Gedanken zum Sonntag: Jetzt bist du an der Reihe!

zum 28. Mai 2017 – 7. Sonntag der Osterzeit (Apg 1,12-14; 1 Petr 4,13-16; Joh 17,1-11a.)

Jetzt bist du an der Reihe!

Thomas Wallimann*

«Jetzt bist Du an der Reihe!» Bisher hatte ich nur zugeschaut, wie man diese Fräse bediente, hab’ mir die Handgriffe vorgestellt. Jetzt aber bin ich auf mich allein gestellt. Wird es gelingen, diese Steinplatte richtig zu fräsen?

So oder ähnlich müssen sich die Jünger und Freundinnen von Jesus gefühlt haben, als sie sich in Jerusalem nach seiner Himmelfahrt versammelten. Es muss ihnen langsam aber sicher klar werden, dass dieser ihnen bisher bekannte Jesus so nicht mehr da ist. Definitiv!

Ohne es auszusprechen, muss ihnen aber auch klar werden: Jetzt sind wir an der Reihe.

Das Johannes-Evangelium dieses Sonntags zwischen Auffahrt und Pfingsten erzählt die Geschichte aus dem Blickwinkel von Jesus. Er spürt und weiss: Die Stunde ist da! Noch einmal erinnert er sich an seine Aufgabe und sieht seine Freundinnen und Freunde gut vorbereitet. Er zeigt sich überzeugt, dass sie fähig und bereit sind, den Namen Gottes weiterzutragen. Unmissverständlich bringt es Jesus für sich auf den Punkt: Ich bin nicht mehr in der Welt – sie, die Menschen, seine Freundinnen und Freunde, sind es. Nun liegt der Ball bei ihnen. Sie sind an der Reihe.

Was aber gilt es zu tun, wenn wir in der Nachfolge der ersten Freundinnen und Freunde Jesu von den Texten dieses Sonntags angesprochen sind? Was ist es, was Jesus uns in seiner eigenen Wahrnehmung auf den Weg gibt? Es geht um den Namen Gottes. Das ist alles!

Dieser Name Gottes aber hat es in sich. Die jüdische Tradition spricht den Namen Gottes ja gerade nicht aus und Mose hatte am Dornbusch genau diese entscheidende Frage: Wie lautet der Name Gottes? Die geheimnisvolle Antwort an Mose lautet: «Ich bin, der ich bin!»

Jesus sagt, er habe seine Jünger und Freundinnen gut vorbereitet. Und tatsächlich hat Jesus – so erzählen es die Evangelien – den Menschen gezeigt, was Sein ist. Er hat den Menschen zugehört, hat sie ernst genommen, ihre Sorgen und Anliegen, Fragen und Befindlichkeiten vor das Gesetz, Regeln und Interessen der Mächtigen gestellt. Seine Freundinnen und Freunde waren fasziniert, haben ihm jahrelang zugeschaut. Nun ist er weg.

Die Jünger und Freundinnen Jesu sind an der Reihe, das Sein auf Jesu Art weiterzugeben, zu erzählen, zu zeigen und den Namen Gottes in die Welt zu tragen. Und so lautet die Botschaft nach Auffahrt auch für uns und für mich: «Jetzt bist du an der Reihe!»

*Thomas Wallimann-Sasaki ist Theologe und Sozialethiker. Er ist Präsident a.i. der Nationalkommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz.

 

27. Mai 2017 | 17:00
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