Ingrid Grave, Dominikanerin  | © Barbara Ludwig
Gedanken zum Sonntag
Ingrid Grave, Dominikanerin | © Barbara Ludwig

Gedanken zum Sonntag: Wozu ans Leben glauben?

Zum 1. Juli, 13.Sonntag im Jahreskreis (Markusevangelium 5,21-43)

Ingrid Grave*

Wozu, wenn ja alles schon abgestorben zu sein scheint? Wozu eine eingegangene Pflanze noch einmal bewässern? In der Hoffnung, dass noch verborgenes Leben in ihr steckt?

Die Geschichte vom Töchterlein des Jairus unter diesem Blickwinkel zu lesen, könnte eine überraschende Perspektive eröffnen. Es lohnt sich, dafür in die Tiefenschicht des Textes hinunter zu graben.

Jesus ist unterwegs. Viele Menschen umringen ihn. Da drängt sich einer vor, zu Jesus hin, ein Synagogenvorsteher. Er fleht um Hilfe für sein krankes Töchterlein, dessen Leben bedroht ist. Jesus geht mit ihm.

Und schon ein Zwischenfall: Eine blutflüssige Frau, von der Gesellschaft als Unreine streng gemieden, sucht von hinten her unentdeckt den Zipfel seines Gewandes zu ergreifen. Jesus spürt den Kraftstrom, der von ihm ausgeht; die Frau spürt, dass das Ausfliessen ihres Blutes zum Stillstand kommt. Neue Lebenskraft strömt in sie ein. Jesus spricht sie an mit «Tochter», denn sie ist eine erwachsene Frau.

Während er noch redet, kommen Leute aus dem Haus des Synagogenvorstehers und berichten, das zwölfjährige Mädchen sei gestorben. Wozu den Meister noch länger bemühen?

Jesus jedoch bemüht sich! Die ihn umgebenden Menschen lässt er zurück. Beim Haus des Jairus angekommen, vernimmt er Schreien und Weinen; manche Übersetzungen sprechen von einem Aufruhr um den Tod. Jesus hält dagegen und spricht vom Schlaf des Mädchens. Er wird ausgelacht. Denn eine solche Beurteilung der Sachlage ist nichts anderes als lachhaft. Hier weiss man, was Sache ist.

Der Text spricht wiederholt von einem zwölfjährigen Töchterlein. Nach damaliger Auffassung steht ein Mädchen in diesem Alter an der Schwelle zum Erwachsensein. Wird dem Töchterlein durch den überfürsorglichen Vater der Zutritt in ein eigenes, selbstbestimmtes Leben verwehrt? Lieber in eine Art todesähnlichen Schlaf fallen als für den Rest des Lebens allen Vorstellungen des eigenen Vaters entsprechen zu müssen?

Jesus betritt die Kammer der jungen Toten. Nur die Eltern und drei seiner Jünger nimmt er mit in den Raum. Er ergreift die Hand des Mädchens: «Ich sage dir, wach auf!» Das Mädchen erhebt sich und geht umher. «Gebt ihm zu essen!» ist die letzte Anordnung Jesu.

Körper und Seele gehören zusammen. Bei beiden Frauen hat Jesus wohl als erstes ihre verletzte Psyche, ihre leidende Seele zu neuem Leben erweckt.

*Ingrid Grave ist Dominikanerin in Zürich, wo sie sich in der Seelsorge engagiert. 

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