgesetzt, dass die Zuhörer diese Geschichte kannten. Deshalb findet man selten eine zusammenhängende Gesamterzählung, sondern meist nur Verweise auf einzelne Aspekte der Geschichte, die in der Erinnerung der Zuhörer präsent war.

Vorschau:
Donnerstag, 5. Februar: Ruft der Koran zur Gewalt auf?

Bisher erschienen:
Montag, 2. Februar: Der Koran und der Weltuntergang.
Dienstag, 3. Februar: Der Prophet Mohammed.

Maria Lactans in der Kirche San Giovanni Decollato in Rom | © 2015 flickr Dan Diffendale
Maria Lactans in der Kirche San Giovanni Decollato in Rom | © 2015 flickr Dan Diffendale
News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum