Gedanken zum Sonntag: Was Gott anfängt, führt er auch zu Ende

Zum 8. Juli 2018 (Ezechiel 2,2-5)  

Von Josef Imbach*

Wider alle Erwartungen, heisst es, kommt die Hand des Herren über Ezechiel. Überraschender noch ist der Anruf, den er in seinem Herzen zu vernehmen vermeint: «Menschensohn! Reiss deinen Mund auf und bringe dein gottentfremdetes Volk zur Besinnung!» Menschensohn? Gemeint ist ein ganz gewöhnlicher schwacher Mensch. Begreiflich, dass Ezechiel erst mal erschrickt. Wie so manche andere von Gott Herausgerufene vor ihm.

Dass Gotterwählte häufig mit Zaudern und Zagen reagieren, zeigt schon die Geschichte des Mose. Mit dem Hinweis, er könne «nicht gut reden» (Exodus 3,10-11), sträubt dieser sich zunächst, den Auftrag Gottes zur Kenntnis zu nehmen. Ähnliches ist überliefert von Jesaja, der mittels einer Vision zum Propheten berufen wird. «Da sagte ich: Weh mir, ich bin verloren, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen …» (Jesaja 6,5). Der gleichen Ausflucht bedient sich auch Jeremia: «Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung» (Jeremia 1,6).

Weshalb verhalten ausgerechnet die Auserwählten sich oft so zögerlich, wenn sie Gottes Stimme vernehmen? Warum versuchen sie, sich ihrer Sendung zu entziehen? Aus Bequemlichkeit? Aus Angst, auf Ablehnung zu stossen? Im Bewusstsein, der ihnen zugedachten Aufgabe nicht gewachsen zu sein? Oder fehlt es ihnen ganz einfach am nötigen Selbstwertgefühl? Sie selber äussern sich nicht dazu, leider.

Am Ende aber fügen sie sich dann doch in ihr Los.

Das erinnert mich an eine Diskussion anlässlich eines Einkehrtags mit Erwachsenen. Im Anschluss an einen Vortrag meldete sich eine junge Ärztin zu Wort. Nach mancherlei Zweifeln und innerem Ringen, sagte sie, habe sie ihren Beruf aufgegeben, weil sie zu der Überzeugung gelangt sei, dass Gott für sie einen anderen Weg vorgesehen habe. Sie wurde Leiterin einer Einrichtung, die Jugendlichen eine Chance bietet, von der Droge wegzukommen. Und dann berichtete sie von den unglaublichen Schwierigkeiten, mit denen sie sich ständig konfrontiert sah und die ihre Kräfte schlechtweg überstiegen. Sie erzählte von Vorfällen, welche alle Anwesenden zutiefst erschütterten. Sie beschrieb ihre Mutlosigkeit und ihre Verzweiflung, die sie immer wieder einmal befallen hatten. Und dann sagte diese Frau wörtlich: «Häufig war ich versucht, alles einfach an den Nagel zu hängen. Bis ich eines Tages erkannt habe: Aber es war doch ein Fingerzeig Gottes; er hat mich auf diese Aufgabe aufmerksam gemacht. Und da wusste ich: Was Gott anfängt, das führt er auch zu Ende. Diese Gewissheit hilft mir noch heute, wenn immer ich an meinen Kräften zweifle.»

* Josef Imbach ist Verfasser zahlreicher Bücher. Er unterrichtet an der Seniorenuniversität Luzern und ist in der Erwachsenenbildung und in der Seelsorge tätig.

Josef Imbach | © 2016 Michaela Stoll

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