Jacqueline Keune | © zVg
Gedanken zum Sonntag
Jacqueline Keune | © zVg

Gedanken zum Sonntag: Von selbst

Gedanken zum Sonntag, 17. Juni, 11. Sonntag im Jahreskreis (Markusevangelium 4,26–34)

Von Jacqueline Keune*

Meine Mutter hat eine Grundüberzeugung: Federer und «die Deutschen» gewinnen sowieso. Aber so wenig selbstverständlich es ist, dass YB Meister geworden und Roger Federer wieder die Nr. 1 ist, so wenig selbstverständlich ist es, dass die Deutsche Elf an der WM überhaupt mit dabei ist. Der vierfache Fussballweltmeister Italien kann ein Lied davon singen.

Es war auch nicht selbstverständlich, dass mein Zug diese Woche Winterthur erreicht hat. Von all den Menschen, die am 24. Juli 2013 von Madrid nach Ferrol wollten, sind 79 nie dort angekommen, weil für sie bereits in der Nähe von Santiago de Compostela für immer Endstation war.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ich heute Morgen aufgewacht bin. Dass ich nicht erst eine Stunde zu Fuss zu einem Wasserloch gehen musste, um mir die Nacht vom Gesicht waschen zu können. Dass ich – anders als Max – noch eine Speiseröhre habe und weiss, wie sich das Wort Mondsichel schreibt. Nichts ist selbstverständlich. Nicht der Arm am Rumpf, nicht der Reis auf dem Teller, nicht der Trost im Weinen, nicht das Geschenk am Geburtstag. Auch ein Geburtstag: nicht selbstverständlich. Eine heitere Seele, ohne Folter davonkommen, meine Geschwister, meine Brille, die Bäume, die Demokratie, nicht verlassen werden, nicht lügen müssen, dich verstehen – nichts versteht sich von selbst. Oder haben Sie gemeint, es sei selbstverständlich, nach 17 schiffbrüchigen Tagen und Nächten im Fischerboot vom Luxusliner aufgenommen zu werden? Der verzweifelt und mit letzter Kraft winkende Adrian Vásquez weiss es besser.

Schon so viel Gnade habe ich in meinem Leben erfahren. So viel Segen, der mir aus irgendwelchen himmlischen Fenstern zugefallen ist – zugestanden ist mir keiner.

Behütet sein, keine Angst haben brauchen, Brot im Kasten, Menschen um den Tisch, du, das Meer, der Wald, die Ärztin, die Kastanien vor dem Haus, die Arbeit, die Sinn gibt, meine Freiheit, die Papiere für Sükran und Aziz … Und wenn er ausbleibt, der Segen, die Erfahrung, es kommen neue Tage zu Danken.

«Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen auf die Erde streut, nachts schläft und tagsüber aufsteht, und der Same geht auf und wächst – der Mensch weiss nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst einen grünen Halm, dann eine Ähre und schliesslich eine Ähre voller Korn.»

Jacqueline Keune ist freischaffende Theologin und lebt in Luzern.

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