«Gender-Themen kommen immer wieder auf den Tisch!»

Basel, 13.10.16 (kath.ch) Seit 25 Jahren gibt es die «Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen». Vorstandsmitglied Doris Strahm erzählt im Interview mit kath.ch, dass sich die IG vermehrt auch interreligiösen Themen öffnet, auch wenn Musliminnen den Begriff «Feminismus» scheuen.    

Sylvia Stam

Wozu braucht es die «Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen» heute noch?

Doris Strahm: Es braucht die IG, damit das, was feministische Theologinnen in Seelsorge und Forschung tun, sichtbar wird. Konkret heisst das: Sie betreiben Theologie aus einem feministischen Blickwinkel, sprechen aus ihrem weiblichen Erfahrungshorizont von Gott, lesen die Bibel aus dem Blickwinkel von Frauen, sprechen in einer liturgischen Sprache, die auch Frauen explizit anspricht.

Was tut die IG konkret?

Strahm: Einerseits gibt es jährliche Weiterbildungen für die 160 Mitglieder. So wurde etwa im Zusammenhang mit der PID-Abstimmung die Frage nach der Ethik am Anfang des Lebens gestellt. Ein ander Mal haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, wie Seelsorgerinnen damit umgehen, wenn in einer Familie Tod und Geburt zusammenfallen. Das nächste Thema wird öffentlich sein und sich mit der Frage nach der christlichen Identität in einer multireligiösen Gesellschaft befassen.

Unsere nächste Weiterbildung thematisiert christliche Identität in einer multireligiösen Gesellschaft.

Die IG arbeitet vermehrt auch mit dem Interreligiösen Think-Tank zusammen. Sie selbst sind in beiden Organisationen aktiv. Ist feministische Theologie für Jüdinnen und Musliminnen ein Thema?

Strahm: Die IG hat auch ein paar jüdische Mitglieder. Musliminnen sind bislang nicht dabei. In der Sache aber stehen uns Musliminnen wie Amira Hafner-Al Jabaji, die auch im Interreligiösen Think-Tank ist, durchaus nahe.

Die IG nimmt immer wieder auch öffentlich Stellung.

Strahm: Das ist ein zweiter Schwerpunkt der Arbeit der IG. Wir haben seit zwei Jahren eine Geschäftsstelle, die es ermöglicht, dass wir mehr inhaltliche Arbeit machen und häufiger Stellung nehmen können zu kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. So haben wir uns etwa zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln geäussert, aber auch zu Aussagen von Gottfried Locher zur Feminisierung der Kirche oder zum päpstlichen Schreiben «Amoris Laetitia».

Dies sind vorwiegend Reaktionen. Wo wird die IG aktuell selber aktiv?

Strahm: Im März 2017 veranstalten wir zusammen mit der Zeitschrift «Fama», dem Romero-Haus Luzern und dem interreligiösen Think-Tank eine Tagung zum Thema «Frauenrechte zwischen Religion, Kultur und Politik». Hier wird gefragt, unter welchen Bedingungen Religion neue Räume für die gesellschaftliche Teilhabe öffnet oder einschränkt.

Ein weiteres Schwerpunktthema ist der kirchliche «Anti-Genderismus». Wir planen gemeinsam mit dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund und anderen Organisationen die Herausgabe einer Broschüre zum Thema «Gender», welche sich an kirchliche Kreise richtet und aufzeigen will, was «Gender» wirklich meint. Ein Comic soll zum Lesen der Broschüre animieren. Dazu werden auf einer Website vertiefende Texte publiziert.

Wir planen mit andern zusammen eine Broschüre zu Gender, die sich an kirchliche Kreise richtet.

Das Interesse an feministischer Theologie ist heute deutlich kleiner als bei der Gründung der IG 1991. Woran liegt das?

Strahm: Das Interesse an religiösen Themen schwindet allgemein, die kirchliche Basis bricht weg und das merkt auch unsere IG. Die Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition ist offenbar für viele Junge nicht mehr relevant. Auch mit Feminismus haben junge Frauen nicht mehr viel am Hut. Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele: Auf der Suche nach neuen Vorstandsfrauen für die IG sind wir auf interessierte junge Theologinnen gestossen.

Wie alt sind denn die Mitglieder der IG?

Strahm: Die Mehrheit dürfte zwischen 40 und 55 Jahre alt sein, es gibt allerdings auch einige Mitglieder unter 30, die sehr engagiert sind. Und die Steigerung der anfänglich 40 Gründungsmitglieder auf heute 160 Personen stimmt mich zuversichtlich. Ich bin überzeugt, dass Feminismus und Gender-Themen immer wieder, vielleicht unter anderen Namen, auf den Tisch kommen und dass die IG dazu aktiv etwas beizutragen hat!

Doris Strahm (62) ist Theologin und Publizistin. Sie ist Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen und Mitglied des Interreligiösen Think-Tank.

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13. Oktober 2016 | 08:00
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